Technikreportage: Wie entstehen Aero-Laufräder für Rennräder?

Technikreportage Laufradentwicklung
Wie entstehen Aero-Laufräder für Rennräder?

Inhalt von
ArtikeldatumVeröffentlicht am 01.01.2026
Als Favorit speichern
Windkanalmessung eines Rennradlaufrads
Foto: DT Swiss

Was sind grundsätzliche Anforderungen beim Laufradbau?

Rennradlaufräder verfolgen Konstruktionsziele, die sich zum Teil gegenseitig widersprechen: Sie sollen möglichst leicht sein, gleichzeitig aber auch stabil und langlebig; komfortabel, zugleich jedoch seitensteif; mit aerodynamisch hoher Felge, aber auch fahrstabil. Laufrad ist dabei nicht gleich Laufrad, erklärt Simon Wassmer, Produktmanager bei DT Swiss: "Laufräder setzen sich zusammen aus vielen verschiedenen Einzelkomponenten: Felgen, Naben, Speichen und Nippel. Das eröffnet Entwicklern großen Gestaltungsfreiraum, um Laufräder durch die Wahl des Felgenmaterials, die Speichenart und -anzahl, das Einspeichmuster, die Form und Größe der Naben, die eingesetzten Lager und so weiter an bestimmte Einsatzzwecke anzupassen. Deshalb gibt es verschiedene Laufradtypen wie Aero-Laufräder, Endurance-Laufräder oder Gravel-Laufräder." Auch über Faktoren wie das maximal zugelassene Fahrergewicht, Garantiebedingungen oder den Service positionieren sich Hersteller im Wettbewerb.

Gibt es spezielle Anforderungen beim Bau von Aero-Laufrädern?

"Aero-Laufräder haben höhere Felgen, weil dies den Luftwiderstand reduziert – dennoch sollen sie fahrstabil sein und zudem möglichst leicht", sagt Patrick Brown, Senior Development Engineer beim britischen Laufradhersteller Hunt Wheels. "Mit Carbon als Felgenmaterial kann man das Gewicht drücken und zugleich Felgenprofile entwickeln, die trotz größerer Höhe laufruhig sind. Allerdings sind Felgen aus Carbon natürlich teurer als Modelle aus Alu. Und apropos Preise: Die Entwicklung von Aero-Laufrädern ist komplex, zeitintensiv und arbeitsteilig – dementsprechend sind Aero-Laufräder teuer. Umso mehr, wenn man im Windkanal testet. Es ist essenziell, den Entwicklungsprozess gut zu planen und die Kosten scharf zu kalkulieren, damit man am Ende nicht nur ein technisch herausragendes Produkt hat, sondern auch einen Preis, den der Kunde bereit ist zu zahlen. Und ein Produkt, dessen Ertrag nicht nur die Entwicklungskosten deckt, sondern auch Gewinn abwirft."

Warum ist die Entwicklung des Felgenprofils so entscheidend?

"Es gibt zwei zentrale Parameter für Aero-Laufräder: den Luftwiderstand und das Lenkmoment – beides hängt maßgeblich ab von der Form der Felge", erklärt Jean-Paul Ballard, Aerodynamik-Experte und CEO des Schweizer Laufradherstellers Swiss Side. "Der Luftwiderstand ist nicht nur relevant für die Frontalfläche, also die Luftanströmung direkt von vorne, sondern in einem Bereich von plus bis minus 20 Grad – in diesem Bereich liegen die stärksten Luftwiderstände und Luftströme, die der Fahrer überwinden muss: durch Fahrtwind und Gegenwind und selbst bei Rückenwind. Ein Entwicklungsziel ist also, diesen Luftwiderstand so gering wie möglich zu halten. Das ist aber nur die halbe Miete, denn ein Laufrad, das unfassbar windschnittig ist, sich aber nervös und unvorhersehbar fährt, macht unterm Strich langsamer. Denn der Fahrer richtet sich im Zweifel auf, um die Fahrt zu stabilisieren, und vergrößert damit seinen Luftwiderstand. Gut gemachte Aero-Laufräder hingegen reduzieren ihren Luftwiderstand bei ruhigem, vorhersehbarem Handling und entwickeln sogar einen richtiggehenden Segeleffekt. Speichen und Naben nehmen natürlich auch Einfluss, die Felgenform macht aber die größten Unterschiede. Hier können kleine Änderungen viel Effekt haben – im Positiven und Negativen. Ein Millimeter höher oder niedriger, U-förmige oder V-förmige Felge oder gar UV oder ganz anders– all das zahlt auf das Fahrverhalten ein."

Laufrad mit 3D-gedruckter Prototypenfelge
Moritz Pfeiffer

Warum ist die Kick-off-Phase bei der Entwicklung so wichtig?

