1100 Euro für einen Zipp-Laufradsatz, der schneller sein will als die meisten, teils deutlich teureren Wettbewerber: Das ist der neue Zipp 404 S, den die US-Amerikaner als unangefochtenen Asphalt-Allrounder positionieren. Premium-Gefühl, ohne Premium-Panik an der Kasse – so das Versprechen von Zipp.

Die neuen Zipp 404 S sollen ein preislich aggressiver Einstieg in die Zipp-Laufradwelt sein.
Motto: Making you faster
Technisch ist der 404 S kein lauwarmer Aufguss, sondern ein Neustart mit klarer Richtung: Er baut zwar in der Zipp-Logik auf dem 303 S auf, schiebt sich aber mit einem 50‑mm-Profil in die Zone, in der Luftwiderstand zur Währung wird. Dementsprechend lautet der Marketing-Claim: Making you faster. Das mittelhohe Felgenprofil nimmt dafür Anleihen beim WorldTour-erprobten Firecrest-Design: schnell, aber nicht zickig – Zipp verspricht Premium-Aerodynamik bei hoher Seitenwindstabilität. In Zahlen: Gegenüber dem 303 S, dessen Produktion eingestellt wird, sollen rund zwei Watt weniger Tretleistung fällig sein. Und gegenüber Wettbewerbern, die "oft das Doppelte kosten", soll der Vorteil nicht nur im Marketing, sondern im Fahrtwind liegen. Zipp nennt hier konkret Scope Artech, Hunt, Roval Rapide, Roval Sprint oder Enve SES 4.5 Pro, die man im Windkanal (und beim Preis) deutlich hinter sich gelassen haben will – Konkurrenten wie DT Swiss, Swiss Side, Reserve, Campagnolo oder Fulcrum erwähnt Zipp hingegen nicht.

Die Hookless-Carbonfelge der Zipp 404 S ist 50 Millimeter hoch und innen 23 Millimeter breit. Klares Einsatzprofil: Rennräder und Asphalt, ein Gravel-Einsatz ist nicht vorgesehen.
Die Felge kommt mit 23 mm Innenweite (29 mm außen) und ist als Tubeless Straight Side (TSS), also hookless, ausgelegt und ISO-konform. Das eröffnet den Spielraum für 28 bis 39 mm Reifenbreite bei niedrigeren Drücken – maximal empfohlen sind 73 psi/5,0 bar. Die Idee dahinter: weniger Rollwiderstand, mehr Kontrolle, mehr Komfort auf "beinahe jedem" Straßenbelag. Wer klassisch fährt, darf auch einen Schlauch nutzen – vorausgesetzt, der Reifen ist hookless-kompatibel und der Druck bleibt im Rahmen.
Beim Aufbau setzt Zipp auf ein 20‑Loch-Vorderrad und 24‑Loch-Hinterrad, jeweils 2‑fach gekreuzt mit Sapim CX‑Sprint. Im Zentrum arbeitet der neue 76/176-Nabensatz mit Industrielagern und 36 Eingriffspunkten für schnellen Kraftschluss. Das Systemgewicht ist mit 115 kg angegeben. Unterm Strich bringt der Satz laut Hersteller 1585 g auf die Waage – inklusive Ventilen und Felgenband für Tubeless. Wahnsinnig leicht ist das nicht, Zipp betont aber, Carbonspeichen (die Gewicht sparen könnten) hätten die eigenen Entwicklerteams und Ingenieure bisher in über einjährigen Praxis- und Labortests nicht überzeugen können.

Die Zipp 404 S kommen mit einer neuen 76/176-Nabe sowie Sapim CX-Sprint Stahlspeichen - 20 am Vorder- und 24 am Hinterrad.
Optisch gibt’s die Wahl: weiße Decals im Pro-Team-Look oder dunkelgraue Understatement-Grafik. Gebremst wird per Center-Lock (Adapter/Lockring inklusive, Montage mit Kassettenabzieher). Freilaufseitig stehen SRAM XDR oder SRAM/Shimano Road zur Auswahl.

Die Bestellung der neuen Zipp 404 S-Laufräder ist ab sofort möglich, erhältlich sollen sie laut Zipp im August sein. Darüber hinaus setzen 2027er-Kompletträder von Canyon, Megamo, Ventum und einigen anderen Radherstellern werkseitig auf die neuen Zipp 404 S.
Und während der Name "404" bei Internetseiten für "nicht gefunden" steht, soll er hier das Gegenteil bedeuten: gefundenes Fressen für alle, die Aero wollen – aber nicht den Kontostand wegpusten lassen. Dazu passt die Absicherung: unbefristete Garantie plus Crash-Replacement-Programm. Wichtigster Hinweis für Abenteuerlustige: Das hier ist Straße, nicht Schotter – Gravel ist ausdrücklich nicht der Einsatzzweck.
Erster Praxistest: Zipp 404 S
Bewähren musste sich der neue Zipp 404 S knapp drei Monate lang bei Grouprides, Soloausfahrten, auf Pendelstrecken und in den Alpen. Dabei offenbarten die preislich attraktiven neuen Carbonlaufräder von Zipp viel Licht und ein wenig Schatten. Zum Licht gehört neben dem Preis das vergleichsweise geringe Gewicht: 695 Gramm bringt das Vorderrad, 816 Gramm das Hinterrad auf die Waage. Macht summa summarum als Set 1511 Gramm – anders als der Hersteller, der 1585 Gramm angibt, haben wir ohne Tubelessventile gemessen.

