Warum Tadej Pogacar 165-mm-Kurbeln fährt – und was du daraus lernst

Vor- und Nachteile kürzerer Kurbeln
Deshalb fährt Tadej Pogacar 165-mm-Kurbeln

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 04.07.2026
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89th Tour de Suisse 2026 - Stage 5
Foto: Velo

Seit Tadej Pogačar zur Saison 2024 von 172,5- auf 165-mm-Kurbeln wechselte, scheint der Slowene unaufhaltsam: Der UAE-Kapitän holte zunächst das Double aus Giro d'Italia und Tour de France, wurde zweimal Straßenweltmeister, gewann kleinere Rundfahrten, Monumente und Eintagesklassiker. 2025 gewann er zum vierten Mal die Tour, 2026 will er nun in den Kreis der fünfmaligen Sieger rund um Eddy Merckx, Bernard Hinault, Jaques Anquetil und Miguel Indurain aufsteigen.

Wie reagiert die Fahrrad-Industrie auf den Trend?

Auch die Komponentenhersteller haben auf den wachsenden Bedarf reagiert – und zwar nicht mehr nur mit "Sonderlängen" für Nischenkunden, sondern mit deutlich breiterer Serienverfügbarkeit. Sram hat das Angebot an kurzen Road- und Gravel-Kurbeln in den vergangenen Saisons konsequent ausgebaut und viele Modelle inklusive Powermeter-Optionen ab 150 mm aufwärts in den regulären Handel gebracht. Shimano war lange stärker auf klassische Standardlängen fokussiert, bietet kurze Längen inzwischen aber ebenfalls häufiger und in mehr Modellreihen an. Campagnolo bleibt traditionell konservativer, doch auch hier ist die Bandbreite im Markt sichtbarer geworden: Kürzere Längen werden häufiger nachgefragt, weil sie in modernen Fit-Konzepten (Aero-Position, Hüftwinkel, Beckenstabilität) nicht mehr "nice to have", sondern Teil einer ganzheitlichen Performance-Optimierung sind.

Sind die Kurbellängen bei Neurädern kürzer geworden?

Hersteller wie Rose mit seinem Shave specen ihre Bikes mittlerweile mit kürzeren Kurbeln als zuvor. Auch Cervélo hat beim 2025 neuvorgestellten S5 das Tretlager um zwei mm tiefer gesetzt, um durch die kürzeren Kurbeln den Schwerpunkt des Systems aus Fahrer und Rad identisch zu halten. Statt kleine Rahmen mit "zu langen" Kurbeln auszuliefern und damit Bikefitter-Arbeit zu provozieren, wählen Marken heute häufiger 165–170 mm als robusten Mittelweg – gerade bei sportlichen Plattformen. Man sieht das zunehmend auch bei Direktversendern und performanceorientierten Konfigurationen: Wenn ein Hersteller wie Rose bei manchen Modellen (bis hin zu konsequent auf Aero und Effizienz getrimmten Set-ups) kürzere Kurbeln verbaut, ist das nicht nur ein "Pogacar-Effekt", sondern eine Reaktion auf Daten aus Fitting, Windkanal und Praxis. Für Kundinnen und Kunden bedeutet das: weniger Umbauzwang nach dem Kauf – und eine Sitzposition, die von Anfang an eher zu modernen Fahrstilen und den Anforderungen langer Renntage passt.

Erfahrungsbericht: So fühlt sich der Wechsel auf eine kürzere Kurbel an

Was sollten Hobbysportler beim Wechsel auf kürzere Kurbeln bedenken?

Das haben wir den Bikefitting-Experten Daniel Schade von Gebiomized gefragt.

Daniel Schade Gebiomized Portrait
Roderic Kreunen

Warum geht der Trend zu kürzeren Kurbeln?

