"Die Zukunft des E-Bikes ist stufenlos": Wie ein Toyota-Getriebe das E-Bike revolutioniert

Schalten war gestern: 150-Nm-Automatik-Motor
Gobao E-CVT-Motor zum ersten Mal gefahren!

ArtikeldatumVeröffentlicht am 24.07.2026
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Schalten ohne Schaltwerk? Das Thema tauchte in der MTB-Welt schon oft auf. Ende der 2000er Jahre sorgte Bergamonts Big Air G9 mit Suntour-Getriebebox für Aufsehen. Es folgten die Pinion-Getriebe und zuletzt Pinions MGU, die E-Bike-Motor und Schaltung in einer Einheit vereint. Die Vorteile klingen seit jeher verlockend: weniger Verschleiß, keine beschädigten Schaltwerke, eine zentrale Massenverteilung und Schalten unter Last. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Bislang blieben solche Konzepte eine Nischenlösung.

Kurz & knapp: Gobao X1 und X1P

  • Max. Drehmoment: X1 120 Nm, X1P 150 Nm
  • Spitzenleistung: X1 1200 W, X1P 1500 W
  • Gewicht: je 3,85 kg
  • Übersetzungsbandbreite: X1 400 %, X1P 500 %
  • Akkuoptionen: 500/750/900 Wh
MOUNTAINBIKE-Testchef Chris Pauls
Chris Pauls
MOUNTAINBIKE-Redaktionsleiter, -Testchef & E-MTB-Experte

Neue Entwicklungen in der E-CVT-Technologie

Explosionsartige Darstellung des GOBAO X1P E-Bike-Antriebssystems mit Motor, Akkus, Displays und Bedienelementen.

Jetzt kommt neuer Schwung in das Thema. Mit Avinox und Gobao arbeiten gleich zwei chinesische Hersteller an sogenannten E-CVT-Antrieben (Electronic Continuously Variable Transmission), also elektronisch geregelten, stufenlosen Getrieben. Statt fester Gänge versprechen sie eine stufenlose Übersetzung, die sich automatisch an Fahrsituation und Trittfrequenz anpasst. Gobao ist dabei schon einen Schritt weiter und ließ uns seinen X1P-Antrieb auf der Eurobike bereits kurz fahren und gewährte erste Einblicke in die Technik. Grund genug, das neue Konzept genauer zu erklären.

Funktionsweise des Gobao E-CVT-Systems

Ein Mittelmotor, ein zweiter Elektromotor und ein Planetengetriebe – mehr braucht das neue E-CVT-Konzept von Gobao nicht. Tatsächlich steckt dahinter eine Technik, die ihre Wurzeln in der Automobilindustrie hat. Genauer gesagt: im Hybridantrieb von Toyota. Dort sorgt das sogenannte "Power Split Device" (PSD) seit 1997 dafür, dass sich die Übersetzung stufenlos verändert – ganz ohne Schaltvorgänge. Genau dieses Grundprinzip überträgt Gobao nun auf das E-Bike.

Unterschiede zu klassischen stufenlosen Getrieben

Der Begriff E-CVT sorgt dabei leicht für Missverständnisse. Viele verbinden damit die klassischen stufenlosen Getriebe aus Motorrollern oder Kleinwagen wie den niederländischen DAF-Modellen mit Variomatic. Dort verändern zwei verstellbare Kegelscheiben und ein Stahlband beziehungsweise Riemen die Übersetzung stufenlos. Das Gobao-System arbeitet jedoch nach einem völlig anderen Prinzip. Statt Variator und Riemenantrieb bildet ein Planetengetriebe das Herzstück des Antriebs. Es besteht aus drei zentralen Getriebegliedern: Sonnenrad, Planetenträger mit den Planetenrädern und Hohlrad. Werden zwei dieser Elemente angetrieben beziehungsweise geregelt, ergibt sich daraus automatisch die Drehzahl des dritten.

Gobao X-System: zwei Motoren, eine Aufgabe

Auch Gobao kombiniert zwei Elektromotoren mit einem Planetengetriebe. Laut der Schemazeichnung werden Fahrer- und Motorleistung gemeinsam ins Hohlrad eingeleitet, während der Regelmotor über das Sonnenrad die Übersetzung steuert. Der Output erfolgt über den Planetenträger. So verändert sich die Übersetzung stufenlos, ohne dass klassische Gangwechsel notwendig sind. Gobao gibt dafür eine Übersetzungsbandbreite von bis zu 500 Prozent an. Während sich Geschwindigkeit und Last ändern, kann die Trittfrequenz des Fahrers nahezu konstant bleiben.

