Zahme Wildschweine, Opfergaben für verunglückte Radsportler, 100 km/h-Abfahrten: Der Mont Ventoux in der Provence in Frankreich ist ein Mekka des Radsports. Wir haben im ROADBIKE-Team die schönsten und emotionalsten Geschichten vom "Weißen Riesen" gesammelt.
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Tom Terbeck: Von Mythen umrankt

Online-Redakteur Tom Terbeck am Gipfel des Mont Ventoux.
Manchmal frage ich mich: Wie kommt es, dass man diese ganzen Radsportgeschichten in sich trägt und sich an Orten auskennt, an denen man niemals zuvor war? Als ich 2021 auf den Mont Ventoux gefahren bin, wurde mir schon im Vorfeld ganz kribbelig im Bauch. Vor Ort hatte ich den Eindruck, heiligen Boden zu betreten. Voller Ehrfurcht und Respekt bin ich über Malaucène zum Gipfel gefahren. Oben habe ich die herrliche Aussicht genossen – und die unzähligen Radfahrerinnen und -fahrer beobachtet. Geschundene, aber glückliche Gesichter. Ich bilde mir ein, dass wir ähnliche Demut, Dankbarkeit und Glückseligkeit empfanden.
Am Gedenkstein für Tom Simpson, den 1967 bei der Tour am Ventoux verstorbenen Rennfahrer, hielt ich an, stellte eine Trinkflasche als "Opfergabe" ab und erinnerte mich an seine angeblich letzten Worte: "Put me back on my bike." Ich war selbst überrascht, wie sehr mich das Schicksal eines unbekannten Menschen bewegte – und wie tief man in die Radsporthistorie eintauchen kann.
Nils Flieshardt: Im Club der Verrückten

ROADBIKE-Autor Nils Flieshardt beim Überdenken der Entscheidungen, die ihn in diese Lebenssituation gebracht haben.
Meine Mission: Rauf auf den weißen Riesen – auf allen drei Auffahrten. Warum? Weil ich ein Verrückter werden will. Die "Cinglés du Mont-Ventoux" dürfen den Giganten der Provence an einem Tag dreimal erklimmen – 136 Kilometer, 4443 Höhenmeter. Wer mehr schafft, wird Galérien oder Bicinglette. Für den Anfang reicht mir die einfache Bestätigung, dass ich nicht alle stramm sitzen habe.
Mein Aufnahmeritual beginnt in einer Bäckerei in Bédoin. Mit der Stempelkarte in der Hand geht es los: 06:55 Uhr, Funkturm im Blick, hinein in den Wald, weg von der Wüste. Die Auffahrt über Bédoin ist die schwerste: 21,5 Kilometer mit bis zu zehn Prozent Steigung. Schweiß läuft, ich bin alleine unterwegs, nur ein paar frühe Radler begegnen mir. Übermut kommt auf, ich schalte in den schweren Gang – verrückt, aber schön.
Der erste Gipfel: magischer Moment allein, Stempel im Restaurant, weiter geht’s nach Malaucène. Die zweite Auffahrt ist gnadenlos, brütend heiß, meine Beine schreien. Motivation kommt von den anderen Radfahrern: ein "Hopps" hier, ein "Auf geht’s!" dort. Am Gipfel wieder Stempel – und ab nach Sault.
Die letzte Auffahrt ist flacher, aber der Gegenwind macht sie hart. Unterzuckerung, Cola-Betankung, jeder Meter ein Kampf. Ich gehe noch einmal aus dem Sattel, krieche über den letzten Kilometer – und dann: dritter Gipfelstempel, Freude wie ein Kind. Ein goldenes Stück Plastik bestätigt: Cinglé Nummer 4451. Verrückt, aber unvergesslich.
Jakob Heni und Lara von Kürten: Familienausflug