Ich freue mich, dass die kürzeren Kurbeln derzeit so viel Aufmerksamkeit erfahren. Bei Gebiomized diskutieren wir das Thema schon seit zehn Jahren mit unseren Profiteams. Die waren anfangs sehr skeptisch, aber als wir deutliche Werte für den Aero-Nutzen und die Beckenstabilität liefern konnten, war die Überzeugung da. Die Idee kommt von den Zeitfahrpositionen. Denn bei einer tiefen Oberkörperhaltung wird das Becken nach vorn gekippt und so der Hüftwinkel verengt. Die Kraftübertragung ist dann bei zu langen Kurbeln stark eingeschränkt. In den letzten Jahren haben wir immer besser erkannt, wie sehr das die Leistung auch auf dem Straßenrad limitiert.

Bei einem Bikefitting wurde vor einigen Jahren meine Kurbellänge von 172,5 auf 170 Millimeter reduziert – hauptsächlich dadurch begründet, dass ich ein eher kleiner Fahrer bin. Zudem sollte es meine Explosivität bei Antritten verbessern. Den 2,5 Millimeter Unterschied habe ich aber ehrlicherweise kaum beim Treten gespürt. Simon Geschke, Ex-Profi

Wie hängen Kurbellänge und Körpergröße zusammen?

Unserer Erfahrung nach gibt es keinen generellen Zusammenhang, auch wenn große Räder in der Regel mit längeren Kurbeln ausgestattet werden. Glücklicherweise kommen seit einigen Jahren viele Radhersteller auf uns zu und bitten um Rat, welche Kurbeln an welcher Rahmengröße verbaut werden sollten. Ich sehe wenig Grund, eine 175er-Kurbel an großen Rädern zu verbauen. Ich bin der Meinung, dass 172,5 Millimeter selbst bei Rahmengröße XL ausreichen.

"Eine Kurbelarmlänge von 172,5 Millimetern ist selbst bei Rahmengröße XL ausreichend." – Daniel Schade, Gebiomized

Was spricht für kürzere Kurbeln?

Wir haben festgestellt, dass sich dadurch die Beckenstabilität verbessert. So ist es für den Fahrer leichter, den oberen Totpunkt beim Treten zu überwinden. Das ist der kritischste Bereich der Pedalumdrehung, da die Hüfte hier maximal verengt ist, der Oberkörper kann nur schwer unterstützen. Außerdem spielt die Ermüdung eine große Rolle. Die Tretbewegung 80 bis 100mal Mal pro Minute zu wiederholen, erzeugt nach vielen Stunden Kompensationsmuster bzw. Ausgleichsbewegungen. Das Becken stellt sich dann auf oder der Rücken wird rund – untere Rückenschmerzen sind die Folge. Oder das Knie wird am oberen Totpunkt herausgestellt, um unbewusst den Hüftwinkel zu öffnen. Das ist aber physiologisch ineffizient, man rutscht mehr auf dem Sattel herum, und aerodynamisch ist es ebenfalls schlechter, weil sich die Frontalfläche vergrößert.

"Kürzere Kurbeln verbessern Komfort und Leistung zugleich. Für längere Kurbeln spricht hingegen nicht viel." – Daniel Schade, Gebiomized

Sind kurze Kurbeln aerodynamisch besser?

Die kurze Kurbel selbst verbessert die Aerodynamik kaum, die Frontalfläche verringert sich nur marginal. Der Aero-Gewinn liegt vielmehr in der verbesserten Körperhaltung. Wenn jemand durch den geöffneten Hüftwinkel dank kürzerer Kurbel länger im Unterlenker oder in Aero-Position verbleiben kann, bringt das auf dem Zeitfahrrad bis zu 50 Watt. Auch wenn durch die kürzere Kurbel das Becken stabiler steht und der Sportler so weniger mit dem Oberkörper oder den Knien wackelt, optimiert sich der Luftstrom. Es ist die Summe aus mehreren Effekten, was den Aero-Gewinn ausmacht. Wir hatten jedenfalls noch keinen Aero-Test, bei dem die längere Kurbel aerodynamisch besser war.

Aero-Renner-Test 2020
Björn Hänssler

Welcher Fahrertyp profitiert am meisten von kürzeren Kurbeln?

