Manchmal kommen Engel in seltsamen Gestalten. Meiner heißt heute Filippo und trägt die Rückennummer 903. Gerade habe ich mich auf letzter Rille über die abschließenden der insgesamt 4100 Höhenmeter gekämpft und mich innerlich schon damit abgefunden, die finalen rund 30 Kilometer ziemlich unwürdig und alleine ins Ziel zu schleichen. Da kommt Filippo von hinten angeschossen. Doch anstatt mich einfach in seinem Staub zurückzulassen, wie ich es in meinem Zustand verdiene, ruft er mir irgendetwas Italienisches zu. Keine Ahnung, was er genau gesagt hat, aber seine mehrfachen Schulterblicke sprechen eine eindeutige Sprache: Ich soll mich in seinen Windschatten hängen, er zieht mich nach Hause. Kurz zweifle ich, ob ich wirklich noch die Beine für eine finale Beschleunigung habe und will ihm schon zu verstehen geben, dass ich echt nicht mehr kann. Doch irgendwie bekomme ich doch noch ein paar Watt aus meinen müden Beinen herausgequetscht. Gerade genug, um das Hinterrad eben halten zu können. Der Tacho schnellt auf nicht mehr für möglich gehaltene 40 Sachen nach oben, Zuversicht und Zutrauen wachsen, meine Stimmung steigt. Als wir die 10-km-Marke passieren, überkommt mich eine seltsame Mischung aus unfassbaren Glücksgefühlen und Demut. Keine Ahnung, ob das das berühmte "Runners High" ist, aber es fühlt sich gut an. Nach und nach sammeln wir weitere Mitfahrer ein, unser kleines Gruppe wächst stetig, bis wir schließlich mit rund 10 Leuten die Vororte von Cuneo erreichen. Der Ort, wo mein Rennen vor mittlerweile mehr als 8 Stunden begann.

Genau 2205 Fahrerinnen und Fahrer aus 33 Ländern waren beim La Fausto Coppi in Cuneo am Start.
La Fausto Coppi: Zahlen, Daten, Fakten
Der Granfondo Fausto Coppi gehört zu den berühmtesten Jedermann-Rennen Italiens, exakt 2205 Fahrerinnen und Fahrer aus 33 Ländern sind in diesem Jahr am Start, um eine der drei Strecken in Angriff zu nehmen. Zur Auswahl stehen der 101 km lange Fauniera Classic, der Mediofondo mit 111 km und der Granfondo über stolze 170 km und mehr als 4100 Höhenmeter. Selbstredend habe ich mich für die lange Version entschieden. Nicht zuletzt aufgrund meiner Fähigkeit, mir die Strecke innerlich schön zu reden. Denn das Profil sieht auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch aus: Erst eine lange Anfahrt von rund 50 Kilometern zum Warmfahren, ehe in Sampeyre der erste längere Anstieg des Tages wartet. 1305 Höhenmeter wollen auf einer Strecke von 15 Kilometern bezwungen werden, ehe ab Kilometer 90 der wirkliche Scharfrichter wartet: der eindrucksvolle Colle Fauniera oder auch treffender Colle di Morti (Pass der Toten) genannt. Mehr als 20 Kilometer lang geht es bis auf eine Höhe von 2471 Metern. Im Schnitt sind es 8%, zur besonderen Würze warten zwischendurch Rampen mit 16% bis 20%. Die sind zwar nur wenige Meter lang, reichen aber, um massiv Körner zu ziehen. Hier setzt mein schönfärberischer Sinn ein, denn wenn nach 110 Kilometern die Passhöhe erreicht ist, geht es die finalen 60 Kilometer eigentlich nur noch bergab ins Ziel. Also "eigentlich", denn zwischendrin wartet mit der Madonna del Colletto ein letzter Anstieg, der aber angesichts der beiden Giganten zuvor mit seinen 545 Höhenmetern nur wie ein kurzer Hügel wirkt und nichts, wovor man sich fürchten müsste. Er sollte mich eines Besseren belehren.

