"Das Tour de France-Podium 2026 wird hart umkämpft": Florian Lipowitz im Interview

Florian Lipowitz im Interview zur Tour de France
„Das Tour-Podium 2026 wird hart umkämpft“

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 29.05.2026
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Florian Lipowitz Oktober 2025
Foto: Agron Beqiri

Florian Lipowitz sitzt im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada, draußen drückt die Hitze, drinnen quetschen gut zwei Dutzend Journalisten den Tour de France-Dritten des Vorjahrs in einem Videocall aus. Fünf Wochen vor der Frankreichrundfahrt 2026 drehen Lipowitz, seine Teamkollegen und der Betreuerstab an den letzten Stellschrauben. Für den 25-jährigen Deutschen geht es nach dem Podium im Vorjahr nicht nur um Form, sondern auch um Erwartungsmanagement. Er wirkt ruhig, fast nüchtern in der Analyse. Lob von Konkurrenten nimmt er zur Kenntnis, ohne sich daran aufzurichten. Die Konkurrenz? Enorm. Die eigenen Ziele? Ambitioniert, aber bewusst offen formuliert.

ROADBIKE: Florian, nimm uns mit in deine letzten Wochen: Was hast du gemacht – und wie sieht der Plan bis zur Tour aus?

Florian Lipowitz: Ich kann bis jetzt super happy mit dem Frühjahr sein. Auch wenn die Vorbereitung bis zur Katalonienrundfahrt ein bisschen holprig verlief, konnte ich mich von Rennen zu Rennen weiterentwickeln. Jetzt bin ich seit anderthalb Wochen in der Sierra Nevada im Trainingslager und bereite mich voll auf die Tour vor. Am 10. Juni geht es noch ein paar Tage nach Hause, danach fahre ich die Slowenien-Rundfahrt – und dann steht die Tour an.

Florian Lipowitz vor einem Zeitfahren auf Mallorca, Januar 2026
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Jonas Vingegaard hat dich zuletzt sehr gelobt und dich als ernsthaften Konkurrenten fürs Gesamtklassement bezeichnet. Was macht das mit dir?

Natürlich ist es schön zu hören, so was hört man immer gern. Aber wenn ich mir die Rennen anschaue, die ich dieses Jahr gefahren bin: Er war in Katalonien deutlich stärker. Pogačar war in der Romandie stärker. Und Seixas war im Baskenland stärker. Deshalb will ich mir für die Tour nicht zu viel Druck machen – die waren alle ein, zwei Schritte voraus.

Wie würdest du Vingegaard als Fahrer beschreiben?

Wenn man ihn mit Pogačar vergleicht, ist er einfach ein klassischer Rundfahrer. Er zielt nicht so auf die Eintagesrennen ab. Er geht die Rundfahrten super taktisch an, will nichts anbrennen lassen – das sieht man auch im Giro. Insgesamt ist er seit den letzten Jahren super stark unterwegs. Er kann Pogačar definitiv nochmal herausfordern, aber ich glaube trotzdem, dass Pogačar ein, zwei Schritte vor ihm ist. Es wird interessant, wie Vingegaard zur Tour kommt und ob er den Giro gut verarbeitet hat.

Wenn du sagst, Vingegaard und Pogačar seien noch ein Stück voraus: Wie schließt man so eine Lücke?

Das ist schwierig. Ich hoffe, dass ich noch nicht an meinem Leistungsmaximum bin. Ich bin jetzt im siebten Jahr im Radsport, deshalb hoffe ich, dass ich noch einige Jahre habe und mich durch Trainingsjahre weiterentwickeln kann. Ich hoffe, die Lücke zu Jonas und Pogačar über die nächsten Jahre schließen zu können – aber ich will mir nicht zu viel Druck machen. Wenn man ein konstantes Jahr hat, gut trainieren kann, keine großen Rückfälle hat und sturzfrei bleibt, dann kann man sich weiterentwickeln. Aber: Wenn man schaut, kommt auch von unten wieder was nach. Allen voran natürlich wie schon gesagt Paul Seixas, aber auch Oscar Onley, Kevin Vauquelin, Juan Ayuso, Mattias Skjelmose. Das Tour-Podium ist dieses Jahr superhart umkämpft. Das wird eng.

In deinem eigenen Team gibt es mit Remco Evenepoel eine zweite sehr große Figur. In unserem Interview im letzten Jahr hast du gesagt, dass ihr euch vielleicht gut ergänzt: er im Rampenlicht, du als ganz anderer Charakter eher aus der Deckung. Wie hat sich eure Zusammenarbeit entwickelt?

