Grundidee: Effizienzverluste in Echtzeit sichtbar machen
Wer schneller Rad fahren will, denkt meist zuerst an mehr Training – oder besseres Material. Doch ein großer Teil der Performance geht durch "unsichtbare" Energieverluste verloren: Luftwiderstand, Rollwiderstand, Reibung im Antrieb. Genau diese Verluste will das französische Start-up Aeroscale nun erstmals in Echtzeit nachvollziehbar machen: Direkt auf dem Radcomputer wird angezeigt, wie viel Watt gerade "verloren werden" – etwa, weil man vom Unter- in den Oberlenker greift oder anderweitig die Fahrerhaltung ändert.

Der Frontsensor Pitot des Wasted Watts Trackers von Aeroscale. Die Firma wurde 2020 in Meylan bei Grenoble gegründet, mitten in einem französischen Deeptech-Cluster. Gründer Manuel Sellier ist promovierter Mikroelektroniker. Nach Unternehmensangaben hat Aeroscale bereits mehr als 100 Profi-, Para- und Triathlon-Athletinnen und -Athleten bei messbaren Leistungsgewinnen unterstützt. Die Kickstarter-Kampagne soll nun den Schritt aus der Profi-Nische in den internationalen Markt markieren.
Wenn das System so funktioniert, wie der Hersteller verspricht, ließe sich also zum Beispiel die Sitzposition optimieren oder Effekte durch anderes Material testen, etwa Bekleidung, Laufräder oder Reifen. Zudem wäre "on the fly" im Rennen am Computer ablesbar, wie effizient man gerade unterwegs ist, und man könnte etwa die Haltung anpassen. Aeroscale spricht dabei von einem Novum: Bislang war eine solche Detailanalyse, wie sich Aerodynamik, Reifen/Untergrund oder Antrieb auf die Performance auswirken, vor allem Laboren vorbehalten – man benötigte Windkanal, Rollwiderstands-Prüfstände oder anderweitige aufwendige Mess-Setups. Dementsprechend waren solche Ergebnisse und Effizienzoptimierungen bislang Herstellern oder Profiteams vorbehalten. Der Wasted Watts Tracker von Aeroscale soll das nun für eine breitere Öffentlichkeit im Alltagseinsatz leisten – mit nur wenigen Sekunden Verzögerung.
Das System ist allerdings noch nicht sofort für Endverbraucher erhältlich, vielmehr hat das Unternehmen aus der Grenoble-Region nun über eine exklusive Kickstarter-Kampagne den internationalen Vorverkauf seines Wasted Watts Trackers gestartet.
Wie funktioniert das Ganze?
Das Aeroscale Wasted Watts System setzt sich zusammen aus zwei miteinander verbundenen Hardware-Modulen, einer Smartphone-App sowie einem hochpräzisen GPS-RTK-Korrekturdienst. Dieser Datenfeed dient dazu, Positions- und vor allem Höhendaten erheblich genauer zu machen.
Der Kern der Idee: Das System synchronisiert die Leistung des Fahrers (wofür ein Powermeter vorhanden sein muss), die Geschwindigkeit am Boden, die Höhenänderung und die Geschwindigkeit der anströmenden Luft. Daraus lässt sich ableiten, wie effizient die eingesetzte Leistung tatsächlich in Vortrieb umgesetzt wird – und an welcher Stelle Watt "versickern".

Der Frontsensor Pitot des Wasted Watts Trackers wird vor dem Lenker montiert, der Hecksensor RTK hinter dem Sattel.
"Unsere Mission ist es, die unsichtbaren Verluste sichtbar zu machen, die Performance ausbremsen", sagt Gründer und CEO Manuel Sellier. Mit dem Kickstarter-Start wolle man anspruchsvollen Fahrerinnen und Fahrern ein Optimierungswerkzeug geben, das bislang Elite-Teams und Forschungslaboren vorbehalten gewesen sei.
Aeroscale beschreibt den Wasted Watts Tracker als System mit drei zentralen Innovationen. Das "Gehirn" sei das RTK-Heckmodul, das hinter dem Sattel sitzt. Es arbeite nach dem Prinzip der Energieerhaltung: Die vom Fahrer erzeugte mechanische Energie wird den Veränderungen von kinetischer Energie (Beschleunigen/Verzögern) und potenzieller Energie (Höhenmeter) gegenübergestellt. Alles, was nicht in diesen Bilanzposten landet, wird als Verlust interpretiert – also als Watt, die in Luftwiderstand, Rollwiderstand oder Reibung abfließen.
Für die Messgenauigkeit setzt Aeroscale auf zwei Säulen. Erstens: eine sehr feine Geschwindigkeitsmessung am Hinterrad. Ein Magnetsensor soll jede Rotationsänderung erfassen. Zweitens: GPS RTK ("Real Time Kinematic"), also satellitengestützte Positionierung mit Korrekturdaten. Insbesondere die Höhenauflösung soll dadurch deutlich genauer werden als bei normalem GPS oder selbst hochwertigen Barometer-Höhenmessern. Dadurch werde weniger nachträgliche Datenglättung nötig, die reale Effekte verschleiern kann.