Die italienischen Alpen westlich von Cuneo bilden den eindrucksvollen Rahmen des Granfondos.
Doch beim Start um 7 Uhr gehe ich zuversichtlich ins Rennen, schließlich habe ich mich noch nie so intensiv auf einen Radmarathon vorbereitet. Stattdessen bin eigentlich immer recht blauäugig im Vertrauen auf meine Leistungsfähigkeit gestartet. Ausgetüftelter Ernährungsplan mit klarer Ansage, wie viele Kohlehydrate ich pro Stunde essen soll? Pacing nach Wattwerten? Nichts dergleichen, sondern reines Fahren nach Gefühl. Durchgekommen bin ich auch so und kann stolz zweimal den Maratona Dles Dolomites und den GFNY Grand Ballon zu meinen Palmares zählen.
Vorbereitung mit ChatGPT
Diesmal habe ich mich deutlich intensiver sowohl mit der Strecke als auch meinem aktuellen Leistungszustand befasst. Man wird ja auch älter, da fliegt einem nicht mehr alles so einfach zu. Mein Trainer? ChatGPT. Es ist schon verblüffend, wie die KI heutzutage in nahezu allen Bereichen helfen kann. Angesichts meiner FTP von vorsichtig kalkulierten 270 Watt empfiehlt sie eine eher konservative Strategie mit rund 75% FTP an den beiden langen Anstiegen, vor allem am Colle di Sempeyre soll ich bloß nicht zu viele Körner verschießen, um am deutlich längeren Colle Fauniera noch zulegen zu können. Erst am allerletzten Berg darf ich wirklich all-out-gehen – so ich denn noch kann. Dazu habe ich mir eine Prognose für die Zielzeit ausspucken lassen. Die harte Wahrheit: Unter 8 Stunden darf ich nur an einem absoluten Sahnetag erwarten, realistischer schätzt die KI eher 8:30 Stunden ein. Ich muss zugeben: Das sorgt für eine zusätzliche Motivationsspritze, schließlich will ich es der KI so richtig zeigen – freilich ohne gleich am ersten Berg zu überziehen…

Ehrengast der diesjährigen Ausgabe: der ehemalige Radprofi Fabiu Aru.
Mit diesen Gedanken rolle ich in einer großen Gruppe und fast 50 Sachen die schier endlos lange Gerade von Cuneo aus nach Norden in Richtung Busca, nur unterbrochen von einigen Kreisverkehren, die ein paar härtere Antritte erfordern, um keine Lücke aufgehen zu lassen. Keine Millisekunde bin ich versucht, am Streckenteiler zwischen Granfondo und Mediofondo auf die kürzere Runde abzubiegen. Nein, heute muss es wirklich die lange Strecke sein. Das Wetter ist geradezu perfekt mit Temperaturen von 25 °C und einem strahlend blauen Himmel. Ein Glück, denn anderswo werden gerade Veranstaltungen wie der L’Alsacienne in den Vogesen wegen der Hitzewelle abgesagt.
Langes Einrollen bis zum ersten Berg
Nach 20 Kilometern geht es das erste Mal bergauf – zumindest kurz. Der Colletta di Rosana ist aber wirklich nur ein kleiner Hügel von wenigen Höhenmetern. Und doch begehe ich hier den ersten Anfängerfehler. Denn ganz gewissenhaft will ich gerade den ersten Riegel zu mir nehmen, verpasse aber dabei den Anschluss über die Hügelkuppe, sodass zwischen mir und dem Rest der kleiner gewordenen Gruppe eine Lücke aufgeht – und hinter mir kommt gerade niemand. Ich bin also auf mich allein gestellt, was ich angesichts der noch ausstehenden, langsam ansteigenden 30 Kilometer durch das Varaita-Tal hinauf bis nach Sampeyre auf keinen Fall bleiben will. Also werfe ich den ausgetüftelten Pacingplan über Bord und versuche mit deutlich über 300 Watt die nur sehr langsam kleiner werdende Lücke wieder zu schließen. Aber schließlich hänge ich wieder im Windschatten und kann endlich wieder etwas rausnehmen während ich darauf hoffe, mich vor dem ersten Anstieg wieder erholen zu können. Mit satter Geschwindigkeit geht es immer weiter das Tal hinauf und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es doch eigentlich jetzt endlich mit dem ersten Berg losgehen könnte.