Egal ob Bergfahrer oder Sprinter, ob "Drücker" oder "HochfrequenzKurbler": Wir schauen beim Bikefitting immer auf die Kompensationsmuster im Bewegungsablauf, also die Beckenstabilität oder eine Kniebewegung nach außen. Dann kann eine der Maßnahmen sein, dass wir die Kurbellänge kürzer wählen. Grundsätzlich gilt: Wer eine tiefe, aerodynamische Position fahren möchte, der profitiert in der Regel von kürzeren Kurbeln. Wer hingegen aufrecht sitzt oder keinen Performance-Gedanken hegt, der kommt auch mit längeren Kurbeln häufig gut klar.

Woran erkenne ich ob meine Kurbel zu lang für mich ist?

Vor allem an Rückenschmerzen, starkem Rutschen auf dem Sattel oder Knieproblemen. Dann kann eine kürzere Kurbel helfen. Zudem kann es sinnvoll sein, sich auf der Rolle zu filmen, um Kompensationsbewegungen zu erkennen. Auch wenn ein Trainingskollege sagt, dass mein Knie immer etwas nach außen wandert, kann das ein Anzeichen für eine zu lange Kurbel sein. Obwohl es manchmal kleine Bewegungen sind, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann und für die es professionelle Messmethoden braucht. Wackelt das Knie gegen Ende der Druckphase, dann ist es nicht unbedingt die Kurbellänge, sondern eher die Cleat-Einstellung bzw. der Support durch die Einlegesohle. Wenn das Knie aber gegen Ende der Zugphase oder am Anfang der Druckphase instabil wird, also am oberen Totpunkt, dann liegt es meiner Erfahrung nach häufig an einer zu langen Kurbel.

Wann ist meine Kurbel zu kurz?

Bei einer zu kurzen Kurbel kann sich die Beckenstabilität wieder verschlechtern, wenn der Sportler anfängt, im Sattel zu hüpfen. Das kommt in der Realität aber sehr selten vor, da viele Hersteller die Kurbellänge noch immer nach der Rahmengröße ausrüsten. Ich würde mal unterstellen: Wenn ein großer Sportler eine sehr kurze Kurbel fährt, dann wurde diese Entscheidung von ihm oder einem Bikefitter aus guten Gründen bewusst so getroffen.

Leistungsdiagnostik_Bikefitting
Robert Niedring

Was spricht für mehr Kurbellänge?

Eigentlich nicht viel: Wer jedoch seit Jahren längere Kurbeln beschwerdefrei nutzt, eine eher aufrechte Sitzposition bevorzugt, eine hohe Flexibilität in der Hüfte und im unteren Rücken mitbringt und keine Kompensationsbewegungen macht, der kann auch längere Kurbeln fahren. Dann gilt: "Never change a running system". Bei Antritten aus dem Stand oder Sprints kann die längere Kurbel theoretisch helfen, mehr Leistung zu generieren. Hier muss man aber abwägen: Der Sprint erfolgt in der Regel nach vielen Stunden im Sattel, in denen ich wiederum durch kürzere Kurbeln Kraft gespart hätte, die ich nun im Sprint zusätzlich einsetzen könnte. Zumal der Sprint im Straßenradsport typischerweise aus hohem Tempo beginnt und nicht aus dem Stand erfolgt.

Wie groß sollte der Sprung bei einer Kurbelarmveränderung sein?

Bis zu fünf Millimeter Unterschied halte ich in einem Schritt für unproblematisch. Wer mehr verändern will, sollte das besser stufenweise tun. Ein Extrembeispiel wäre, erst von 175 mm auf 170 mm, dann auf 165 mm und dann auf 160 mm zu reduzieren. Tadej Pogačar ist 2023 auch zunächst von 172,5 mm auf 170 mm gewechselt und erst zur 2024er-Saison auf 165er-Kurbeln umgestiegen. Das erleichtert die Umgewöhnung. Für Hobbyfahrer wird so ein großer Sprung leider kostspielig, da man mehrere Kurbeln kaufen müsste.

