Deutschlands Alu-König bricht ein Tabu: Warum er jetzt doch über Carbon nachdenkt.

Kalle Nicolai im Interview
Made in Europe: Produktion, Verantwortung und kurze Wege

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 03.06.2026
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NICOLAIAluminium-Engineering aus Niedersachsen

Gründung: 1995
Mitarbeiter: 44
Standort: Mehle, Niedersachsen
Philosophie: Nicolai verbindet Ingenieurskunst, unkonventionelles Denken und kompromisslose Fertigung "Made in Germany" – mit dem Ziel, ultimative Fahrmaschinen für den harten Trail-Einsatz zu bauen.
Was zeichnet die Produkte aus? Extrem robuste und technisch ausgefeilte Bikes mit markanter Aluminium-Bauweise, hoher Fertigungstiefe und innovativen Konzepten wie der Pinion Motor-Gearbox-Unit im S16 MGU.
Kernkompetenzen: Entwicklung von Kinematik und Rahmen, CNC-Fertigung, Schweißen, Beschichten und Endmontage komplett am Standort in Deutschland.
Zielgruppe: Ambitionierte Rider und Technik-Enthusiasten, die maximale
Performance, Haltbarkeit und Funktion suchen.
Besonderheit in Entwicklung/Fertigung: Hohe Fertigungstiefe am eigenen Standort ermöglicht maximale Qualitätskontrolle, nachhaltige Produktion und schnelle Umsetzung technischer Innovationen.

Kalle, du produzierst seit Jahrzehnten Fahrräder "Made in Germany". Wie haben sich Fertigungsweisen, Rahmenbedingungen und zentrale Herausforderungen in dieser Zeit verändert?

Die Fertigung hat sich massiv professionalisiert. Früher war das viel Handarbeit, analoge Zerspanung und Improvisation, heute ist es High-Tech in der maschinellen Fertigung im Verbund mit handwerklicher Perfektion. Wir arbeiten mit modernster Konstruktions- und Simulationssoftware und 5-Achs CNC-Zentren, aber die zentrale Herausforderung ist geblieben: Die Lohnkosten in Deutschland zwingen dich zur maximalen Effizienz. Du kannst hier nicht einfach "billig" produzieren, du musst "schlauer" produzieren. Die bürokratischen Auflagen sind komplexer geworden, aber das zwingt uns auch dazu, jeden Prozessschritt technologisch zu optimieren. Für uns ist "Made in Germany" kein Marketing, Tradition oder Selbstverliebtheit, sondern ein funktionales Versprechen.

Nicolai
Eure Rahmen sind bekannt für extrem aufwendige Fräsarbeiten. Wie läuft eure Produktion konkret ab – arbeitet ihr stark automatisiert oder steckt noch viel Handarbeit dahinter?

Wir setzen auf einen Hybrid-Ansatz. Die CNC-Bearbeitung ist hochgradig automatisiert, weil wir nur so die erforderliche Präzision erreichen. Aber: Entscheidende Arbeitsschritte wie das Schweißen und die Montage bleiben bei uns Handarbeit. Ein Schweißroboter hat noch nicht das Fingerspitzengefühl, um die speziellen Anforderungen von 7020-T6 Aluminium in ein Feedback-Loop zu übertragen. Jede Schweißnaht bei Nicolai ist eine handwerkliche Signatur. Jeder Rahmen ist eine Symbiose aus maschineller Präzision und analoger Meisterschaft.

Bei der Aluminiumverarbeitung fallen viele Späne und Reststoffe an. Wie geht ihr mit diesen Materialien um? Wird alles recycelt?

Bei der Zerspanung produzieren wir tatsächlich ein hohes Volumen an Spänen. Diese sind jedoch kein Abfall, sondern ein wertvoller Rohstoff, aus dem wieder Aluminiumrohre und Profile gleicher Güte entstehen. Wir sortieren unsere Späne nach Legierungstyp und führen sie direkt dem Recyclingkreislauf zu. Der Unterschied zu Fernost ist auch die Transparenz: Ich weiß genau, wo mein Aluminium landet und dass es zu 100 % wieder zu hochwertigem Material umgeschmolzen wird.

Würdest du sagen, dass Hersteller in Deutschland oder Europa beim Thema Umweltstandards und Recycling einen echten Vorteil gegenüber asiatischen Ländern haben?

In Deutschland unterliegen wir strengsten Umweltauflagen – von der fachgerechten Kühl-Schmiermittelentsorgung bis zur lückenlosen Energiebilanz. Diese Standards sind hier Gesetz, während sie in Fernost oft nur vage Empfehlungen bleiben.

Natürlich müssen wir ehrlich sein: Diese Verantwortung schlägt sich in den Produktionskosten nieder. Nachhaltigkeit in Europa ist ein massiver Kostentreiber und auf dem Papier zunächst ein finanzieller Wettbewerbsnachteil. Aber diesen Nachteil nehme ich in Kauf. Wer sich für Nicolai entscheidet, investiert in ein Produkt, das unsere europäischen Standards als Standortfaktor versteht und erhält.

Auch unsere Kunden haben in ihrem persönlichen Lebens- und Arbeitsbereich Anspruch auf ein sozio-ökologisches Umfeld, das Zukunftssicherheit und Lebensqualität vereint. Dieses Umfeld sichern wir nur gemeinsam – durch konsequente Wertschöpfung vor Ort, in Südniedersachsen und in ganz Europa. Dafür gibt jeder, der bei uns arbeitet, täglich sein Bestes – als Teil einer Wertegemeinschaft aus Ridern und Machern – mit dem Anspruch, unseren Kunden ein außergewöhnliches Produkt zu liefern.

Nicolai
Ihr setzt stark auf Eloxierung. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht – sowohl technisch als auch ökologisch?