"Weiter, immer weiter", motiviert sich ROADBIKE-Redakteur Christian Brunker für die mehr als 4000 Höhenmeter.
Dann endlich, nach rund 1:30 Stunden, biegt die Strecke nach links ab und der Colle di Sampeyre wartet auf mich. An der Verpflegungsstation fülle ich noch schnell meine Flaschen auf, dann geht’s auf einer schmalen Straße durch den Wald langsam, aber stetig nach oben. Meine Wattzahlen pendeln sich auf den kalkulierten 210 bis 220 Watt ein – ein Wert, den ich gut halten kann. Das Feld hat sich mittlerweile in eine lange Perlenkette verwandelt, wie aufgereiht ziehen sich die obligatorischen weißen Trikots den Berg nach oben. Der Wald spendet kühlen Schatten, nur kurz geht es unter einem Sessellift hindurch über eine offene Wiese. Je höher ich komme, desto weiter öffnet sich das Panorama, tief unten ist der namensgebende Ort Sampeyre zu sehen. Von der Passhöhe jedoch noch keine Spur. Schon hier zeigt sich aber eine kleine Schwäche des Granfondo Fausto Coppi: Die Straßen sind zwar schmal und malerisch, aber teils wirklich in einem schlechten Zustand. Immer wieder ist der Asphalt stark aufgebrochen und mit zahllosen Rissen und Schlaglöchern übersäht. Bergauf mit meinen rund 10 km/h ist das noch zu verschmerzen.

In der Stille des Hochgebirges kämpft irgendwann jeder Fahrer allein mit sich.
Die Stille des Hochgebirges
Erstaunt bin ich über die Stille um mich herum: Wiewohl ich keinesfalls alleine unterwegs bin, spricht wirklich kaum jemand, alle sind mehr oder weniger nur bei sich und dem Berg, der allen eine Höchstleistung abverlangt. Endlich lasse ich den Wald hinter mir und der Weg schlängelt sich an der Hangkante entlang. Rechts öffnet sich ein imposantes Gebirgspanorama, weit vor mir erkenne ich die Zelte der Verpflegungsstelle auf der Passhöhe. Mit einer Zeit von 3:11:00 liege ich dort oben nur 11 Minuten hinter meinem vorab kalkulierten Zeitplan. Noch läuft alles nach Plan, auch das Pacing hat gut funktioniert, sodass ich mich immer noch ausreichend frisch fühle. Für die Abfahrt werfe ich mich in meine – eigentlich zu warme – Regenjacke, um nicht auszukühlen. Immer wieder ist die Straße sichtbar ausgebessert, aber es bleibt auch auf der Abfahrt eine sehr holprige Angelegenheit mit engen, schlecht einsehbaren Kurven und vielen Schlaglöchern, die sich tückischerweise in manchem Schatten verbergen. Ich feiere mich für meine Entscheidung, mit 32er Reifen ins Rennen gegangen zu sein, und kann doch meine nicht ganz perfekten Abfahrtskünste verbergen. Denn viele, die ich auf dem Weg nach oben überholt habe, lassen mich in der Abfahrt eiskalt stehen. Ich gehe hingegen lieber auf Nummer sicher und fahre deutlich vorsichtiger. Endlich komme ich bei Stroppo auf eine breitere Straße, wo man es wieder vernünftig rollen lassen kann. Knappe fünf Kilometer Erholung, ehe es in Ponte Marmora wieder ernst wird.