Ich glaube, es läuft ziemlich gut. Man hat in Katalonien gesehen, dass wir gut zusammen funktionieren. Die Stimmung ist auch immer gut, wenn wir zusammen unterwegs sind. Wir hatten natürlich ein unterschiedliches Frühjahr und haben uns gar nicht so viel gesehen – jetzt im Trainingslager und einmal in Teilen. Aber ich glaube, wir sind ein gutes Team. Wenn wir die Tour als Team angehen, können wir beide voneinander profitieren. Wir sind optimistisch.

Remco Evenepoel und Florian Lipowitz
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Wie muss man sich die Kommunikation zwischen euch vorstellen – braucht es da Moderation vom Team?

Am Ende hat man natürlich untereinander viel Kontakt. Und jeder kennt seine Aufgabe, sein Standing im Team. Ich glaube, wir respektieren uns gegenseitig – deshalb braucht es keinen großen Einfluss von außerhalb. Es ist grundsätzlich alles geklärt, jetzt muss die Tour starten, dann wird sich alles andere zeigen. Es gibt gerade in der ersten Hälfte viele Etappen, die Remco sehr gut liegen, und ich habe kein Problem, auch für ihn zu fahren. Die dritte Woche mit den sehr langen Anstiegen, vor allem mit den Etappen 18, 19 und 20, ist dann eher für mich. Die werden superhart und entscheidend, aber das wird auch ein schönes Erlebnis, wenn man noch halbwegs frische Beine hat.

Wo stehst du leistungsmäßig im Vergleich zum Vorjahr – auch in Zahlen?

Ich glaube, ich habe mich insgesamt als Fahrer weiterentwickelt. Und die Werte sind noch einmal einen Tick besser. Die Romandie war von den Werten her wie letztes Jahr bei der Tour. Ich hoffe, wenn die Vorbereitung jetzt gut läuft, dass ich noch das eine oder andere Watt drauflegen kann.

Erwartest du, dass du dieses Jahr stärker unter Druck stehst als bei deiner Tour-Premiere?

Letztes Jahr war es für mich vielleicht ganz gut, weil keine großen Erwartungen da waren. Ich habe mir keinen Druck gemacht, konnte die Tour fahren, ohne großen Kopf. Während der Tour bekommt man nicht so viel mit, was außenrum passiert – das wurde mir erst danach bewusst. Dann musste ich erst mal mit dem Trubel und den Medien umgehen, das hat Kraft gekostet. Aber daran bin ich gewachsen. Und jetzt merkt man auch, dass das Interesse wieder deutlich abgeflacht ist. In Österreich, wo ich wohne, kann ich mich völlig frei bewegen, und werde nicht ständig erkannt oder angesprochen. Das Team versucht, nicht zu viel Druck zu machen. Klar will man an die Leistung anknüpfen. Aber ich bin super happy, das Podium erlebt zu haben – und mache mir dieses Jahr nicht zu viel Druck, das zu wiederholen. Ich starte die Tour und schaue von Tag zu Tag. In der letzten Woche kann noch super viel passieren.

Florian Lipowitz
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Die Tour 2026 startet gleich mit einem Mannschaftszeitfahren. Wie blickst du darauf?

Ich konnte mich die letzten Jahre im Zeitfahren allgemein gut weiterentwickeln. Das Mannschaftszeitfahren ist natürlich noch einmal eine eigene Disziplin, das hat man nicht so oft. Es wird ein interessanter Start. Wir haben viel Zeit hineingesteckt und den einen oder anderen Tag geopfert, um das als Team zu üben. Deshalb denke ich, dass wir da positiv in die Tour starten können. Aber es ist ein Tag, an dem man auch mehr verlieren kann, als man gewinnt. Der größte Reiz des Mannschaftszeitfahrens ist, dass man am ersten Tag das Gelbe Trikot ins Team holen kann. Von den Abständen her wird es am Ende wahrscheinlich nicht ausschlaggebend sein für Toursieg oder Podium. Es geht vor allem um den Etappensieg und Gelb.

Hast du dir schon Tour-Etappen angeschaut oder abgefahren?

Wir haben nach der Tour de Romandie die Etappen 14, 15 und 16 angeschaut – das war mein erster Recon überhaupt. Das Wetter hat leider nicht so mitgespielt, deshalb haben wir viel Zeit im Auto verbracht, aber es war definitiv gut, ein paar Straßen gesehen zu haben.

Vor der Tour stehen die Deutschen Meisterschaften in Thüringen an – du verzichtest. Fällt dir das schwer?

