Dieser magische Augenblick, wenn frühmorgens die ersten Sonnenstrahlen über die Bergketten kriechen – für mich unbezahlbar. Tief unten im Tal schlummert das Dorf Unken im Salzburger Land noch in süßen Träumen. Hier heroben am Wetterkreuz herrscht bis auf vereinzeltes Vogelgezwitscher ebenfalls himmlische Ruhe, und die kühle, klare Morgenluft gewährt mir eine einmalige Aussicht auf die Gipfel der Leoganger und Loferer Steinberge bis hin zu den östlichen Chiemgauer Alpen. Ich sauge die Eindrücke in mich auf, steige mit Bedacht auf mein Bike – und falle förmlich direkt vom Gipfelkreuz in einen enorm anspruchsvollen Trail. Das verblockte Karstgelände fordert mir alles an Fahrkönnen ab, dennoch zwingen mich zwei S4-Stellen aus dem Sattel. Erwartet habe ich bei meinem Ausflug ins Salzburger Saalachtal ein eher gemütliches Bergradrevier für – je nach Tourenlänge – Genussspechte, Familien oder Konditionsbolzen. Aber in diesem Moment zeigt das lauschige Tal ganz schöne Zähne.

No way: Die Gipfel und Felswände des Großen Mühlsturz- und Grundübelhorn sind Kletterern vorbehalten.
Gelegen im Dreiländereck von Salzburg, Tirol und Bayern, geht es rund um die Urlaubsorte Lofer, St. Martin, Unken und Weißbach generell gemütlich zu, in Nachbarschaft zur Stadt Salzburg, zum Königssee oder den Berchtesgadener Salzwelten ist klassischer Tourismus angesagt. Wanderer treffe ich bis ins Tal auf diesem "Fair-play-Trail", der auf gegenseitige Rücksichtnahme zwischen allen Nutzergruppen baut, dennoch keine. Ein Vorteil meines frühen Starts. Der Wetterbericht mit Vorhersage von heftigen Sommergewittern ab dem frühen Nachmittag hat mich dazu getrieben.
Explosives unter Tage
So habe ich – in einem Stück und mit einem guten Schuss Adrenalin im Körper unten angekommen – nach einem späten, ausgedehnten Frühstück in meinem Hotel in Lofer alle Zeit der Welt, die 2000-Seelen-Gemeinde im Pinzgauer Tennengau zu erkunden. Gemütlich schlendere ich durch den beschaulichen Ort, vorbei an den Fassaden von Häusern, deren Fundamente teils bereits im 14. Jahrhundert entstanden sind. War Lofer früher eine wichtige Relaisstation für Händler und erzbischöfliche Boten mit deren Pferden, welche Nachrichten von Salzburg nach Venedig überbrachten, so lebt die Gemeinde heute vor allem von Tourismus und Landwirtschaft.
Das Regenwetter am Nachmittag nutze ich mit einer Erkundung der beeindruckenden Lamprechtshöhle, der größten Durchgangshöhle der Welt. Den restlichen Tag lang gönne ich meinem Körper etwas Entspannung in Sauna und Whirlpool.
Denn: Schon gestern habe ich zum Auftakt meines viertägigen Trips ins Saalachtal mit Guide Martin eine lange, wunderschöne Tour absolviert. Nach gemütlichem Einrollen am Tauernradweg ging es am Innerbach entlang in die erste Steigung des Tages. Serpentinen, Tunnels und tiefe Taleinschnitte gestalteten die Auffahrt recht abwechslungsreich, bevor es unter Ausnützung einiger Trail-Abkürzer Richtung Unterjettenberg hinab ging.
Hier kamen wir auch an der WDT52, der Wehrtechnischen Dienststelle der deutschen Bundeswehr, vorbei. Tief im Tunnelsystem unter dem Dolomit der Reiteralpe werden hier Spreng- und Bombenübungen durchgeführt, um gegen Bedrohungen kriegerischer Art gewappnet zu sein. Auch Minentaucher der deutschen Marine trainieren in einem 60 Meter tiefen, senkrechten Schacht voller Wasser unter Tage für den Ernstfall. Laut Martin befindet sich in den Tiefen des Berges sogar das größte Munitionslager Deutschlands. Von alledem bekamen wir an diesem wundervollen Sommertag freilich nichts mit.
Stattdessen genossen wir, nach einer schönen Auffahrt am kühlen Schwarzbach entlang, den spektakulären Ausblick aufs Hochkaltermassiv vom idyllischen Hintersee aus. Traditionell bayerisch stärkten wir uns mit Wurstsalat und ließen noch ein bisschen die Füße im glasklaren Wasser des Sees baumeln. So hätte ich ewig sitzen bleiben können. Aber noch stand uns der härteste Anstieg des Tages bevor. "Sacksteil" ging es hinauf Richtung Grenzübergang Hirschbichl. Die für den öffentlichen Verkehr gesperrte Straße wird nicht umsonst vom deutschen Biathlon- und Langlaufkader auf Rollerskiern als Trainingsstrecke genutzt. Im Gegensatz zu uns haben die Profis aber wohl kaum Augen für die beeindruckende Landschaft im Hirschbichlklammgraben.