Test- und Fotofahrerpaar Jakob Heni und Lara von Kürten mit (Schwieger-)Eltern
2023 haben meine Eltern Lara zum Geburtstag ein verlängertes Ventoux-Wochenende geschenkt. Gleich am ersten Nachmittag wollten wir ein paar Kilometer rollen – und sind durch Zufall in die Gorges de la Nesque geraten. Wir kannten die Schlucht nicht und waren total begeistert!
Am nächsten Tag: Ventoux von Sault. Ein sehr heißer Tag, meine Eltern hatten zu wenig gegessen, Notfall-Cola am Chalet Reynard, schwerer Kampf in der Steinwüste. Am Ende schafften es aber alle glücklich nach oben.
Am dritten Tag sind wir um den Mont Ventoux herumgefahren. Meine Eltern hatten nach der Erfahrung am Vortag reichlich gegessen – zu viel. Ihnen war den ganzen Tag schlecht. Trotzdem: Die Runde war wunderbar! Die Nordwand des Mont Ventoux ist schroff, steil, massiv – das sind noch mal ganz andere, unbekannte Perspektiven auf den Berg.
Auf dem Rückweg haben wir im Sonnenuntergang in Sault zu Abend gegessen. Wer fragt, ob sich der Aufwand für so einen Kurztrip lohnt, erhält eine klare Antwort: unbedingt!
Moritz Pfeiffer: Bergpremiere

Redaktionsleiter Moritz Pfeiffer 1999 mit dem Ventoux im Hintergrund.
1999 war ich ein 17-jähriger Hänfling, der zwei Jahre zuvor durch Jan Ullrichs Tour-Sieg zum Radsport gefunden hatte. Beim Provence-Urlaub mit meinen Eltern wurde der Mont Ventoux zum ersten großen Berg, den ich jemals mit dem Rennrad erklommen habe – über die trügerische Auffahrt von Malaucène, da ich mir die unerbittlich steile Auffahrt von Bédoin nicht zutraute.
Flach war’s dann aber auch via Malaucène nicht unbedingt – zumal mit meinem leichtesten Gang: 39 x 27 … Neben dem Ventoux ist mir aber die gesamte Region in lebhafter Erinnerung geblieben. Besonders der Luberon – eine Gebirgskette südlich des Mont Ventoux mit kleinen Sträßchen, typischen provenzalischen Dörfern, Zedernwäldern, schönen Fernblicken und imposanten Felsformationen. Besonders sehenswert: die Örtchen Lourmarin, Bonnieux und Buoux, das enge Flusstal der Aigue Brun und der kleine Col de l’Aire dei Masco.
Dagmar Behringer: Wildschweinbegegnung

Tierische Begegnung von Art Director Dagmar Behringer in der Gorges de la Nesque.
Ein besonderes Erlebnis hatte ich in der Gorges de la Nesque – dieser fast autofreien, spektakulären Felsenschlucht südöstlich des Mont Ventoux. Wir machten gerade eine Pause am Aussichtspunkt hinter den Felsentunneln, als eine ganze Wildschweinrotte auf der Bildfläche erschien.
Der Anführer – ein Riesenvieh – nahm mich zielstrebig ins Visier. Mein Herz blieb fast stehen, was den Keiler nicht zu stören schien – der fing seelenruhig an, mein Bein abzulecken. Das Salz auf meiner verschwitzten Haut hatte es ihm angetan. Zum Glück tauchte plötzlich ein Engländer auf, der dort lebte – ihm gehörten die zahmen Wildschweine. Rambo – so hieß "mein" Keiler – ließ dann auch irgendwann zufrieden von mir ab, und wir konnten weiterfahren.
Sandra Giacopelli: Dreifach-Befahrung

Grafikerin Sandra Giacopelli in den Weinbergen bei La Roque-Alric.
Mein Mann Christian hat mir immer wieder vom legendären Mont Ventoux vorgeschwärmt. Im Sommer 2017 packten wir spontan unsere Sachen und machten uns für fünf Tage auf den Weg, um dem Club der Verrückten beizutreten. Dreimal an einem Tag auf den Ventoux zu fahren – das war mein erstes aufregendes Rennradziel.
Ich hatte keine Erwartungen, wirklich trainiert hatte ich auch nicht – das Wissen um unsere Fahrten auf Mallorca und im Schwarzwald machte mir aber Mut. Am großen Tag starteten wir beim ersten Sonnenschein in Bédoin – ein klarer Tipp: die härteste Auffahrt zuerst!
Oben angekommen empfing uns eine frische Brise, und nach der ersten Abfahrt fror ich so sehr, dass wir einen Tee besorgen mussten. An diesem Tag erlebte ich hautnah, was es bedeutet, zu wenig zu trinken. Doch auch die Anstiege aus Malaucène und Sault klappten. Ich war erschöpft, aber ohne Zeitdruck wurde dieses Abenteuer zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Eric Gutglück: Tourentipp im Westen

