Bekannter Name, "komplett neu gedacht und redesignt", verspricht Jean-Francois "Jeff" Boivin, wenn er von seinem jüngsten Baby spricht. Er steht als verantwortlicher Ingenieur hinter der Entwicklung des neuen Schotter-Renners Addict Gravel. Interessant: Scott positioniert das neue Gravelbike nicht als dezidiertes Race- oder Adventure-Bike, wie das derzeit viele Mitbewerber tun, sondern spricht von einem "Allrounder". Dennoch bringt das Bike eine Menge Talente mit, um auf schnellen Rennkursen ebenso zu bestehen wie auf ausgedehnten Bikepacking-Trips. Aber der Reihe nach.
Kurz & knapp: Scott Addict Gravel
- 5 Modelle des Addict Gravel (40, 30, 20, 10, Premium) erhältlich
- Rahmen aus Carbon und in den Größen XXS bis XXL verfügbar
- mechanische Shimano GRX-Schaltung oder elektronische Sram Rival/ Force/ Red-XPLR
- bis zu 57 mm breite Reifen montierbar
- Gewicht zwischen 7,8 kg und 8,7 kg, ohne "Save The Day-Kit"
- insgesamt in zehn Farben verfügbar
- Preis: ab 2799 Euro (Addict Gravel 40) bis 8999 Euro (Addict Gravel Premium)
Dass sich das neue Addict Gravel nicht gerne in Schubladen pressen lässt, wird schon beim ersten Auftritt klar. Auffällig sind die fetten, ordentlich profilierten 50-mm-Reifen, auf denen das Gravelbike steht. Schwalbes G-One RX rollen auf Asphalt mehr als anständig, funktionieren auch offroad gut – nicht nur auf Champagner-Gravel. Zusammen mit den auffälligen Fulcrum-Laufrädern bildet die Kombi einen gewissen Kontrast zum elegant gezeichneten, recht schlank daherkommenden Rahmen. Der bietet Platz für bis zu 57 mm breite Reifen.

Satte 57 mm breite Reifen passen in das neue Scott Addict.
Spannende Details am Rahmen
Jeff spricht von "Lightweight Design", auf unnötige Komplexität habe man bewusst verzichtet. Auf unzählige Montagepunkte, wie sie viele aktuelle Adventure-Gravelbikes bieten, hat man verzichtet. Dennoch finden sich am Addict Gravel etliche Gewindeösen, die fallen aber erst auf den zweiten Blick auf. Das liegt zum einen an Schrauben mit versenkten Köpfen, aber auch daran, dass sie etwa an der Gabelinnenseite sitzen. Dazu passend bietet der Hersteller speziell designte Flaschenhalter an, die zudem schwerpunktmäßig günstig recht weit hinten sitzen. Passende Halter für großes Gepäck gibt es von Scott/Syncros leider nicht.

Das Addict wird in vielen Farben angeboten, von unauffällig dezent bis poppig reicht die Bandbreite.
Anders als bei vielen modernen Gravel-Racern wurden die Rahmenformen des Schweizers nicht im Windkanal geglättet und optimiert – so erscheint die Silhoutte des Addict Gravel fast schon klassisch und vergleichsweise zierlich. Auch auf höchstmögliche Steifigkeit habe man das Bike ganz bewusst nicht gezüchtet, dennoch soll der neue Rahmen fünf Prozent steifer sein als der Vorgänger. Dafür sei er spürbar komfortabler – am Heck wie an der Front versprechen die Ingenieure mehr vertikale Nachgiebigkeit. Je nach verbauter Sattelstütze 25 bis 60 Prozent mehr am Heck, rund 30 Prozent mehr an der Front. Auch die Geometrie wurde angepasst. Der Rahmen kommt mit je zehn Millimetern mehr Stack und Reach, dafür baut das neue Cockpit zehn Millimeter kürzer. Das soll mehr Spurstabilität in technischem Terrain garantieren.
Ausstattung und Preise
Weitere Auffälligkeiten am neuen Rahmen, den es in zwei Qualitäten gibt: die extrem schlanke Kettenstrebe auf Antriebsseite, die Platz für bis zu 2,2 Zoll breite Reifen bietet, und das kleine Staufach im Unterrohr, in dem das "Save The Day Kit" Platz findet, das Scott bei den Topmodellen serienmäßig mitliefert: mit Schlauch, Reifenhebern und Minipumpe. Dass die Öffnung im Spritzbereich des Vorderrads und nah am Tretlager liegt, soll kein Spielverderber sein, da die leichte, speziell gedichtete Klappe nur im Pannenfall zu öffnen sei. Für den Transport häufig benötigter Gegenstände setzt Scott auf ein speziell eingepasstes Rahmentäschchen, das auch während der Fahrt gut zugänglich ist. Ein Minitool und ein Set mit Tubeless-Plugs steckt jeweils in einem Lenkerende. Sehr praktisch!

