Es war ein Wochenende, das Stuttgart so schnell wohl nicht vergessen wird: Beim ersten Red Bull Cerro Abajo in Deutschland verwandelte sich der Stuttgarter Kessel in eine riesige Mountainbike-Arena. Laut Red Bull verfolgten rund 90.000 Menschen das Geschehen entlang der Strecke. Erwartet hatte der Veranstalter im Vorfeld etwa 25.000 Fans.
Sportlich setzte sich der Spanier Alex Marin mit einer Bestzeit von 1:44,033 Minuten durch. Roger Vieira aus Brasilien wurde Zweiter und sicherte sich damit erneut den Gesamtsieg der Red Bull Cerro Abajo World Series. Rang drei ging an den Neuseeländer Tuhoto-Ariki Pene. Lokalmatador Johannes "Fischi" Fischbach belegte nach einer schwierigen Qualifikation noch den siebten Platz.

Alex Marin jubelt über seinen Sieg beim Red Bull Cerro Abajo in Stuttgart. Mit der Bestzeit von 1:44,033 Minuten setzte sich der Spanier gegen die internationale Urban-Downhill-Elite durch.
Bei den Frauen gewann Paz Gallo aus Chile in 1:55,617 Minuten knapp vor der deutschen Downhill-Ikone Nina Hoffmann. Die Frauen gingen in Stuttgart erstmals bei einem offiziellen World-Series-Stopp in einem eigenen Wettbewerb an den Start.
Schon beim Training standen die Fans dicht gedrängt
Dass das Interesse die Prognosen deutlich übertreffen würde, zeichnete sich bereits am Samstag ab. Schon bei den Trainingsläufen war die Strecke vom Mittag bis in den Abend hinein stark besucht. Auf den Fußwegen und Treppen zwischen den einzelnen Zuschauerbereichen staute sich das Publikum zeitweise. Wer zur nächsten Location gelangen wollte, musste Geduld mitbringen.

Volles Haus am Stäffele-Drop: Downhill-Legende Sam Blenkinsop fliegt vor einer riesigen Zuschauerkulisse über eines der spektakulärsten Hindernisse der Strecke.
Besonders eindrucksvoll zeigte sich der Andrang beim ersten vollständigen Trainingslauf. Als am frühen Abend auch der obere Streckenabschnitt rund um das Teehaus und der große Drop freigegeben werden sollten, war der gesamte Bereich bereits voller Menschen. Mehrere Zehntausend Fans dürften zu diesem Zeitpunkt entlang des Kurses unterwegs gewesen sein.

Julian Steiner im Trainingslauf auf dem oberen Streckenabschnitt: Weil im Marmorsaal am Samstag noch Hochzeiten stattfanden, konnte dieser Teil des Kurses erst am Abend geöffnet werden.
Obwohl sich der angekündigte Start verzögerte, blieb die Stimmung bestens. Während die Fans auf die ersten Runs warteten, wurden bereits die Fahrer lautstark gefeiert, die wieder zum Start hinauffuhren. Als die ersten Rider schließlich gegen 18:45 Uhr über den Drop schossen, herrschte im Weißenburgpark Festivalstimmung. Viele Zuschauer blieben anschließend bis etwa 20:30 Uhr an der Strecke.
18 zerstörte Laufräder an nur einem Trainingstag
Wie hart ein solcher Urban-Downhill-Kurs nicht nur für die Fahrer, sondern auch für das Material ist, zeigte ein Besuch in der Mechaniker-Area im Weißenburgpark. Unterstützt wurde der technische Service vor Ort von Bikes and Boards aus Stuttgart.

Materialschlacht mit Sauerei: Da die Fahrer auf Tubeless-Reifen setzen, verteilt sich bei einem zerstörten Laufrad auch die Dichtmilch großzügig.
Geschäftsführer Frank Sonntag war am Samstagabend bereits händeringend auf der Suche nach weiterem Ersatzmaterial. Nach seinen Angaben hatten die Fahrer allein an diesem Trainingstag 18 Laufräder zerstört. Treppen, harte Landungen und die gewaltigen künstlichen Sprünge belasten Räder und Komponenten schließlich auf eine Art, die mit einem normalen Trail kaum vergleichbar ist.
Deshalb an dieser Stelle auch der klare Hinweis: Bitte nicht nachmachen! Das Befahren öffentlicher Treppen und Wege ist nicht nur für die Fahrer selbst gefährlich, sondern ebenso für Passanten und Anwohner. Und dass Betonstufen, Mauern und harte Landungen auch dem Material nicht guttun, zeigte das Rennwochenende eindrucksvoll.