Bei der Oberfläche gibt es für uns kein pauschales 'Besser' oder 'Schlechter', sondern nur die richtige Lösung für den jeweiligen Einsatzzweck. Wir bieten Eloxierung, Pulverbeschichtung, Cerakote und natürlich unsere 'Extra Love' Parts an. Das Eloxieren ist technisch brillant, weil es eine extrem harte Konvertierungsschicht direkt im Material bildet, die die Struktur der Oberfläche eins zu eins abbildet. Aber: Bestimmte Legierungen an unseren Frästeilen neigen beim Eloxieren zu Farbschattierungen. Wenn uns das Ergebnis technisch oder ästhetisch nicht überzeugt, bieten wir Eloxal für diese Rahmen gar nicht erst an. Ökologisch gesehen hat jede Methode ihre Berechtigung, solange sie die Langlebigkeit des Rahmens erhöht.

Gibt es bei Themen wie Qualitätssicherung oder Transparenz klare Vorteile gegenüber asiatischer Produktion?

Unsere In-House-Fertigung am eigenen Standort bedeutet eine maximale Fertigungstiefe, was mir die bestmögliche Qualitätskontrolle bietet. Ich kann jederzeit in die Produktion gehen und jedes Detail prüfen und dokumentieren. Wir haben hier eine Rechtssicherheit und Qualitätsstandards, die du in Asien aufwändig über externe Agenturen kontrollieren lassen musst. Bei uns ist Qualitätssicherung kein nachgelagerter Prozess, sondern Teil der Unternehmenskultur.

Nicolai
Nicolai war in den letzten Jahren oft sehr schnell, wenn es um neue Motoren oder technische Entwicklungen ging. Helfen euch dabei die kurzen Wege und die lokale Produktion?

Unsere kurzen Wege und die damit verbundene schnelle Reaktionszeit sind ein großer Vorteil. Absolut. Wenn ein neuer Motor kommt, etwa von Bosch oder Pinion, starten wir sofort mit CAD und FEM und einige Wochen später haben wir den ersten Prototypen auf dem Prüfstand. Wir müssen nicht auf Container warten oder mit Zeitverschiebung kommunizieren. Diese kurzen Wege erlauben uns, technische Entwicklungen sofort zu implementieren.

Ihr fertigt ausschließlich Aluminiumrahmen, obwohl Carbon im Markt dominiert. Warum habt ihr euch bewusst dagegen entschieden?

Wer mich kennt, weiß, dass ich Carbon im Rahmenbau in der Vergangenheit sehr kritisch gegenüberstand. Das war kein Dogma, sondern basierte auf handfesten physikalischen Herausforderungen. Nehmen wir nur die unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten im Materialverbund – das ist eine massive konstruktive Hürde für dauerhafte Haltbarkeit. Dazu kommt das Thema Delamination nach einem Crash oder die punktuelle Verletzlichkeit bei harten Aufschlägen. Bei Aluminium siehst du, was los ist. Carbon kann innerlich strukturell zerstört sein, während es außen gut aussieht.

Aber: Die Werkstoffwissenschaft bleibt nicht stehen. Wir sehen heute Fortschritte bei den Harzsystemen und den Verarbeitungsprozessen, die genau diese Risiken – Impact-Resistenz und Verbundstabilität – adressieren. Als Ingenieur wäre ich ignorant, wenn ich diese Evolution nicht berücksichtige. Wir stellen uns gerne die Frage: Wie lässt sich Carbon so verarbeiten, dass es unseren hohen Nicolai Anspruch an mechanische Integrität und Sicherheit erfüllt? Wir werden diesen Werkstoff aber erst einsetzen, wenn wir eine Lösung haben, die auch auf dem Trail einen echten Schritt nach vorne bedeutet.

Wenn wir über Carbon 'Made in Europe' sprechen, reden wir über eine völlig andere Kalkulation als in Fernost. Eine Herausforderung ist die enorme Arbeitsintensität der klassischen Hand-Layup-Verfahren. Dazu kommt die energetische Komponente: Die thermische Aushärtung in Autoklaven ist energieintensiv. Bei den aktuellen Strompreisen in Europa ist das ein wichtiger Faktor. Nur wenn wir den gesamten Prozess radikal neu denken, macht eine europäische Carbonfertigung für eine Marke wie Nicolai Sinn.

Woher bezieht ihr eure Rohstoffe? Und wie wichtig ist euch Transparenz in der Lieferkette?

Rohre und Aluminiumplatten, sowie die Extrusionen kommen aus Deutschland, Belgien,Tschechien, Holland – und bei speziellen Komponenten auch aus Asien, denn es gibt Prozesse wie zum Beispiel ‘Hydroforming’, für die es keine Lieferanten in Europa mehr gibt. Unabhängig vom Lieferland ist Transparenz hier das A und O. Für unseren Qualitätsanspruch ist es eine Grundvoraussetzung, dass wir keine Rohstoffe aus zweifelhaften Quellen beziehen. Wir verkaufen Bikes, deren Herkunft wir bis zum Rohmaterial belegen können.

Wird "Made in Europe" in Zukunft eher zum Nischenmodell oder hat es das Potenzial, stärker zu wachsen?

Ich glaube fest an die europäische Fertigung. "Made in Europe" wird kein Nischenmodell bleiben, wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen: Innovation, Qualität und echte Nachhaltigkeit. Die Kunden werden kritischer gegenüber Produkten, die einmal um den Globus geschifft werden. Wenn wir es schaffen, die Automatisierung und neue Werkstofftechnologien hier vor Ort zu meistern, wird die Produktion in Europa absolut wettbewerbsfähig – nicht über den Preis, sondern über den Wert.