Geschafft! Das obligatorische Pass-Foto auf dem Colle di Sampeyre.
Aber – meine Kunst des Schönfärbens – das ist ja auch schon der letzte "richtige" Anstieg. Wobei es der Colle Fauniera mit seinen 1500 Höhenmetern auf 20 Kilometern wirklich insich hat, wie ich merken muss. Bin ich beim Colle di Sampeyre noch vergleichsweise locker meine Wattzahlen gefahren, merke ich jetzt mehr und mehr, dass die Zahlen nach unten absinken. Und auch mental setzt mir die noch ausstehende Distanz bis zur Passhöhe spürbar zu. Noch zehn Kilometer bergauf? Puh. Meine Taktik: Ich konzentriere mich nur auf das hier und jetzt und verkneife mir, ständig zu checken, wie viele Höhenmeter noch auf mich warten.
Der Blick um mich herum zeigt: Die einst so dichte Perlenkette anderer Fahrer hat deutliche Lücken bekommen, jeder kämpft für sich allein. Teils sieht man die weißen Trikots weit oben am Berg – unvorstellbar, was da noch wartet. Vor allem die zwei kurzen Rampen mit 16 bis 20% ziehen mir zwischendurch den Zahn, kombiniert mit der Sorge, dass ich doch noch komplett einbrechen könnte.

Durch teils dichten Wald geht es hinauf auf den Colle Funiera.
Es wird hart und härter
"Weiter, immer weiter", sage ich mir das berühmte Zitat von Torwart-Titan Oliver Kahn. Und "irgendwann ist jeder Berg zuende". Um mich herum herrscht indessen eine Stille, wie ich sie bei noch keinen Radmarathon erlebt habe. Nur mein Schnaufen ist zu hören. Erst weiter oben jenseits der Baumgrenze durchbricht das schrille Pfeifen der Murmeltiere die Ruhe der Berge.
Immer wieder gehe ich kurz aus dem Sattel, um meine strapazierten Oberschenkelmuskeln und den Hintern kurz zu entlasten. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt schließlich die Passhöhe des Colle Esischie in Sicht – doch leider ist der noch nicht das Ende, sondern nur eine Zwischenstation. Weitere 110 Höhenmeter warten noch bis zum sprichwörtlichen Höhepunkt des heutigen Tages, dem Colle Fauniera auf 2481 Metern. Mit letzter Kraft drücke ich die Kurbel und rolle an den Zelten der Verpflegungstelle auf der Passhöhe vorbei.
Per Wasserschlauch werden gierig hingehaltene Bidons schnell aufgefüllt. Knapp 6 Stunden habe ich bis hierhin gebraucht und bin immer noch gut im Zeitplan. "Jetzt geht es ja eigentlich die restlichen 60 Kilometer nur noch bergab ins Ziel", motiviere ich mich für die wieder einmal sehr holperige Abfahrt. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie diejenigen, die den Granfondo auf Sieg fahren, hier heruntergejagt sein müssen. Ich will jetzt auf keinen Fall was riskieren und bleibe bei meiner vorsichtigen Fahrweise, auch wenn ich wieder einige Mitfahrer passieren lassen muss.

Das ist der Gipfel: Die Passhöhe des Colle Fauniera auf 2481 Metern.
Entscheidung hinauf zum Kloster Madonna del Colletto
Ziemlich allein rolle ich der letzten Prüfung des Tages entgegen, dem Anstieg zum Kloster Madonna del Colletto. Während ich durch einsame Dörfer rolle, frage ich mich kurz, ob ich wirklich noch auf der richtigen Stecke bin. Weder vor noch hinter mir sehe ich andere Fahrer. Erst als die Straße wieder ansteigt, tauchen wie von Geisterhand wieder Mitfahrer auf.