Viele Fahrer übersprangen die Landung des Jeep Compass Gap und schlugen im anschließenden Treppenset ein – dabei gingen zahlreiche Laufräder zu Bruch. Slopestyler Lukas Knopf fliegt hier per No-Hander über das Gap, verpasste jedoch den Einzug ins Finale.
Feuerwehr und Polizei raten von weiterer Anreise ab
Am Sonntag erreichte der Andrang schließlich eine neue Dimension. Gegen 14:30 Uhr meldeten Feuerwehr und Polizei, dass die Veranstaltungsflächen vollständig ausgelastet seien. Gemeinsam mit dem Veranstalter rieten die Behörden von einer weiteren Anreise ab und empfahlen, das Rennen stattdessen im Livestream oder beim SWR zu verfolgen.
Der Wilhelmsplatz und die angrenzende Kreuzung waren voller Menschen und mussten gesperrt werden. In den eigentlichen Zielbereich gelangte zu diesem Zeitpunkt niemand mehr. Dessen Kapazität war auch aufgrund der notwendigen Flucht- und Rettungswege begrenzt. Entlang der frei zugänglichen Strecke standen die Fans ebenfalls dicht gedrängt.
Red Bull beziffert die Besucherzahl des Wochenendes auf rund 90.000 Menschen. Gefühlt dürften es zeitweise sogar noch mehr gewesen sein. Fest steht: Ein derart großes Publikum hatte bei der Deutschlandpremiere kaum jemand erwartet.
Fischbach rettet sich als 15. ins Finale
Sportlich begann der Sonntag für Johannes Fischbach schwieriger als erhofft. Der Lokalmatador wirkte in der Qualifikation sichtlich nervös und rettete sich lediglich als 15. und damit letzter Fahrer ins Finale.

Unter Druck zur Bestleistung: Lokalmatador Johannes „Fischi“ Fischbach rettete sich als 15. gerade noch ins Finale, drehte dort aber auf und belegte am Ende einen starken siebten Platz.
Auch dem früheren Weltcup-Fahrer und vielfachen Deutschen Meister Marcus Klausmann, dessen Sohn Levin ebenfalls in Stuttgart startete, fiel Fischbachs Nervosität auf. Er beobachtete bei "Fischi" ungewohnte Fehler. Die enorme Kulisse, der Druck beim Heimrennen und die Erwartungen der Fans schienen auch an einem so erfahrenen Profi nicht spurlos vorbeizugehen.
Im Finale zeigte Fischbach dann aber seine ganze Klasse. Er brachte einen sauberen und deutlich schnelleren Lauf ins Ziel, setzte zunächst die Bestzeit und nahm auf dem Hot Seat Platz. Dort blieb er lange sitzen, ehe ihn die letzten Fahrer des Tages – allen voran Alex Marin – noch verdrängten. Am Ende stand für Fischbach mit einer Zeit von 1:45,981 Minuten Rang sieben. In der Gesamtwertung schloss er die Saison auf Platz vier ab.
"Es war eines der krassesten Bike-Events, die ich jemals live miterlebt habe", sagte Fischbach anschließend. Zwar habe er zu Beginn mit der Strecke gekämpft, für das Finale aber alles herausgehauen. Mehr sei an diesem Tag nicht möglich gewesen.
Neben Fischbach erreichten zwei weitere Deutsche das Finale: Marco Lamaris wurde 14., der amtierende Deutsche Enduro-Meister Moritz Silberhorn folgte auf Rang 15. Insgesamt waren neben Fischbach acht weitere deutsche Fahrer bei der Premiere dabei.
Alex Marin gewinnt – Roger Vieira verteidigt seinen Titel

Das Männerpodium von Stuttgart: Tagessieger Alex Marin (Mitte) vor Gesamtchampion Roger Vieira (links) und dem drittplatzierten Tuhoto-Ariki Pene.
Ganz vorne setzte Alex Marin das sportliche Ausrufezeichen. Der Spanier erwischte im Finale einen nahezu perfekten Lauf und unterbot die Bestzeit mit 1:44,033 Minuten. Roger Vieira folgte auf Rang zwei, Tuhoto-Ariki Pene komplettierte das Podium.
"Mir fehlen die Worte, um das hier zu beschreiben", sagte Marin nach seinem Sieg. Besonders bedankte er sich bei seiner Familie und den Fans. Die Stimmung in Stuttgart sei unglaublich und sein Finallauf extrem intensiv gewesen. Durch den Tagessieg schob sich der Spanier außerdem noch auf Platz drei der Gesamtwertung.
Roger Vieira verpasste zwar den Sieg in Stuttgart, durfte aber dennoch den größten Erfolg der Saison feiern. Der Brasilianer verteidigte seinen Titel und krönte sich erneut zum Gesamtsieger der Red Bull Cerro Abajo World Series.
Paz Gallo gewinnt Frauenpremiere