Tief hat sich hier der Bach über viele tausende Jahre in den Fels gefressen und gewährte uns immer wieder tolle Blicke. Am Pass angekommen, hieß es kurz verschnaufen. Hier befand sich jahrhundertelang ein wichtiger Grenzübergang. Bayerische Bauern zogen jeden Sommer mit ihrem Vieh über den Pass auf die Salzburger Almen, ebenso verlief hier auch eine wichtige, alte Salzhandelsroute. Die folgende mehr als vier Kilometer lange, steile Schotterabfahrt hatte es dann durchaus in sich. Unten am Wildenbach angekommen, mussten wir die Arme ausschütteln und die Bremsen abkühlen lassen, um dann durch eine wunderschöne Schlucht mal links, mal rechts vom Bach zurück Richtung Lofer zu fahren – wo wir den Abend bei Hausmannskost und einem schönen Glas Rotwein auf der Hotelterrasse ausklingen ließen.
Ein See aus rotem Marmor
Der dritte Tag meines Ausflugs ins Salzburger Saalachtal begrüßt uns wieder mit strahlendem Sonnenschein. Heute steht die Marmorseerunde auf dem Programm. Start ist direkt am Hotel, und es gilt gleich zu Beginn, beinahe 1000 Höhenmeter am Stück hinauf ins Skigebiet zu bewältigen. Wie gemalt liegt der künstlich angelegte, mit rotem Marmorbruch ausgekleidete Speichersee irgendwann vor uns. Lauschige Rastplätze mit Ausblick auf die umliegende Bergwelt laden zum Verweilen am türkisklaren Wasser ein. Der rote Marmor stammt übrigens aus dem nahen Adnet, einem kleinen Ort im Tennengau, wobei es sich bei dem Gestein genau genommen um Riffkalkgestein handelt. So kommen beim Abbau in den Steinbrüchen immer wieder Fossilien – also zu Stein gewordene Meereslebewesen wie Korallen, Schwämme, Muscheln und Schnecken – zum Vorschein.
Nach ausgiebiger Rast geht es, abgesehen von einem fiesen "Schnapper" auf losem Schotter, fast nur noch bergab. An der Nordflanke des schroffen Dietrichhorns vorbei, deutet mir Martin zu halten. Dem geschulten Auge des Jägers entgeht keine Bewegung im Fels, und so bekomme ich heute eine Gämse zu sehen, die völlig unbeeindruckt von uns Bikern friedlich im steilen Hang äst.
Kurz darauf geht es etwas versteckt von der Schotterstraße hinein in den Trail. Teils recht holprig, dann wieder flowig zieht er sich über Waldboden, Steine und Wurzeln gen Tal. Immer wieder kreuzen wir die Straße, und so kann jeder nach Lust und Laune dort fahren, wo er sich gerade wohler fühlt. Vorbei an weidenden Kühen, schönen Bauernhöfen, Wäldern und Wiesen sausen wir zurück nach Lofer. Für morgen verspricht mir Martin zum Abschluss noch eine tolle Highlight-Tour. Also heißt es für mich mal wieder, die Kohlenhydratspeicher aufzufüllen und rasch ins Bett.

Im Naturbadegebiet Vorderkaser gibt es vor allem, aber nicht nur, für Kinder viel zu entdecken.
Familienparadiese
Der Wettergott meint es erneut gut mit uns. Die Auffahrt bei strahlend blauem Himmel kommt mir teils bekannt vor. Tatsächlich starten wir heute mit dem Schlussstück des ersten Tags, nur in umgekehrter Richtung. Glühten vor drei Tagen die Bremsscheiben, brennen heute die Waden beim Uphill zur Litzlalm. Vollkommen erschöpft, kann ich das traumhafte Panorama noch gar nicht genießen. Erst als uns das nette Hüttenteam mit köstlichen Buchteln, Buttermilch und Kaffee versorgt hat, bin ich bereit für den Ausblick auf die Berge.
Schöner kann ein Gewässer kaum liegen als der Hintersee am Fuß des Hochkaltermassivs. Aber wir haben noch ein Date heute Nachmittag. So brausen wir am Weißbach entlang ins Tal und am Tauernradweg weiter bis zum Naturbadegebiet Vorderkaser. Hier finden wir einen Traum für alle Naturliebhaber und Familien vor. So treffen wir hier an einem der kristallklaren Wasserbecken, umgeben von einer atemberaubenden Naturkulisse, auch die Familie von Martin beim Sonntagsausflug.
Während ich mit seiner Frau Kathi ein Schwätzchen halte, toben die Kinder johlend im Wasser. Neben einer Hängebrücke zum Überqueren des Baches können die kleinen Abenteurer in zwei kleinen Seen Floß fahren, über eine Rutsche ins kühle Nass gleiten und sich auf Kletter- und Seilstationen austoben. Und wäre es damit nicht genug, wird den Kids auf den zwei Kilometern zur Vorderkaserklamm am Steinzeitweg auf spielerische Art und Weise die Lebensweise der frühen Zeit nähergebracht. Sogar ein Säbelzahntiger und ein Mammut lauern am Weg.
