Das Engwe ist ein echt richtiggehendes Schnäppchen: Derzeit ist es für rund 1100 Euro im eigenen Shop zu haben – Marken-Wettbewerber von Cube, Victoria und Co. wie hier im Test kosten gerne das drei- bis vierfache. Wie ist das möglich? Das haben wir uns zusammen mit den Kollegen der Schwesterzeitschrift Caravaning ganz genau angesehen. Übrigens: Hier haben wir weitere E-Bikes ab fairen 900 Euro in der Test-Zusammenfassung.

Als BikeX-Redakteur habe ich das riesige Glück, fast wöchentlich neue E-Bikes auf Herz und Nieren zu testen. Vom schicken City-Cruiser über den treuen Touren-Begleiter bis hin zur E-MTB-Trail-Maschine ist wirklich alles dabei. Schaut doch mal rein, was ich schon alles gefahren bin: Alle getesteten Räder findest du hier in der Übersicht.
Und übrigens: Mach mit bei unserer Leserwahl zum E-Bike des Jahres und gewinne Preise im Gesamtwert von rund 25.000 Euro.
Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!
Kurz & knapp: Engwe O20 Boost
- Klapp-E-Bike mit Vollausstattung und Alurahmen
- One-Size-Rahmen (1,55 bis 1,90 m)
- gemessene 27 kg schwer, 150 kg zulässiges Systemgewicht
- Angetrieben von eigenem Nabenmotor (75 Nm) …
- … kombiniert mit einem entnehmbaren 720-Wattstunden-Akku
- 8-Gang-Shimano-Kettenschaltung
- Hydraulische Scheibenbremsen und hydraulische Federgabel
- Preis: 1299 Euro (derzeit im Angebot für 1099 Euro)
Engwe O20 Boost: Alurahmen mit Riesenakku

Der 720-Wh-Akku findet an der Sitzstrebe Platz und kann separat an- und ausgeschaltet werden.
Angetrieben wird das Engwe von einem nicht näher benannten Nabenmotor – die angegebenen 75 Newtonmeter halten wir bei der üblichen 40 bis 50 Nm Konkurrenz für sehr optimistisch – dazu aber später mehr. Immerhin: Engwe setzt auf einen Drehmomentsensor statt auf einen simplen Trittfrequenzsensor, wie man ihn bei günstigen E-Bikes häufig sieht. Das verspricht eine deutlich natürlichere und feinfühligere Motorunterstützung. Auch der Akku überrascht: Sagenhafte 720 Wattstunden sind – auch für die Klappradklasse – echt irre viel. Verbaut sind dabei laut Hersteller sogar LG-Zellen – das klingt solide, lässt sich für uns aber nicht nachprüfen. Geladen wird über ein Ladegerät mit 4A Ausgang, optional gibt es angeblich sogar ein 8-Ampere-Ladegerät. Übrigens: Welcher Akku zu dir passt, und welche Reichweiten realistisch sind, sagen wir dir hier.
In jedem Fall klingt das Gesamtpaket für skeptisch veranlagte Tester zu schön, um wahr zu sein. Andersherum: Beim Erstkontakt waren wir bereits vom gut gemachten Alurahmen mit hinter der Sattelstütze angesetztem Akku durchaus angetan, auch der Faltmechanismus macht einen guten Eindruck. Mit gemessenen 27 Kilo ist das Engwe aber auch für die Kompaktradklasse schwer – Mitbewerber wie das neulich erst getestete Victoria Fylgran sind über ein Kilo leichter. Aber: Mit 52,5 × 85 × 88 cm (BxHxL) ist das Engwe für Klappradverhältnisse eher groß geraten – aber irgendwo muss der Preis ja herkommen.
Ausstattung: einfach, aber ausreichend