Redakteur Eric Gutglück (2. v. r.) mit seinen Mitstreitern am Gipfel des Mont Ventoux.
Mein bislang einziger Besuch am Mont Ventoux war 2022, gemeinsam mit drei Freunden. Natürlich haben wir uns mit drei Auffahrten an einem Tag in den Club der Verrückten des Ventoux eingetragen.
Ich fand aber auch die Straßen in unmittelbarer Umgebung des Berges spektakulär. Westlich von Malaucène zum Beispiel liegt die kleine Bergkette Dentelles de Montmirail – mit vielen kleinen Pässen wie dem Col de la Suzette oder dem Col du Cayron sowie dem schönen Ort La Roque-Alric. Man fährt fast autofrei durch Weinberge, Wälder und Felslandschaften – absolut zu empfehlen!
Ebenfalls ein Kleinod: der Col de la Madeleine. Gemeint ist nicht der berühmte Alpenpass, sondern der kleine Übergang zwischen Malaucène und Bédoin. Vor allem die Abfahrt nach Bédoin ist der Knaller: toller Asphalt, schnelle Kurven, meist gut einsehbar – nur bei der Ortseinfahrt muss man wegen Schwellen zur Verkehrsberuhigung etwas aufpassen.
Alexander Walz: Frankreichs schönstes Dorf

Chefredakteur Alexander Walz beim Pressecamp auf den Sträßchen der Provence.
2013 sollte mein erstes Mal am Mont Ventoux werden. Mit großen Erwartungen fuhr ich im Mai Richtung Süden zu einer Radpräsentation, für die der "heilige Berg" die Kulisse stellen sollte. Dummerweise schneite es in der Nacht vorher am Ventoux, die Auffahrt wurde abgesagt.
Die Alternativrunde war allerdings kaum weniger spektakulär. Besonders beeindruckt hat mich das Bergdorf Gordes, das über dem Tal des Calavon thront und als eines der schönsten Dörfer der Provence gilt. Regisseur Ridley Scott drehte hier den Film "Ein gutes Jahr" und wohnt auch in der Nähe.
Mein Tourentipp: Hinter Gordes führt die schmale D177 erst zur Abtei von Sénanque – einem Zisterzienserkloster aus dem 12. Jahrhundert – und dann weiter über den Col des Trois Termes. Die Abfahrt führt durch eine enge Felsschlucht, anschließend wartet der schön zu fahrende Col de Murs – an dem schon die Tour de France zu Gast war.
Felix Krakow: Ekel-Eis

Redakteur Felix Krakow bei der letzten seiner drei Ventoux-Auffahrten.
Mit einer gehörigen Portion Respekt, um nicht zu sagen Bammel, bin ich in meine erste und bislang leider einzige Begegnung mit dem Mont Ventoux gegangen. Das große Ziel: die Aufnahmeprüfung in den Club der Verrückten bestehen – also alle drei Auffahrten an einem Tag bezwingen.
Meine eher mittelmäßige Form ließ mich in Kombination mit der Legende des unbarmherzigen Berges kaum schlafen. Doch was folgte, war einer meiner schönsten Rennradtage. Die Beine hielten durch, das Wetter war perfekt, die Straßen waren erfreulich leer. Nur von dem ekligen Lavendel-Eis bei der Pause in Sault rate ich dringend ab …
Mein persönliches Highlight war der Jubel von meinem Mitfahrer Björn Hänssler auf der ersten Abfahrt Richtung Malaucène. Grund: Auf der Schussfahrt hinab hatte der ROADBIKE-Fotograf erstmals die 100-km/h-Schallmauer auf dem Rennrad durchbrochen.
Fazit: Jede Auffahrt ein Abenteuer
Ob Profi oder Hobbysportler: Der Mont Ventoux fordert Körper und Geist gleichermaßen. Wer sich ihm stellt, erlebt mehr als nur ein Radrennen – er spürt Geschichte, Natur und puren Nervenkitzel. Jede Auffahrt ist ein kleines Abenteuer, jede Abfahrt ein Triumph. Und wer einmal oben stand, versteht, warum dieser Berg Radfahrer auf der ganzen Welt bewegt.





