"Warum sollte man sich das freiwillig antun?"
"Mir tut schon nach 50 Kilometern der Hintern weh."
"Wär mir ja zu langweilig, so lange auf dem Fahrrad."
Das waren die Reaktionen von Menschen, nachdem ich erzählt habe, dass ich in diesem Jahr das erste Mal 300 Kilometer am Stück Radfahren will.
Man merkt, ich bin nicht gerade von Fahrrad-Enthusiasten umgeben. Auch deshalb fühlen sich die 300 schon nach einer amtlichen Challenge an. Vor zwei Jahren bin ich das erste Mal 100 Kilometer gefahren und fühlte mich danach schon so krass, dass ich mich quasi schon im Le-Tour-Femmes-Peloton gesehen habe. Jetzt also die dreifache Länge.
Das Event der Wahl: die Mecklenburger Seenrunde
An den Start geht’s für mich beim Radmarathon Mecklenburger Seenrunde (MSR). Start und Ziel sind in Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Vorteil: Keine Berge. Weiterer Vorteil: Gute Stimmung an der Strecke und alle 40 bis 50 Kilometer ein bestens ausgestatteter Verpflegungspunkt, inklusive Massagen und Fahrrad-Reparatur-Service. Ich bin recht optimistisch, dass ich die 300 Kilometer unter diesen Bedingungen gut schaffen sollte.

20:30 Uhr: Meine gewählte Startzeit ist 21 Uhr - das heißt, es wird die Nacht durchgefahren.
Eine halbe Stunde vor dem Start sitze ich dann doch etwas nervös auf einer Bank neben Duzenden geparkten Rennrädern. Alles deutlich krassere Bikes als mein gutes altes Cannondale Topstone Gravelbike. Die dazugehörigen Fahrer sind überwiegend männlich und sehen sehr fit und ambitioniert aus. Ob ich da mithalten kann? Wird meine Vorbereitung ausreichen? Meine weiteste Strecke waren bisher 215 Kilometer. Was wenn ich zu wenig Klamotten dabei habe? Zu wenig Snacks? Wenn ich einen Defekt habe, den ich nicht reparieren kann? Bevor ich mich weiter verrückt machen kann, ist es glücklicherweise Zeit, endlich zur Startlinie zu rollen.
Kilometer 42

22:50 Uhr: Die Depots alle 40 bis 50 Kilometer machen den Reiz der Veranstaltung aus und helfen, sich die 300 Kilometer gedanklich in kleine Häppchen einzuteilen.
Erster Stopp. So weit, so gut. Keine größeren Zwischenfälle. Das Wetter hat sich nach einem Regenschauer zum Start wieder beruhigt. Obwohl die MSR kein Massenstart-Event ist – vielmehr starten kleine Gruppen im 15-Minuten-Takt – haben sich auf den ersten Kilometern Gruppen gebildet. So enges Fahren bin ich als Solo-Bikepackerin absolut nicht gewöhnt, weshalb Handzeichen, Verhalten, Tempoanpassung etc. meine ganze Konzentration brauchen. Willkommene Ablenkung.
Kilometer 120

2:45 Uhr: Für viele MSR-Teilnehmer ist die Fahrt durch die Nacht Teil des Erlebnisses, man kann aber auch früh am Morgen starten und nur bei Tage fahren.
Es ist 2:45 Uhr. Viertel vor drei! Nachts! Ich bin zwar eine Nachteule, aber das ist auch für mich normalerweise Schlafenszeit. Entsprechend groggy sitze ich an Verpflegungspunkt Nummer drei und esse Pflaumenmus-Brot. Locker-flockig fühlt sich das Ganze nicht mehr an, auch wenn das Fahren durch die stille Dunkelheit unbestreitbar seinen Reiz hat. Sind die ersten Kilometer nur so verflogen, wird’s jetzt härter. Nicht so sehr körperlich, sondern vor allem mental. Noch nicht mal die Hälfte geschafft und ich bin schon fast sechs Stunden unterwegs. Ui ui ui, das könnte noch richtig hart werden.
Kilometer 150