War ich in der Abfahrt noch sehr zuversichtlich, mir ausreichend Körner für den, diesmal wirklich letzten Anstieg, aufgespart zu haben, werde ich schnell eines besseren belehrt. Nur mit Mühe schaffe ich die angepeilten 200 Watt. Von einem "All-out"-Anstieg mit mehr als 230 oder gar 240 Watt wie in meiner KI-Planung vorgesehen, bin ich weit entfernt.
Das einzige, was mich ein bisschen aufbaut: Meine Mitfahrer sind mittlerweile genauso paniert wie ich und kämpfen sich mühevoll Meter um Meter voran. Wohl noch nie haben sich 545 Höhenmeter für mich so schwer und endlos angefühlt. "Ein letzter kleiner Hügel, nicht der Rede wert?" – ich habe mich lange nicht mehr so getäuscht.
Mit letzter Mühe schleppe ich mich an der Passhöhe vorbei und verzichte aus mir im Nachhinein nicht nachvollziehbaren Gründen auf einen rettenden Zuckerschock aus Cola und Kuchen, sondern will nur noch so schnell wie möglich ins Ziel. Wobei "schnell" in der Tat ein dehnbarer Begriff ist. "Mit einer guten Gruppe kann man auf dem letzten Stück locker eine halbe Stunde herausholen", habe ich noch die Worte von der Streckenvorstellung im Ohr.

Das Arbeitsgerät: Die Wahl fiel auf Canyons neues Endurace CF SLX - auch dank der 32er Reifen.
Und gerade als ich mich damit abgefunden habe, eben jene halbe Stunde oder mehr einzubüßen, kam mein eingangs erwähnter Engel dahergeschossen. Manchmal werden Dinge am Ende doch einfach gut. Nach 8:31:51 Stunden rolle ich endlich auf dem Piazza Galimberti in Cuneo über die Ziellinie – schlappe 2:53 Stunden nach dem Sieger. Aber ehrlich: Sieger sind bei einem Granfondo doch eigentlich alle… Und auch wenn ich es nicht geschafft habe, schneller zu sein als von ChatGPT vorhergesagt, zeigt das doch auch, dass die KI mittlerweile erstaunlich gut geworden ist. Mir hat sie auf jeden Fall geholfen.
Die Lehren aus meinem Rennen und Tipps für eure Teilnahme
Neugierig geworden? Den genauen Termin für die Austragung 2027 habe ich noch nicht gefunden, aber La Fausto Coppi wird traditionell wieder Ende Juni stattfinden. Ein großer Vorteil: Im Gegensatz zu vielen anderen Events ist es nicht binnen weniger Tage ausgebucht, die Chance auf eine Teilnahme sind deutlich höher. Zweiter Vorteil: Ihr könnt euch noch kurz nach dem Start entscheiden, ob ihr auf die Granfondo- oder Mediofondo-Strecke geht. Letztere ist mit ca. 110 Kilometern und 2500 Höhenmetern zwar immer noch anspruchsvoll, ein einigermaßen trainierte Rennradfahrerinnen oder Rennradfahrer sollten das aber auch ohne ganz dezidierte Vorbereitung locker packen können. Sollte eure Vorbereitung also aus welchem Grund auch immer nicht ganz optimal verlaufen sein, könnt noch am Eventtag auf die Sicherheitsvariante gehen oder gar die Fauniera Classic fahren – das ist die Mediofondo-Strecke. lässt aber am Ende zusätzlich noch die Madonna del Colletto aus, sodass es nur noch 101 km und knapp 2200 Höhenmeter zu bewältigen sind.
