Jojo: Bei einem Bike mit Neigetechnik wie meinem Bowhead funktioniert das Kurvenfahren im Grunde gegensätzlich. Während man beim normalen Mountainbike in die Kurve hineinlenkt und das Bike nach innen drückt, läuft es bei mir anders: Ich lasse meinen Körper in die Kurve fallen, drücke den Holm mit den Kurbeln aber nach außen. In einer Rechtskurve arbeite ich also nach links. Das wirkt zunächst kontraintuitiv. Andere AMTB-Konzepte unterscheiden sich deutlich im Handling. Beim Hersteller Reset sitzt man stabiler, gibt Gas, und das Fahrwerk arbeitet unter einem – das erinnert eher an Motocross.
Der adaptive Mountainbike-Sport entwickelt sich gerade stark weiter. In Nordamerika sind in den vergangenen Jahren moderne, vollgefederte Bikes entstanden, die technisch deutlich näher an klassischen Mountainbikes sind als frühere. In Deutschland kam die Entwicklung eher aus dem Straßen- und Handbike-Bereich, der auch paralympisch organisiert ist. Dort gibt es klare Klassifizierungen je nach Art der Einschränkung. Im AMTB-Bereich ist das weniger formalisiert – hier steht vor allem das Fahrerlebnis im Vordergrund. Die meisten Modelle sind motorunterstützt. Das eröffnet Möglichkeiten im Gelände, die rein mit Muskelkraft schwer realisierbar wären. Technisch unterscheiden sich die Adaptive Bikes je nach Konzept deutlich: Es gibt verschiedene Radkonfigurationen und Fahrwerkslösungen, zunehmend auch vollgefederte Systeme. Im Vergleich zum MTB ist der Markt aber noch nicht so stark in Kategorien unterteilt.

Rennfieber beim Enduro Tirol: Die meisten AMTBs haben drei Laufräder: zwei hinten und ein Antriebsrad vorne oder umgekehrt. Wer mehr Stabilität braucht, bekommt auch Modelle mit vier Laufrädern.
Wenn man ein AMTB bestellt, läuft das über einen Anpassungsbogen. Dort werden zunächst alle relevanten Körpermaße erfasst, also alles, was für die Ergonomie entscheidend ist. Das Bike wird dann individuell darauf abgestimmt. Darüber hinaus kann man auch die Ausstattung konfigurieren. Es gibt unterschiedliche Rahmenoptionen, bei den Anbauteilen kann man ebenfalls wählen, ähnlich wie bei einem klassischen Mountainbike. Ich habe mir zum Beispiel neue Laufräder aufbauen lassen. Den Unterschied merkt man deutlich, vor allem beim Lenken und im Handling.
Mein aktuelles Bike, ein Bowhead, liegt bei rund 25 000 Euro – inklusive Versand und Zoll. Es wiegt rund 43 Kilo. Ich fahre darin übrigens einen ganz normalen Bosch-CX-Motor. Verbaut sind zwei Akkus mit jeweils 500 Wattstunden. Dadurch komme ich auf eine hohe Reichweite und genügend Leistung für längere und steile Anstiege.Das ist eine enorme Summe.
In der Regel trägt man die Kosten selbst. Die Krankenkassen übernehmen nur Hilfsmittel zur Grundversorgung – also etwa einen Rollstuhl. Da ein AMTB als Sportgerät gilt, fällt es nicht in diesen Bereich und wird nicht bezuschusst. In meinem Fall hat mich mein Arbeitgeber unterstützt. Manche Hersteller bieten Ratenzahlung an, andere finanzieren sich das über Angebote wie Jobrad.
Ja, ich bin fest mit dem Bike verbunden. Bei meinem Rad nutze ich einen Trapezgurt aus dem Kitesport. Das bedeutet aber: Wenn das Bike kippt, kippe ich mit. Das ist mental die größte Herausforderung. Passiert etwas, fliegt man nicht vom Bike weg, sondern bewegt sich zusammen mit ihm. Bei dem Gewicht gleicht das einer Kanonenkugel.
Mein Vorteil ist, dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr Mountainbike fahre und viele Trails und Bikeparks von früher kenne. Oft ist es aber auch einfach Ausprobieren. Wir machen das im Team: Einer fährt vorneweg, einer hinter mir. Wenn ich umkippe, helfen sie mir wieder hoch. Und wenn eine Passage gar nicht geht, muss das Rad ein Stück getragen werden. In Bikeparks spreche ich mit dem Liftpersonal und frage nach der Trailbreite oder möglichen Hindernissen. Grundsätzlich gilt: immer mit Begleitung fahren.
Barrierefreiheit in einem Bikepark beginnt nicht erst auf dem Trail, sondern bereits bei der Anlage: Es müssen barrierefreie Toiletten und stufenlose Zugänge zu Liftanlagen vorhanden sein. Entscheidend sind zudem hindernisfreie, rollstuhlgerechte Wege. Auf dem Trail selbst ist die Breite ein zentraler Faktor. In Kanada gibt es dafür sogar eigene Richtlinien. So ist beispielsweise definiert, wie stark das Terrain neben der Strecke abfallen darf. Wenn jemand mit dem Bike kippt, sollte man seitlich auf dem Trail oder in einem flachen Bereich landen und nicht direkt eine Böschung hinunterstürzen. Auch der Kurvenradius spielt eine große Rolle. Adaptive Mountainbikes sind sehr unterschiedlich aufgebaut. Die Bauweise beeinflusst die Wendigkeit und den Platzbedarf. Der Trail muss diese unterschiedlichen Systeme berücksichtigen.