4:30 Uhr: Idyllischer Sonnenaufgang über der Seenplatte? Fehlanzeige. Es wird irgendwann einfach hell.
Halbzeit. Die Gruppen haben sich aufgelöst und ich bin meist allein auf den gar nicht so flachen, sondern merklich welligen Seenplatten-Straßen unterwegs. Habe auf den letzten Kilometern einige andere Teilnehmer in der Dunkelheit an der Strecke stehen oder sitzen sehen. Weiß nicht genau, ob sie Defekte hatten, auf andere gewartet haben oder einfach kurz eine Pause brauchten. Ich komme zum Glück ganz gut durch, auch wenn altbekannte Schulterschmerzen mich plagen. Hoffe, dass es nicht noch schlimmer wird. Hatte auch schon ein, zwei krasse Müdigkeitsphasen, in denen mir die Augen fast zugefallen sind. Immerhin wird’s langsam wieder hell.

7:20 Uhr: Kohlenhydrate und Koffein für die letzten 100 Kilometer.
Joa, es zieht sich schon ein bisschen. Grade befinde ich mich mitten im größten zusammenhängenden Waldgebiet Mecklenburg-Vorpommerns und schlürfe in einem kleinen Feuerwehrhäuschen die beste Brühe meines Lebens. Nachdem die Elektrolyte meine Lebensgeister wieder halbwegs geweckt haben, gibt’s mit Müsli und Kaffee noch ein richtiges Frühstück hinterher. Auf dem Rad habe ich mir die zunehmend zäh werdende Zeit mit dem Snacken von Jogurt Gums und Trail-Mix-Nüssen vertrieben (eine Kombination, die ich nach dieser Nacht erst mal nicht mehr sehen kann). Langsam läuft aber auch der Samstagmorgen-Verkehr an und die Straße fordert wieder mehr Aufmerksamkeit verglichen mit dem meditativen Nachtfahren. Nur noch 100 Kilometer. Quasi eine entspannte Trainingsfahrt – rede ich mir ein.
Kilometer 244

9:48 Uhr: Ich bin platt nach fast 13 Stunden auf dem Rad und ca. 24 Stunden wach sein.
Die letzten 100 ziehen sich wie Kaugummi. Es fühlt sich an, als würden die Kilometer gar nicht vergehen. Aber: Immer öfter stehen wieder Zuschauer am Straßenrand und feuern uns an. Das lässt die Müdigkeit kurz vergessen!
Kilometer 280

11:15 Uhr: Die Zuschauer an der Strecke entfachen noch einmal ungeahnte Energie für die letzten Kilometer.
Hä?! Warum fährt es sich auf einmal so leicht? Offenbar habe ich endlich ein wirksames Mittel gegen die immer noch vorhandene Müdigkeit gefunden: Schneller fahren! Hätte ich das mal vorher gewusst. Je näher ich dem Ziel in Neubrandenburg komme, desto rasanter werde ich. Meine Schulterschmerzen? Ebenfalls weg! Einen Mitfahrer nach dem anderen sammele ich ein, sprinte die Anstiege förmlich nach oben. Ein Ordner ermahnt mich sogar in Neubrandenburg, etwas langsamer um die Kurve zu fahren. Mit den schnellsten 50 Kilometern des gesamten Rennens in den Beinen biege ich nach insgesamt 16 Stunden auf die Zielgerade ein.
Kilometer 306

13 Uhr: Stolz und glücklich über mein erstes Radrennen und die ersten 300 Kilometer!
300 Kilometer – check! Da sind sie im Kasten. Natürlich gab es Höhen und Tiefen, insgesamt lief es aber top für mich. Und mit meinen 25 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit bin ich absolut zufrieden. Besonders mein Zielsprint zeigt mir aber, dass da vermutlich noch Luft nach oben ist. So aber fahre ich um ein tolles und einzigartiges Erlebnis reicher wieder nach Hause. Der 1.10.2026 ist bereits in den Kalender eingetragen – da ist der Anmeldestart für die MSR 2027.