Die Tipps für Event kurz und knapp
- Schont eure Kräfte in der Anfahrt zum Colle di Sampeyre und versteckt euch in einer Gruppe
- Geht den ersten Anstieg konservativ und vorsichtig an, keinesfalls überpacen
- Der Colle Fauniera ist fast 20 km lang – auch mental eine Herausforderung. Unterteilt euch ihn in kürzere Abschnitte
- Die Abfahrten sind eng und sehr technisch und auf schlechtem Asphalt: Besser nichts riskieren
Aber was braucht es, um die lange Granfondo-Strecke zu schaffen? Zunächst einmal solltet ihr durchaus zielgerichtet trainieren, idealerweise schon im Winter Trainingskilometer sammeln, um im Frühjahr nicht bei 0 anzufangen. Denn im Vergleich zu anderen Events wie dem Ötztaler ist der Fausto Coppi vergleichsweise früh im Jahr. Idealerweise baut ihr auch längere Anstiege in euer Training ein, die ihr im "Dieselmodus" fahrt – also mit möglichst gleichmäßigem Tempo, das ihr über längere Zeit halten könnt. Nutzt zudem die Möglichkeit, eine Leistungsdiagnostik zu machen, damit ihr mit aktuellen Leistungswerten an den Start gehen könnt. Bei zwei so langen Anstiegen wie dem Colle di Sampeyre und dem Colle Fauniera ist das Pacing das A und O. Gerade beim Colle Sampeyre solltet ihr keinesfalls überziehen, der deutlich längere und höhrere Colle Fauniera wird euch das nicht verzeihen.
Weil ihr je nach Form zwischen 7 und 10 Stunden im Sattel sitzt, solltet ihr außerdem über eure Ernährungsstrategie nachdenken. Zwar gibt es wirklich ausreichende Verpflegungsstellen beim Fausto Coppi – fast auf jeder Passhöhe und meistens auch unten im Tal noch einmal – aber zumindest meine Erfahrung zeigt, dass man sich nicht einfach querbeet durch die dort angebotenen Sachen durchfuttern sollte. Nutzt besser eigene Riegel/Gels, die ihr vorher ausprobiert habt und die ihr vertragt, um Magenprobleme zu vermeiden. Weiterer Tipp: Viele Radcomputer haben die Möglichkeit, sich per Alarm ans Essen und Trinken erinnern zu lassen. Denn gerade im Rausch des Starts vergisst man das schon mal – und gerade zu Beginn ist der Magen aber noch am Besten in der Lage, die Kohlehydrate aufzunehmen. Und alles, was drin ist, hilft euch später.
Nutzt auch mindestens eine längere Ausfahrt von +6 Stunden, um eure Ausrüstung und euer Material zu checken. Also: Taugt euch die Hose mit ihrem Polster, drücken die Schuhe auch nach Stunden nicht? Funktioniert der Sattel?
Zur Ausrüstung: Der Fausto Coppi führt über viele wunderschöne kleine Bergstraßen, die zwar einsam, aber teils auch von schlechter Asphalt-Qualität sind. Von daher würde ich mindestens 32er Reifen oder gar 34er Reifen aufziehen und auf einen guten Pannenschutz achten. Auch bei der Übersetzung solltet ihr das größte Ritzel nehmen, was ihr kriegen könnt. Also mit einer 50/34er Kompaktkurbel und einer 11-34er Kassette bei Shimano, auch eine 11-36er Kassette wäre eine Überlegung wert.
Beim Event selbst: Schont eure Kräfte so gut es geht. Es sind rund 50 Kilometer bis zum Fuß des Colle di Sampeyre mit nur einem kurzen Hügel dazwischen: Bleibt in einer guten Gruppe und rollt so entspannt wie möglich mit. Den ersten Anstieg solltet ihr konservativ angehen, also mit 75 bis maximal 80 % eurer FTP. Lasst euch nicht anstecken, mit schnelleren Fahrern mitzugehen. Denn der wirkliche Scharfrichter folgt noch.
Der Colle Fauniera ist mit rund 20 Kilometern sehr lang, das ist auch mental eine Herausforderung. Unterteilt euch den Anstieg in kleinere Abschnitte, denkt von Kurve zu Kurve und lasst euch nicht mit dem Blick auf den schier endlosen Anstieg entmutigen. Einfach dran denken: Irgendwann ist jeder Berg zuende.