Das Faltmaß fällt mit 52,5 x 85 x 88 cm (BxHxL) vergleichsweise breit und lang aus.
Auch das überrascht: Das Engwe O20 Boost ist komplett alltagstauglich ausgestattet – solides Licht, typische 20"-Reifen, Hauptständer, Gepäckträger (bis 15 kg belastbar), Spritzschutz – hier fehlt erfreulicherweise nichts. Sogar eine "Find My"-Funktion ist an Bord, kompatibel mit iOS und Android – ein Feature, das wir in dieser Preisklasse schlicht nicht erwartet hätten. Gesteuert wird das Ganze über ein mittig positioniertes 3,5-Zoll-LCD-Farbdisplay im Engwe-eigenen Design, das sich per Bluetooth mit der Engwe-App verbinden lässt – darüber lassen sich unter anderem Unterstützungsstufen konfigurieren und Fahrdaten auslesen. Die Darstellung ist bei Sonnenlicht noch ausreichend ablesbar, wirkt aber nicht ganz so wertig wie die Displays der Platzhirsche.
Selbst die Sattelstütze ist mitfedernd, das ist ein Feature, das wir an manch teurerem Rad bitter vermissen und monieren. Vorn arbeitet eine hydraulische Federgabel mit 50 mm Federweg und einstellbarem Lockout. Die hydraulischen Scheibenbremsen mit Doppelkolben und 160-mm-Scheiben vorn wie hinten packen im Test zuverlässig und gut dosierbar zu – fallen aber selbst für Klappradverhältnisse klein aus. Die faltbaren Pedale tun, was sie sollen – nicht mehr und nicht weniger.
Perfekt ist beileibe jedoch nicht alles: Die Altus-8-Gang von Shimano mit einer 13–28T-Kassette ist per se nichts Schlechtes, als Kettenschaltung aber von sich aus anfällig gegen Rempler und Co. – das machen die Klassenkameraden mit wartungs- und ölfreiem Riemen samt Nabenschaltung einfach besser. Auch die wirre Kabellage am Lenker ist unschön und macht das Falten unnötig nervig. Aber: Bei dem Preis lässt sich das für unregelmäßige Nutzung sicher verschmerzen. Was wir von der unklaren Garantie- und Gewährleistungslage nicht behaupten können. Mit jedem namhaften Hersteller hat man im Radladen "um die Ecke" zumeist einen kundigen Ansprechpartner – bei Engwe muss ein Kontaktformular herhalten. Was im Garantiefall passiert, können wir dementsprechend nicht einschätzen; wir würden zwar nicht direkt von einem Kauf deshalb abraten, aber euch das zumindest als Überlegung mitgeben wollen.
Im Alltag gefahren: Engwe O20 Boost
Also aufgesessen und eine kleine Testrunde gedreht – denn kaum ein zukünftiger Engwe-Pilot wird ernsthaft damit weitere Strecken als bis zur nächsten Eisdiele fahren. Die Überraschung lässt nicht lange auf sich warten: Der Nabenmotor schiebt überaus kräftig an; selbst eingefleischte Tester vermuten hier einen nominell meist deutlich stärkeren Mittelmotor. Doch weit gefehlt – das Engwe setzt wie erwähnt auf einen No-Name-Nabenmotor mit 75 Newtonmetern Drehmoment, die wir ihm danach auch durchaus glauben wollen. Erfreulich dabei: Die kleine Boost-Taste an der linken Armatur zieht schlappe Piloten auch mal kurz aus dem Gänge-Keller heraus, ohne gleich zum Tour-de-France-Piloten mutieren zu müssen. Was allerdings auffällt: Wo wir sonst fast schon gespenstische Stille gewohnt sind, surrt der Engwe-Fluxkompensator gut hörbar vor sich hin.
Ansonsten fährt sich das O20 Boost auffallend unauffällig. Für die Klapp-Klasse typisch geht das Engwe zackig, vielleicht etwas kippelig ums Eck, fährt aber mindestens gut geradeaus. Lenker- und Sitzhöhe sind stufen- und werkzeuglos verstellbar und halten sicher. Allenfalls die quietschige Bremse nervt gelegentlich – was wir bei dem Preis und der allgemein guten Bremsleistung auch nach mehreren Notbremsungen aber verzeihen wollen.
Der Klapp-Mechanismus ist gut gelöst, wenn auch nicht perfekt: weitestgehend selbsterklärend, nur das Faltmaß ist (auch hier wie erwähnt) eher groß geraten. Schwerwiegender ist die leicht einzuklemmende Kabellage durch das Hauptrohr – hier muss man höllisch aufpassen, nicht durch den massiven Klapp-Mechanismus eines der offen durchlaufenden Kabel zu kappen.
Dennoch ist das Engwe insgesamt für uns eine der Überraschungen des Jahres. Zumindest in unserem kurzen Testzeitraum sind die meisten Schwächen alleine des Preises wegen zu verschmerzen, fahrerisch konnten wir dem Engwe beim besten Willen nichts vorwerfen. Wer ein günstiges, solide ausgestattetes Klapprad fürs Wohnmobil und kurze Ausfahrten sucht, sollte sich das Engwe durchaus ansehen – dabei aber unbedingt die mindestens schwierige Garantie- und Gewährleistungssituation im Kopf behalten.
👍 Das gefällt
- für den Preis einfach, aber vollständig ausgestattet
- riesiger 720-Wattstunden-Akku
- erstaunlich motivierter Nabenmotor
- guter Faltmechanismus, …
👎 Das weniger
- … der seine Kabellage aber besser schützen sollte
- mit gewogenen 27 Kilo eigentlich für die Klasse zu schwer
- 8-Ampere-Ladegerät optional
- Garantie und Gewährleistung mit Fragezeichen
💗 Das perfekte Rad für ...
- ... preisbewusste Wohnmobil- und Camper-Fahrer, die ein kompaktes E-Bike für kurze Ausfahrten vor Ort suchen – und dabei auf Markenname und Händlernetz verzichten können.