Die 404 S sind Zipps Antwort auf wachsende Preis-Leistungs-Konkurrenz - und grundlegend für 1100 Euro ein sehr attraktives Angebot.
Zur Einordnung: 1511 Gramm sind ein sehr ordentlicher Wert, wenn man die Dimensionen mit 50 Millimeter hoher und innen 23 Millimeter breiter Felge, Stahlspeichen und voluminösen Naben bedenkt. Für diejenigen, die früher noch mit Felgenbremsen gefahren sind: Selbst mit komplett flacher Felge waren 1500 Gramm Setgewicht für Felgenbremslaufräder durchaus eine magische Grenze. Dass heutzutage Hochprofilfelgen diese Werte recht locker erreichen und teilweise deutlich unterbieten, ist ein Hinweis darauf, wie sich die Technik weiterentwickelt hat. Aufgebaut waren die Laufräder mittig, kein Seiten- oder Höhenschlag trübte den Rundlauf.

Die Hinterradnabe ist sehr voluminös, der Freilauf knattert hell und sirrend.
In der Praxis gefällt die Beschleunigung: Die Zipp 404S gehen zügig nach vorne, auch wenn man keinen Raketenstart erwarten sollte. Hohes Tempo halten sie ausgesprochen leicht, subjektiv ist die Aerodynamik sehr gut. Luftströme hängen sich recht deutlich an die Felgen an, vor allem Böen sind am Vorderrad spürbar. Dennoch wird dies bei normalem bis schnellem Tempo von ca. 50 km/h nie unangenehm, die Laufräder sind stets sicher und vorhersehbar zu lenken und halten immer gut die Spur. Bei schnellen Abfahrten in den Alpen jenseits der 70 km/h spürt man hingegen deutlich, dass man mit Hochprofilfelgen unterwegs ist – dann fährt eine gewisse Unruhe mit, auf die Spitze treiben wollten wir die Geschwindigkeit nie, auch wenn wir mit flachen Felgen auf identischen Strecken oft schon schneller unterwegs waren.
Die Lager laufen leicht, auch die Goodyear Eagle F1 R Aero-Reifen überzeugten mit subjektiv geringem Rollwiderstand, ordentlichem Grip und sportlichem Handling. Mit nominell 29 Millimetern Breite und effektiv gemessenen 28,5 Millimetern sind sie heutzutage fast schon schmal – gut für die Aerodynamik, weniger gut, wenn man ein Plus an Komfort sucht.

Auf der Felge stehen die maximal zulässigen Luftdrücke für verschiedene Reifenbreiten und die Abkürzung TSS. Dass diese für Tubeless Straight Side, also übersetzt u.a. Hookless steht, wissen nur Eingeweihte.
Schwerer wiegt jedoch: Die Laufräder sind hookless, also hakenlos. Das an sich wäre noch kein Problem, aber das Wort "hookless" steht an keiner Stelle auf der Felge drauf. Allein die Abkürzung TSS (Tubeless Straight Side) weist eingeweihte Nutzerinnen und Nutzer darauf hin, dass zwingend Tubeless-Reifen wegen des stabileren Wulstkerns montiert werden müssen – und dass zwingend ein maximal zulässiger Luftdruck eingehalten werden muss, weil andernfalls der Reifen abspringen kann. Der einzuhaltende maximale Luftdruck steht zwar kleingedruckt auf der Felge drauf, unserer Meinung gehört aber zur Sensibilisierung, dass es sich um eine Hooklessfelge handelt auch zwingend der unmissverständliche Begriff hookless auf die Felge. Und selbst dieser würde technisch weniger bewanderte Nutzerinnen und Nutzer nicht zwingend auf die Herausforderungen der Hakenlos-Technologie aufmerksam machen.

Der rote Aufkleber verweist mitnichten auf die ebenso sicherheitsrelevante wie erklärungsbedürftige Hookless-Technologie, sondern ruft "nur" zur Produktregistrierung auf.
Umso erstaunlicher ist, dass auch der rote Aufkleber, der auf Vorder- und Hinterradfelge prangt, "nur" zur Registrierung des Produktes aufruft, nicht aber auf die Hookless-Thematik verweist. Folgt man dem Link oder QR-Code, kann man sein Produkt registrieren und findet auch eine umfangreiche Landingpage mit Information zu AXS-Laufradsensoren, grundsätzlichen Infos zu Zipp-Laufrädern, kompatiblen Reifen, passendem Reifendruck oder Pflege und Wartung – doch auch hier sucht man das Wort hookless zumindest auf der obersten Nutzungsebene vergeblich.

Die Zipp 404S überzeugten weitgehend im Labor- und Praxistest und sorgten auch für manche Nachfragen und Lob zur Optik. Beim Thema Hookless stiehlt Zipp sich aber etwas aus der Verantwortung.