Für Einsteiger braucht es eine Breite von etwa 1 bis 1,20 Meter. Gerade am Anfang kann man das Bike noch nicht so stark in die Kurve legen, wie es später möglich ist. Außerdem hängt viel vom jeweiligen Modell ab: Hat das Rad eine Neigetechnik oder nicht? Außerdem kommt man mit dem AMTB viel leichter ins Kippen als mit einem normalen Bike. Steile Kurven oder hohe Stufen stellen deshalb eine ganz neue Schwierigkeitsstufe dar.
In Nordamerika gibt es solche Standards bereits, hier in Europa bislang nicht. Das würde ich mir definitiv wünschen. Ideal wäre eine klare Kennzeichnung – vergleichbar mit der klassischen Trail-Skala in Blau, Rot und Schwarz. So könnte jeder selbst entscheiden, was er sich zutraut und wo die eigenen Grenzen liegen.
Nein, das ist sehr unterschiedlich. Ich stand selbst schon unten am Lift und bin nicht auf den Berg gekommen, weil der Transport nicht möglich war. Am besten spricht man im Vorfeld mit dem Liftpersonal und gibt die Maße des Bikes durch.
Na ja, man kann nicht einfach absteigen und selbstständig vom Trail gehen. Im Ernstfall muss also nicht nur der Fahrer geborgen werden, sondern auch das Bike – und das wiegt deutlich mehr als ein normales Mountainbike. Die Bergwacht ist in der Regel darauf eingestellt, ein 20- bis 25-Kilo-Fahrrad zu sichern oder zu transportieren. Ein AMTB zu transportieren ist logistisch eine andere Dimension. Das zeigt, dass Rettungskonzepte für adaptive Bikes noch nicht überall mitgedacht sind.

Die Adaptive-Biking- Szene wächst und erobert immer vielfältigere Strecken. Möglich machen es neue Bikes und bessere Technik. Ein Gelenk an der Radfront beim Bowhead zum Beispiel erlaubt es Jojo, sich mit seinem ganzen Körper aktiv in die Kurven zu legen.
Kommunikation ist das A und O. Jedes adaptive Bike funktioniert anders, deshalb ist es wichtig, vorher abzusprechen: Wo sind kritische Stellen? Wann und wie soll eingegriffen werden? Das richtige Gespür entwickelt sich im Miteinander. Bei einem Sturz zählt vor allem die Absicherung der Stelle, damit man sich ohne Gefahr wieder aufrichten kann.
Wir müssen das Thema noch sichtbarer machen, zum Beispiel durch Test- und Verleihmöglichkeiten. Wenn Interessierte die Chance hätten, ein AMTB unkompliziert auszuprobieren, würde das den Sport deutlich attraktiver machen. Die Anschaffungskosten sind enorm, und längst nicht jeder Rollstuhlfahrer ist finanziell so abgesichert, dass er sich so ein Rad einfach leisten kann. Viel hängt davon ab, was nach einem Unfall passiert – ob Versicherungen greifen oder eben nicht. Dass Bewegung in das Thema kommt und Offenheit da ist, sieht man aber schon. Ich bin letztes Jahr zwei Querfeldein-Rennen gefahren, und beim Rosenheimer Radmarathon wurde sogar eigens eine Strecke eingerichtet. Beim Enduro Tirol am Kronplatz gibt es seit 2024 eine ganze Adaptive-Kategorie, die sich in nur einem Jahr hervorragend entwickelt hat.
Das Wichtigste ist Geduld, Akzeptanz und ein respektvoller Umgang. Am Lift kann es mit einem AMTB etwas länger dauern. Auch auf dem Trail bin ich oft langsamer und lasse schnellere Fahrer vorbei. Die Reaktionen sind fast immer positiv. Schlechte Erfahrungen habe ich kaum gemacht. Was viele unterschätzen: Ungefragte Hilfe kann übergriffig wirken. Am Parkplatz oder im Alltag im Rollstuhl möchte ich nicht ungefragt geschoben werden. Am besten kurz fragen und die Antwort dann respektieren.
Der Gedanke, dass Adaptive MTB eine Nische ist, greift zu kurz. Mountainbiken ist ein Sport mit Risiko – theoretisch kann jeder von uns in eine Situation geraten, in der er auf ein adaptives Bike angewiesen ist. Wer den Sport liebt, möchte ihn doch auch nach einem schweren Unfall weiter ausüben können. Insofern geht es nicht um eine Randgruppe, sondern um die Frage, wie inklusiv wir unseren Sport denken. Barrierearme Infrastruktur und passende Trailplanung sind keine Nischenlösungen, sondern eine Investition in die Zukunft des Mountainbikens insgesamt.