Kurbel Rennrad Shimano Ultegra
Shimano

Wie lange dauert die Anpassung an eine neue Kurbellänge?

Es braucht keine lange Umgewöhnungszeit, wenn man die Kurbel um maximal fünf Millimeter verändert. Viele Hobbyfahrer spüren den Unterschied nicht einmal, das habe ich bei uns im Labor oft erlebt. Will man hingegen von 175 auf 165 Millimeter gehen, sollte ein Zwischenschritt erfolgen. Und den sollte man einige Wochen fahren, um sich langsam heranzutasten: vier bis sechs Wochen mit ruhigen Runden und möglichst ohne Intervalle, damit der Körper sich an den neuen Bewegungsablauf gewöhnen kann.

Muss ich bei einer Kurbelarmveränderung auch andere Einstellungen anpassen?

Die gekürzten Millimeter an der Kurbel sollte man auf die Sattelhöhe draufgeben, damit der Kniewinkel identisch bleibt. Die Überhöhung wird größer, also die Höhendifferenz vom Sattel zum Lenker. Eventuell sollte dann auch der Lenker etwas höher montiert werden. Der Idealfall ist: Ein Sportler sitzt etwas zu hoch und durch die kürzere Kurbel passen nun automatisch Sitzhöhe und Hüftwinkel. Bei Kurbelarmveränderungen von mehr als fünf Millimetern sollten auch die Lenkerhöhe und der Sattelversatz für die optimale Gewichts- und Druckverteilung überprüft und ggf. angepasst werden. Das ist ein komplexes Zusammenspiel, bei dem ein ganzheitliches Bikefitting sinnvoll ist.

Bikefitting Indoor Trainer
Agron Beqiri

Sollte ich an allen Rädern die gleiche Kurbellänge fahren?

Die Länge der Kurbel muss nicht an jedem Rad im heimischen Keller identisch sein. Je aerodynamischer ich auf dem Rad sitzen will, desto größer ist der Nutzen einer kürzeren Kurbel. Daher ergibt sie in erster Linie am Zeitfahrrad oder auf dem Aero-Renner Sinn. Aber auch im Gelände ist eine kürzere Kurbel nützlich: Denn die Bodenfreiheit steigt, zudem verlagern die meisten Sportler das Gewicht offroad weiter nach vorn, über das Tretlager. Das verkürzt die effektive Sitzhöhe und verengt den Hüftwinkel. Wir haben vor vielen Jahren u. a. mit John Degenkolb und Jasper Stuyven auf Kopfsteinpflaster getestet und gemessen, dass ihr Hüftwinkel auf dem Pavé um drei bis fünf Grad kleiner wird, da sie auf dem Sattel nach vorn rutschen. Wir haben beiden zur kürzeren Kurbel für die Klassiker geraten. In der letzten Rennstunde bei Paris–Roubaix haben sie den Vorteil zu schätzen gewusst. Auch wer bergauf im Sattel tendenziell nach vorn rutscht, kann von einer kürzeren Kurbel profitieren.

Spannende Kurbel von Look

Für diejenigen, die nicht ständig die Kurbelarme wechseln möchten, hat der französische Hersteller Look mit der ZED 3-Monoblockkurbel ein spannendes Produkt in seinem Portfolio. Sie ist in drei Größen zu bekommen und ermöglicht durch eine Kontermutter Kurbelarmlängen von 155 mm bis 175 mm mit 2,5 mm-Sprüngen. Unterschieden wird dabei zwischen Size 1 (155 mm bis 160 mm), Size 2 (162,5 mm bis 167,5 mm) und Size 3 (170 mm bis 175 mm). Wir konnten diese Kurbel bereits am Corratec-Jubiläumsrennrad CCT Evo Ultra fahren. Der Preis der Look ZED 3 ist mit rund 1199 Euro jedoch recht happig.

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Thomas Terbeck