Vergleich mit klassischen Schaltungen

Auch moderne Zwölffach-Kettenschaltungen bieten mit rund 520 Prozent eine ähnlich große Übersetzungsbandbreite – allerdings in festen Gangsprüngen. Gerade darin liegt für viele Mountainbiker der Reiz klassischer Schaltungen: Jeder Gangwechsel ist sichtbar, spürbar und mechanisch nachvollziehbar. Beim E-CVT läuft dieser Prozess dagegen nahezu unsichtbar und unmerklich im Inneren des Antriebs ab. Die Elektronik passt die Übersetzung kontinuierlich an Last, Geschwindigkeit und die gewünschte Trittfrequenz an. Wer dennoch nicht auf ein klassisches Schaltgefühl verzichten möchte, kann virtuelle Gänge aktivieren. Ob acht, zehn oder zwölf Gänge – die Anzahl der Schaltstufen lässt sich frei per Software festlegen.

Mehr als eine Automatik

Interessant ist auch, dass diese Architektur weit mehr Möglichkeiten eröffnet als eine reine Automatikschaltung. Weil der zweite Elektromotor ohnehin ständig mit dem Planetengetriebe verbunden ist, kann er nicht nur die Übersetzung regeln, sondern auch gezielt Drehmoment aufnehmen oder abgeben. Genau diesen Effekt nutzt beispielsweise Hepha bei seinem auf der Eurobike gezeigten Urban-X-Konzept. Dort erzeugt der Regelmotor beim Rückwärtstreten ein Gegenmoment und simuliert so eine Rücktrittbremse. Prinzipiell ist auch Rekuperation möglich: Dabei arbeitet der zweite Elektromotor – wie bei Toyota – als Generator und speist beim Bergabrollen oder Bremsen Energie zurück in den Akku.

Detailaufnahme eines E-Bike-Mittelmotors mit Zahnriemenantrieb und Kurbelarm an einem weißen Fahrradrahmen.
Motor Presse Stuttgart

Auswirkungen auf das Bike-Design

Neben dem Schaltkomfort verändert das E-CVT auch den Aufbau des Bikes. Besonders Fullys können von der zentraleren Massenverteilung profitieren. Kassette und Schaltwerk entfallen. Am Hinterrad genügt ein einzelnes Ritzel, zudem lässt sich ein wartungsarmer Zahnriemen einsetzen. Somit wandert ein Teil der bislang am Hinterrad sitzenden Masse Richtung Tretlager. Das bringt Vorteile für das Fahrwerk: Die geringere ungefederte Masse ermöglicht es dem Hinterrad, agiler auf Unebenheiten zu reagieren.

Herausforderungen & Zukunftsaussichten

Ganz ohne Herausforderungen kommt das Konzept sicher nicht aus. Das System ist konstruktiv deutlich komplexer als ein herkömmlicher Mittelmotor mit Kettenschaltung. Zwei Elektromotoren, komplexe Software und Planetengetriebe müssen perfekt zusammenarbeiten. Bei ersten Fahrtests auf der Eurobike war deutlich zu spüren, dass sich das System noch in der Entwicklung befindet. Zudem stellt sich die Frage nach Wirkungsgrad, Langzeithaltbarkeit und Servicefreundlichkeit. Gobao und Avinox versprechen zwar ein wartungsfreies Getriebe – ob sich das im harten Trail-Alltag bewahrheitet, müssen jedoch erst Langzeittests zeigen.

Das E-CVT ist sicher mehr als eine weitere Motor-Getriebe-Einheit. Ganz neu ist das Prinzip zwar nicht: Toyota setzt es bereits seit knapp 30 Jahren im Prius ein. Dort hält das "Power Split Device" den Verbrennungsmotor möglichst häufig im optimalen Wirkungsgradbereich. Genau dieses Prinzip hält nun Einzug ins E-Bike. Auch Elektromotoren arbeiten nicht in jedem Last- und Drehzahlbereich gleich effizient. Mithilfe eines E-CVT könnten sie häufiger im optimalen Wirkungsgradbereich arbeiten. Ob sich daraus tatsächlich spürbare Vorteile bei Reichweite und Effizienz ergeben, müssen Tests erst noch zeigen.

Schnelllade-Technologie

Das Bild zeigt das Modell EC-521FEU, ein rechteckiges elektronisches Gerät mit dem Markenlogo GOBAO. Das Gehäuse ist dunkelgrau, mit einem Anschluss und Lüftungsgitter an der Stirnseite. Die Aufnahme ist freigestellt vor weißem Hintergrund.

Das E-CVT ist dabei nicht die einzige Neuheit: Mit einem kompletten Antriebsökosystem und dem neuen Super Charger präsentierte Gobao gleich den nächsten Paukenschlag. Das 1,5-kW-Ladegerät lädt mit bis zu 30 Ampere an einem 52-Volt-Batteriesystem und soll einen 750-Wh-Akku in nur 20 Minuten von 10 auf 80 Prozent bringen – rund viermal schneller als viele aktuelle Systeme.

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Fazit