Das neue Addict Gravel Premium gibt es mit der Top-Ausstattung Sram Red XPLR für 8999 Euro.
Die Rahmengewichte gibt Scott mit sehr leichten 795 Gramm für den HMX-Toprahmen an, der günstigere HMF-Rahmen soll knapp 200 Gramm mehr wiegen (ab 990 Gramm). Beide sind in sieben Größen lieferbar, entweder als Rahmen-Set für 2999 bzw. 1999 Euro. Oder als Kompletträder, die mit mechanischer Shimano GRX ab 2799 Euro zu haben sind (Addict Gravel 40). Die beiden teuersten Modelle Addict Gravel Premium und Addict Gravel 10 setzen auf den leichteren HMX-Rahmen und kosten 8999 bzw. 6499 Euro. Das Premium kommt mit Fulcrum Sharq GR-Laufrädern, dem neuen Syncros SYN IC-R501-CF2-Cockpit und Srams Edelgruppe Rex AXS XPLR. Das Gravel 10 schaltet und bremst mit Srams Force-Gruppe und rollt auf Fulcrum Sonic GR-Laufrädern.
Ohne Save The Day- und Tool-Kit sowie tubeless aufgebaut soll das Topmodell nur 7,8 Kilo wiegen, mit Schläuchen und Notfall-Set immer noch schlanke 8,4 Kilo. Das Addict Gravel 10 wiegt laut Scott rund 300 Gramm mehr.
Erster Fahreindruck
Und wie fährt sich das neue Addict Gravel? Bei der Präsentation am Feldberg im Schwarzwald konnten wir das Bike bereits intensiv testen. So viel vorweg: Seinem Anspruch als Allrounder, der sich auch im gröberen Terrain wohlfühlt, wird das neue Scott voll gerecht.

Der Rahmen ist steif und komfortabel – ohne ins Extrem zu gehen.
Die Sitzposition sortiert sich eher auf der sportlichen Seite ein, wirkt aber nicht zu gestreckt. Der Lenker greift sich angenehm, der ovalisierte Oberlenker liegt sehr gut in der Hand, könnte aber für große Hände etwas mehr Volumen haben. Der Unterlenker kommt mit wenig Drop, Umgreifen klappt sehr schnell. Der von Scott versprochene Komfort ist erfahrbar, von übertriebener Härte ist hier nichts zu spüren. Und das liegt nicht nur an den breiten Reifen. Die Sattelstütze flext angenehm, mutiert aber nicht zu einem Schaukelstuhl. Wer viel auf der Straße fährt, kann hier ein optionales Rücklicht mit Bremslichtfunktion einclipsen, das sich formschlüssig einpasst. Optisch elegant und praktisch. Kurz: Hier gibt’s nix zu meckern.
Die Lenkung zeigt sich nie nervös, bleibt aber wendig genug für schnelle Richtungswechsel. Insgesamt reiht sich das neue Addict Gravel eher auf der stabilen Seite ein. Auch Highspeed-Abfahrten auf grobem Schotter lassen zu keiner Zeit Unsicherheit aufkommen. Die fetten 50er-Reifen sorgen für satten Grip und guten Komfort. Mit diesem Bike ist man für fast alle Gravel-Eventualitäten gut gerüstet.

Der Lenker greift sich angenehm und der ovalisierte Oberlenker liegt sehr gut in der Hand. Nur für größere Hände könnte er etwas mehr Volumen haben.
Die verbaute Force schaltet bekannt geschmeidig auch unter Last. Die Übersetzung 42T × 10–46 passt zum Allround-Anspruch, erlaubt problemlos längere Kletterpassagen, funktioniert aber auch, wenn es mal darum geht, Strecke zu machen. Ein passender Kettenfänger verhindert Kettenabwürfe, wenn’s mal richtig hart zur Sache geht, Scott bietet sie passend für unterschiedliche Kettenblätter an. Mit 2-fach-Schaltungen ist der Rahmen nicht kompatibel.
Die Beschleunigung gefällt, was bei dem geringen Gewicht und den recht leichten Fulcrum-Laufrädern zu erwarten ist. Die breiten, recht üppig profilierten Reifen rollen angenehm auf Schotter, auf Asphalt durchaus okay. Explosiv wäre anders, aber echte Race-Reifen würden weniger Offroad-Qualitäten mitbringen.

Auch auf schnellen Kursen fühlt sich das neue Addict Gravel wohl.
Praktisch unterwegs ist das kleine Täschchen im vorderen Rahmendreieck mit Netztasche links und gedichtetem Reißverschluss. Eine leichte Regenjacke, Riegel und Handy passen da problemlos rein.
Optional bietet Scott auch eine große Rahmentasche und eine Oberrohrtasche an. Ebenso wurden eine Lenkerrolle und Satteltasche (beide zweiteilig für die schnellere Entnahme) passend zum neuen Bike von der Scott-Tochter Syncros vorgestellt.
Kurz: Scott hat nicht zu viel versprochen. Das Addict Gravel gefällt als leichter, komfortabler, sehr vielseitiger Partner für unterschiedlichste Gravel-Einsätze. Dank vieler Rahmengrößen und Ausstattungsvarianten dürfte zudem für jede und jeden das passende Modell zum eigenen Anspruch zu finden sein.