Historische Premiere: Paz Gallo aus Chile (Mitte) gewinnt den ersten Frauenwettbewerb bei einem offiziellen Cerro-Abajo-World-Series-Stopp vor Nina Hoffmann (links) und Veronika Widmann (rechts).
Einen wichtigen Entwicklungsschritt machte die Serie mit dem erstmals ausgetragenen Frauenwettbewerb. Sechs Fahrerinnen stellten sich der Strecke: Fernanda Gildemeister, Abigail Hogie, Paz Gallo, Catalina Calderón, Veronika Widmann und Nina Hoffmann.
Den ersten Sieg sicherte sich Paz Gallo. Die Chilenin gewann in 1:55,617 Minuten – gerade einmal 0,118 Sekunden vor Nina Hoffmann.
Nina Hoffmann wird zum Publikumsliebling
Auch wenn es am Ende nicht ganz zum Sieg reichte, war Nina Hoffmann eine der großen Gewinnerinnen des Wochenendes. Die 30-Jährige aus Saalfeld/Saale in Thüringen mauserte sich bei ihrem ersten Red Bull Cerro Abajo zum absoluten Publikumsliebling. Sobald die deutsche Downhill-Ikone auf der Strecke erschien, schien die ohnehin schon gewaltige Lautstärke noch einmal zuzunehmen.

Publikumsliebling Nina Hoffmann begeisterte bei ihrem Cerro-Abajo-Debüt die Stuttgarter Fans und raste trotz einer dramatischen Qualifikation im Finale auf den zweiten Platz.
Dabei gehört Hoffmann längst zur Weltspitze im klassischen Downhill. Die Fahrerin des Santa Cruz Syndicate gewann 2022 bei der Weltmeisterschaft in Les Gets die Silbermedaille, holte bislang vier Weltcupsiege und stand 27-mal auf einem Elite-Weltcup-Podium. 2023 beendete sie die Weltcup-Gesamtwertung auf dem zweiten Platz.
Wie sehr die Fans mit Hoffmann mitfieberten, zeigte sich vor allem in der Qualifikation. Am Jeep Compass Gap sprang sie zu weit, landete hart im anschließenden Treppenset und beschädigte dabei ihr Hinterrad. Mit plattem Reifen kämpfte sie sich dennoch weiter, sprang sogar noch den mächtigen Bosch Booster – und stürzte schließlich in der letzten Kurve vor dem Zieleinlauf. Die Zuschauermenge war außer sich. Trotz des Defekts und des Sturzes qualifizierte sie sich für den entscheidenden Lauf.
Hoffmann zeigte sich anschließend vor allem von der Kulisse beeindruckt: Eine solche Atmosphäre habe sie noch nie erlebt.

MOUNTAINBIKE-Redakteur Lukas Hoffmann im Gespräch mit Nina Hoffmann.
Auch Partner und Aussteller vom Andrang überwältigt
Nicht nur sportlich war das Wochenende ein Erfolg. Auch die Eventpartner profitierten sichtbar von der enormen Resonanz. Bosch war als regional verwurzeltes Unternehmen prominent vertreten. Ebenso nutzten Shimano und Propain die Gelegenheit, sich einem weit über die klassische Mountainbike-Szene hinausreichenden Publikum zu präsentieren.
Am Stand von Propain gingen zwischenzeitlich sogar die T-Shirts aus. Ein Mitarbeiter, der nach eigener Aussage seit sieben Jahren im Eventbereich tätig ist, habe einen solchen Andrang noch nie erlebt.
Dabei waren auffällig viele Familien und Kinder unterwegs. Das Rennen erreichte damit nicht nur eingefleischte Mountainbike-Fans, sondern ebenso Menschen, die bislang kaum Berührungspunkte mit dem Sport hatten.
Kommt Red Bull Cerro Abajo zurück nach Stuttgart?
Ob es bereits 2027 oder vielleicht erst im darauffolgenden Jahr eine Neuauflage geben wird, müssen Veranstalter und Stadt nun gemeinsam klären. Die Chancen auf eine Rückkehr dürften nach diesem Wochenende aber nicht schlechter geworden sein.
Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper übergab persönlich den Siegerpreis. Auch weitere Vertreterinnen und Vertreter der lokalen Politik äußerten sich in den sozialen Medien positiv und signalisierten Interesse an einer erneuten Austragung.