Das RTK-Heckmodul des Wasted Watts Trackers ist gewissermaßen das "Gehirn" des Systems.
Das zweite Bauteil ist ein Frontmodul mit Pitot-Sonde, wie man sie aus der Luftfahrt kennt. Montiert vor dem Lenker, misst es die Luftgeschwindigkeit, um die Rohdaten der "verlorenen Watt" in eine normalisierte Effizienzkennzahl zu überführen. Der Hersteller verspricht eine Abweichung von unter einem Watt.
Drittens setzt Aeroscale auf Software: Synchronisation der Datenströme und Latenzmanagement "bis auf die Millisekunde". Hinzu kommt ein selbstkalibrierender Algorithmus, der typische Hürden solcher Systeme umgehen soll – etwa manuelle Einstellungen zu Fahrergewicht oder Rollwiderstand. Die Botschaft: "Plug & Ride" statt Messlabor.
Gibt es schon vergleichbare Systeme?
Ganz allein steht Aeroscale mit dem Anspruch "Windkanal auf der Straße" nicht da. Bereits seit einigen Jahren sind Systeme erhältlich, die Aerodynamik im realen Fahrbetrieb quantifizieren wollen – meist mit Fokus auf den Luftwiderstandsbeiwert CdA beziehungsweise Drag statt auf ein komplettes "Wattverlust"-Budget. So bietet etwa Velocomp mit dem AeroPod ein Outdoor-Messsystem an, das über Sensorik und Auswertung während der Fahrt Aerodaten liefern und diese teils per Garmin-Integration sichtbar machen soll. Ebenfalls im Markt positioniert sich Body Rocket mit dem Versprechen von Live-Feedback zur Aerodynamik ("Make the world your wind tunnel"), das in wissenschaftlichen Veröffentlichungen als Echtzeit-Drag-Messgerät beschrieben wird.

Angaben zum Gewicht der beiden am Rad zu befestigenden Sensoren macht der Hersteller übrigens nicht.
Streamlines wiederum vermarktet mit "CIRRUS" ein System für automatisierte Aerotests im Freien. Swiss Side taucht in diesem Kontext eher als Entwicklungs- und Engineering-Anbieter auf: Das Unternehmen kommuniziert eigene Mess- und Analysewerkzeuge für Aero-Entwicklung sowie eine "Performance Platform", die vor allem Simulation und Entscheidungsunterstützung adressiert – weniger ein klassisches Consumer-Onboard-Gerät.
Aeroscale versucht sich damit in einem Feld, das bereits Bewegung kennt, setzt aber auf eine breitere Definition von Effizienz, indem neben Aero auch Roll- und Antriebsverluste als "Wasted Watts" in Echtzeit sichtbar werden sollen.
Vom Windkanal auf den Asphalt
Aeroscale positioniert sein Produkt als Gegenentwurf zu klassischen Messverfahren in kontrollierten Umgebungen. Denn Aerodynamik und Rollwiderstand sind in der Praxis dynamisch: Windböen, wechselnde Straßenbeläge, Temperatur, Reifendruck, Sitzposition und Bekleidung verändern die Bilanz permanent. Genau hier soll der Tracker ansetzen. Statt nach der Ausfahrt in Datenstapeln zu wühlen, könnten Nutzerinnen und Nutzer mitten in der Belastung testen, was eine Positionsänderung bringt, wie sich ein anderer Laufradsatz auswirkt oder ob ein bestimmtes Kleidungsstück wirklich schneller macht. Aeroscale zieht indirekt eine Parallele zum Siegeszug der Powermeter: Was vor zehn, fünfzehn Jahren noch Profi-Werkzeug war, ist heute Standard an vielen Rennrädern. Ähnlich "demokratisieren" will das Unternehmen nun die Effizienz- und Aerodynamikmessung.

Warum mehrere der Pressebilder von Aeroscale einen Fahrer im rosa Bunny-Kostüm zeigen, hat sich uns nicht erschlossen. Wir wollen euch diese Impression aber nicht vorenthalten :-)
Preis, Positionierung, ROADBIKE-Einschätzung
Für die Kickstarter-Phase bietet Aeroscale das Komplettpaket des Wasted Watts Trackers zum Einführungspreis von 1870 Euro an – ein limitiertes Early Bird Angebot gibt es für 1630 Euro. Später soll der reguläre Verkaufspreis um die 2500 Euro liegen. Damit ist es – selbst mit Kickstarter-Rabatt – ein Premiumprodukt. Die Auswertung der Daten via App inklusive Übertragung auf den Radcomputer wird später als Abo für 9,99 Euro pro Monat angeboten, Unterstützerinnen und Unterstützer der Kickstarter-Kampagne erhalten jedoch laut Aeroscale lebenslangen kostenlosen Zugriff auf diesen Dienst.

Aeroscale zielt mit seinem System erkennbar auf ambitionierte Rennradfahrerinnen und -fahrer, Triathletinnen und Triathleten sowie performanceorientierte Teams. Ob sich der Nutzen im Alltag breit durchsetzt, wird davon abhängen, wie robust die Messungen bei wechselnden Bedingungen sind und wie gut die Daten in konkrete Entscheidungen übersetzt werden können. Fest steht: Die Idee, Effizienzverluste live am Lenker sichtbar zu machen, trifft einen Nerv in einem Markt, der seit Jahren von Aero-Optimierung lebt – oft getrieben von Marketingversprechen und Wattangaben aus dem Windkanal. Ein System, das unter realen Bedingungen sofort Rückmeldung gibt, hebt die Performance-Optimierung auf ein neues Niveau: weg von pauschalen Aussagen, hin zu messbaren Effekten auf der eigenen Strecke.