"Unsere Aero-Laufräder haben einen Produktzyklus von etwa vier Jahren, das heißt, man muss ein Produkt entwickeln, das Radhersteller und Endverbraucher auch in vier Jahren noch nachfragen", erklärt DT-Produktmanager Simon Wassmer die Bedeutung der Planungsphase. "Das heißt, man muss Markttrends identifizieren und bewerten: Was greift man auf, was ignoriert man, welchen Trend setzt man vielleicht auch selbst? Der Zielpreis eines Laufrades definiert unter anderem auch die Wahl der Komponenten und Technologien, die eingesetzt werden. In der Kick-off-Phase wird natürlich auch das Feedback zur Vorgängergeneration ausgewertet: Was haben unabhängige Tests ergeben, zum Beispiel von Fachmedien, was haben Endverbraucher und Händler zurückgemeldet, was wünschen sich die Radhersteller? Und, ebenfalls ganz wichtig: Wie haben sich Materialien und Produktionsprozesse weiterentwickelt, gibt es neue Prüfverfahren, rechtliche Rahmenbedingungen oder Industriestandards? Und natürlich müssen neue Produkte zur eigenen Firmenphilosophie, zum Portfolio, zum Corporate Design passen! All das macht die Kick-off-Phase so anspruchsvoll."

Datenanalyse am Laptop
Moritz Pfeiffer

Gilt bei Aero-Laufrädern "form follows function"? Oder sind auch andere Faktoren wichtig?

Für den Aerodynamik-Experten Jean-Paul Ballard von Swiss Side ist die Antwort klar: "Form follows function – schließlich sollen Aero-Laufräder in erster Linie schnell sein. Da muss man auch schon mal das Selbstbewusstsein haben, gegen Markttrends zu argumentieren. Ein gutes Beispiel sind Felgen mit variablen Felgenhöhen, also einem ‚Wellenprofil‘. Das sieht spektakulär aus und vermittelt optisch das Gefühl ‚Das ist aero, das ist schnell‘. Nach unseren Erkenntnissen ist ein solches Felgendesign aber weniger aerodynamisch – also haben wir uns dagegen entschieden." Doch nicht nur rein technische Aspekte spielen hier rein, sagt Simon Wassmer von DT Swiss: "Ein Design kann nicht komplett disruptiv sein, unsere Laufräder müssen immer noch klar als unsere Produkte erkennbar sein. Zugleich müssen sie optisch in den Rennrädern verschiedener Hersteller funktionieren. Gegenüber der Vorgängergeneration modifizieren wir oft Designelemente, zum Beispiel die Decals und Logos, die Beschichtung der Nabe, die Carbon-Struktur der Felgen. So sind neue Laufräder als solche erkennbar, was auch wichtig ist."

Drag and Steering Moment
DT Swiss

Wie wichtig sind Windkanaltests?

Hier scheiden sich die Geister. Swiss Side, DT Swiss und Hunt Wheels betonen deren Bedeutung. "Windkanaltests bestätigen oder widerlegen die Computersimulationen und helfen maßgeblich, das finale Produktdesign festzulegen", erklärt etwa Patrick Brown von Hunt Wheels, betont jedoch gleichzeitig: "Windkanaltests müssen immer auch durch Real-World-Tests ergänzt werden. Und: Die Erkenntnisse aus dem Windkanal zahlen immer auch langfristig auf das Know-how einer Marke ein und prägen dadurch sowohl zukünftige als auch günstigere Produkte. Dafür experimentieren wir extrem viel im Windkanal, zum Beispiel mit Messungen von Konkurrenzprodukten oder unterschiedlichen Reifenmodellen und -breiten, verschiedenen Rahmen etc."

Leeze Wheels geht hingegen einen anderen Weg: "Natürlich sind wir auch mal im Windkanal", sagt Leeze-CEO Frank Decker, "aber wir haben in Zusammenarbeit mit unserem Aerodynamiker Prof. Eric Helter von der Bauhaus-Universität in Dessau einen virtuellen Windkanal entwickelt, in dem wir Produkte, Windbedingungen, sogar Böen simulieren können. Mithilfe eines 3D-Scanners können wir reale Bauteile extrem präzise in diese virtuelle Testumgebung überführen und so beispielsweise verschiedene Bereifungen, eigene Prototypen und auch Konkurrenzprodukte testen. Diese Herangehensweise spart extrem viel Geld in der Entwicklung und schont Ressourcen – was positiv für die Umwelt und den Geldbeutel unserer Kundschaft ist."

Windkanalmessung mit 3D-gedruckten Prototypen-Felgen
Moritz Pfeiffer

Wie gelingt der Schritt vom Prototyp zur Serienproduktion?

"Diese Phase ist in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen", sagt Simon Wassmer von DT Swiss, denn es ist das eine, ein funktionierendes Einzelprodukt zu entwickeln, und etwas ganz anderes, die identische Qualität in der Massenfertigung aufrechtzuerhalten. Was die Produktion der Carbon-Felgen angeht, stehen wir in engem Austausch mit unseren Zulieferern in Asien und überwachen den Implementierungsprozess auch vor Ort. Der Laufradbau für den europäischen Markt erfolgt in unseren eigenen Fertigungsstätten in Polen in der EU, aber auch in den USA und Taiwan stellen wir Laufräder her. Dazu gilt es, unsere Mitarbeiter für den Bau dieser neuen Laufräder zu schulen. Vorserienprodukte werden noch mal ausgiebig getestet, die Serienprodukte später immer wieder stichprobenartig. Qualitätssicherung ist unser wichtigster Anspruch – auch wenn das, wie aktuell, bedeutet, dass wir für bestimmte Felgenmodelle einen Rückruf durchführen müssen."