Natürlich ist die Deutsche Meisterschaft nicht einfach abzusagen. Ich wäre gern gefahren. Aber mit der Tour-Vorbereitung ist das super schwierig, vor allem, weil ich die Slowenien-Rundfahrt fahre und danach nochmal in die Höhe gehe. Das geht sich leider nicht aus. Ich hoffe, dass ich die nächsten Jahre wieder dabei bin. Und ich würde es natürlich jemandem aus dem Team gönnen – vielleicht Nico Denz oder Ben Zwiehoff –, wenn sie gut aus dem Giro herauskommen.

Warum setzt ihr als letzte Rundfahrt auf Slowenien und nicht auf die Dauphiné oder die Tour de Suisse?

Wir hoffen, dass es einfach ein bisschen ruhiger ist – ohne große Erwartungen, ohne zu viel Stress. Wenn man die Dauphiné anschaut: dieses Jahr eine superharte Rundfahrt mit langen Etappen, harten Etappen. Sich davon rechtzeitig zu erholen bis zur Tour, ist schwierig. Die Tour de Suisse war auch eine Option, aber wir haben uns für Slowenien entschieden – ein bisschen kleiner. Ich hoffe, dass ich dadurch körperlich und mental frischer in die Tour komme.

Hast du ein Mitspracherecht beim Tour-Kader deines Teams?

Natürlich wird man gefragt und auch öfter mal zur Seite geholt. Einen konkreten Wunsch habe ich nicht. Ein deutscher Fahrer an der Seite wäre schön, das macht manches in drei Wochen einfacher – auch mal ein Wort auf Deutsch zu wechseln. Nico Denz wäre natürlich schön, aber da muss man schauen, wie er aus dem Giro herauskommt, er hatte ja einen Sturz am Anfang.

Bei welchen Witterungsbedingungen fährst du am liebsten Rennen? Wie kommst du mit Hitze klar – gerade jetzt in der Sierra Nevada?

Hier ist es superwarm. Die ersten Tage hatte man definitiv mit der Hitze zu kämpfen. Ich kam aus Österreich, da war noch eine Kältewelle, es hat sogar an ein, zwei Tagen geschneit. Und hier dann 35 Grad – das war ein Schock fürs System. Grundsätzlich freue ich mich eher über warme Temperaturen. Wenn das Wetter schlecht ist, gehen im Fahrerfeld oft Krankheiten umher. Für die Tour hoffe ich, dass das Wetter gut ist. Für mich gilt: lieber zu warm als zu kalt.

Moritz Pfeiffer, Florian Lipowitz, Eric Gutglück
Agron Beqiri
Wie ist dein Verhältnis zu Höhentraining?

Höhe ist nicht ganz so einfach. Man ist drei Wochen oben, und es gibt nicht so viel, was man sonst machen kann. Es ist auch nicht einfach, von daheim weg zu sein. Aber es ist der beste Weg, sich zu konzentrieren und sich auf ein großes Rennen vorzubereiten – wenige Störfaktoren, optimales Team-Setup. Nach Slowenien bin ich dann nochmal knapp eine Woche in der Höhe, dann mit meiner Freundin – das macht es einfacher.

Wie sah heute dein Trainingstag aus?

Viereinhalb Stunden mit Intervallen. Es war superwarm, 35, 36 Grad – schon kräftig. Deshalb bin ich jetzt auch ein bisschen müde.

Stichwort Etappensieg: Viele Fans wünschen sich deinen ersten großen Profi-Sieg. Ist das für dich ein Thema?

Wenn man auf Gesamtwertung fahren will, bleiben einem nicht so viele Tage, an denen man wirklich eine Etappe gewinnen kann. Denn dann muss man am Ende Pogačar oder Vingegaard schlagen. Wenn man sagt, man verzichtet auf die Gesamtwertung und verliert Zeit, dann ist die Chance natürlich größer. Aber so ist es super schwierig. Für mich ist es kein Makel. Entweder der Etappensieg kommt oder er kommt nicht. Das steht bei mir nicht an oberster Stelle.

Abschließend: Was sind deine Ziele bei der Tour 2026?

Das Team spekuliert definitiv auf einen Podiumsplatz mit Remco oder mit mir, deshalb bereiten wir uns so vor. Ich mache mir selbst nicht zu viel Druck. Drei Wochen sind lang, man muss gesund und sturzfrei durchkommen, und das kann man nicht alles beeinflussen. Bei der Tour passieren immer Dinge, Favoriten fallen auch mal raus. Ich versuche mich bestmöglich vorzubereiten – und dann wird sich zeigen, was rauskommt.

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