DT Swiss Laufradproduktion in Polen
Mikolaj Malecki

Wie gelingt die Markteinführung?

Das hängt stark vom Vertriebsmodell ab. Große Marken wie DT Swiss adressieren sowohl Radhersteller als auch Endkunden – wobei die Produktmanager und Entscheider aus der Industrie deutlich früher von neuen Produkten erfahren. "Wenn wir neue Laufräder öffentlich launchen, wie die ARC-Familie während der Eurobike 2025 und unmittelbar vor der Tour de France, liegt die Präsentation der Produkte vor Industriekunden mitunter schon ein halbes Jahr zurück, und im Idealfall sind die fertigen Laufräder zum Launch verfügbar", sagt Simon Wassmer von DT Swiss. Direktvertreiber wie Swiss Side, Hunt Wheels oder Leeze Wheels hingegen richten ihre Kommunikation vor allem auf die Endkunden aus. "Gerade bei neuen Produkten gehen wir mit unseren Whitepapers, also der technischen Dokumentation, sehr in die Tiefe und schaffen Transparenz, was unsere Test- und Entwicklungsverfahren betrifft", erklärt stellvertretend Patrick Brown von Hunt Wheels, "parallel dazu liefern unsere gesponserten Athletinnen und Athleten Storys, Emotionen und Praxiseindrücke unter realen Bedingungen. Events und Messen sind wichtig für uns, um den direkten Kontakt zum Produkt und zu uns zu ermöglichen. Dazu kommen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und natürlich Tests in Fachmedien. Ziel: als Marke wahrgenommen zu werden und Kaufinteresse beim Endkunden zu wecken."

Ein Laufrad wird zentriert
Michael Blann

Kann bei der Entwicklung von Aero-Laufrädern auch etwas schiefgehen?

Bei einem Projekt mit so vielen Beteiligten und so komplexen technischen Anforderungen, Zeit- und Kostenplänen kann immer etwas schiefgehen – in allen Projektphasen. Sei es, dass bei den Windkanal- oder Praxistests Zielvorgaben nicht erreicht werden, sich Änderungen bei Regularien oder rechtlichen Rahmenbedingungen ergeben oder gänzlich unvorhergesehene Ereignisse eintreten – Stichwort Zölle oder andere weltpolitische Verwerfungen. DT Swiss sah sich zu einem Rückruf der brandneuen ARC-Laufräder gezwungen, weil manche Carbon-Felgen ausgetauscht werden müssen. Swiss Side erfuhr zwei Wochen vor der Markteinführung seiner neuen Aero-Laufräder Hadron³ aus der Presse, dass die UCI ab dem 1. Januar 2026 bei Radrennen eine maximale Felgenhöhe von 65 Millimetern bei Aero-Laufrädern vorschreibt – die Felge eines Modells der Hadron³-Familie misst jedoch 68 Millimeter. "Das ist natürlich ein Worst-Case-Szenario", beklagt Swiss Side CEO Jean-Paul Ballard. "Durch ständigen Austausch mit Entscheidern wie der UCI und anderen Stakeholdern, Mitarbeit in Industriearbeitsgruppen oder Branchenvertretungen kann man versuchen, drohendes Ungemach zu erahnen, aber wenn solche Entscheidungen so überraschend getroffen werden und mit so geringem zeitlichem Vorlauf in Kraft treten, verliert man viel Geld."

Was sind die langfristigen Trends bei Aero-Laufrädern?

"Wir sehen schon jetzt eine Diversifizierung bei Aero-Laufrädern", sagt Simon Wassmer von DT Swiss, "Aero-Laufräder gibt es in verschiedenen Höhen, bei uns etwa mit 38-mm-Felgen für die Berge, 55-mm-Allrounder, mit 65 mm für Flachetappen und 85 mm für Zeitfahren. Dazu kommen Aero-Laufräder für Gravel und Endurance. Der Trend wird sich fortsetzen, letztlich profitiert jedes Laufrad von einer aerodynamischen Entwicklung – sowohl hinsichtlich des Luftwiderstandes als auch des Handlings bei Seitenwind oder Böen." Patrick Brown von Hunt Wheels erwartet neue Wettbewerber: "Marken aus China drängen verstärkt auf den Markt, mit Direktvertriebsmodellen, besseren Websites mit Onlineshops und ordentlichem Service. Das senkt die Hürden für Endverbraucher, auch mal bei verführerischen Preisen aus Fernost zuzuschlagen. Die neue Konkurrenz wird spätestens in drei, vier Jahren spürbar werden." Endverbraucher profitieren von dem breiten Angebot – und behalten dank Tests und Kaufberatungen von ROADBIKE den Überblick.