Am Ende des Weges lassen wir den Tag an der Vorderkaser-Alm bei Eis und Aperol-Spritz ausklingen. Das Gebiet um Lofer hat sich mir definitiv von seiner besten Seite präsentiert – ein riesiges Radwegenetz, kombiniert mit zahlreichen Attraktionen und Zielen für Groß und Klein, sorgt dafür, dass hier wirklich jeder auf seine Kosten kommt.

Genussradeln: Flowig geht es mit Blick auf Watzmann und Hochkalter zum Hintersee.
Tipps für einen Trip ins Saalachtal
⛰️ Lage & Charakter: Das Salzburger Saalachtal liegt am Nordrand der Alpen im Dreiländereck Salzburg, Tirol sowie Bayern und beinhaltet die vier Urlaubsorte Lofer, St. Martin, Unken und Weißbach. In direkter Umgebung liegen außerdem bekannte Ausflugsziele wie Salzburg, der Königssee oder die Berchtesgadener Salzwelten. Die Urlaubsregion eignet sich vor allem für entspannte Familienurlaube, was sich in den MTB-Angeboten wiederfindet. Die offiziell ausgewiesenen Routen orientieren sich meist an Forststraßen und Radwegen.
🚉 Anreise: Die Anreise erfolgt ab München über die A8 und die A93 (Inntalautobahn) bis zur Abfahrt Oberaudorf. Dann weiter auf der B172 und E641 bis Lofer. Alternativ weiter auf der A8 gen Salzburg und dann via Bad Reichenhall. Auch mit Bus und Bahn ist die Region gut erreichbar: Ab den Bahnhöfen Salzburg und Bad Reichenhall verkehren direkte Buslinien, die für Gäste mit der "Mobility Card" sogar kostenlos sind.
🌦️ Beste Reisezeit: Die schönste Phase für einen MTB-Urlaub ist von Anfang Mai bis Ende September, wobei es auch im April und Oktober wunderbar warme und feine Tage geben kann. Davor und danach muss man vor allem in den Hochlagen noch oder schon mit Schnee rechnen. Nicht umsonst ist die Region auch ein sehr beliebtes Wintersportgebiet.
🛏️ Übernachtung: In den vier Orten der Region stehen zahlreiche Hotels, Pensionen und Gasthöfe unterschiedlicher Preisklassen zur Verfügung. Einige dieser Unterkünfte sind auch ausgewiesene BikeHotels mit entsprechender Infrastruktur. Die offizielle Website (siehe unten) gibt nähere Auskünfte.
🙋 Guiding: Im Salzburger Saalachtal stehen professionelle Bike-Guides parat, die geführte MTB-Touren für alle Levels anbieten – von einfachen Familienausflügen entlang der Saalach bis zu anspruchsvolleren Routen in der Almenwelt Lofer. Nähere Infos und Kontakte findet man erneut auf der offiziellen Webseite.
Allgemeine Infos: lofer.com

Wasser, Wiesen, Wald und Berge dominieren die Landschaft, wie hier im Schwarzenbachtal.
Vier Touren im Saalachtal
Der Trailguide vereint vier Touren, die die ganze Bandbreite des Saalachtals abbilden. Die weitläufige Runde nach Unterjettenberg punktet mit viel Panorama, langen Anstiegen und abwechslungsreichen Abfahrten bis zum Hintersee. Anspruchsvoll wird es am Unkenberg mit der kräftezehrenden Auffahrt zum Marmorsee und der langen Abfahrt zurück ins Tal, während die kurze, aber extrem knackige Wetterkreuz-Tour mit hochalpinem Ausblick und technisch forderndem Trail echte Könner fordert. Genussvoller klingt der Trip an der Litzlalm aus – mit forderndem Uphill, anschließendem Flow und lohnenden Natur-Highlights entlang der Saalach.
Die vier Routen umfassen Distanzen von 17 bis 51 Kilometern und führen mit bis zu 1240 Höhenmetern durch das abwechslungsreiche Dreiländereck.
Abseits der Trails
🌊Wasserwelt: Über 51 Stege und 35 Treppen gelangt man in die rund 400 Meter lange und bis zu 80 Meter tiefe, höchst imposante Vorderkaserklamm, die nicht nur als Familienausflug ein Erlebnis ist. vorderkaserklamm.at
⛰️Für Kraxler: In Weißbach bieten die vier talnahen "Gämsen"-Klettersteige in den Schwierigkeitsgraden A/B, B/C, D und E/F Anfängern wie Profis die Möglichkeit, Kletterspaß zu erleben.
🏰In der Festung: Im Fort Kniepass in Unken sind Kultur, Action und Kulinarik ganz eng miteinander verbunden: Es gibt einen Erlebnisweg zum Thema Grenzen, das mittelalterliche Fort zur Besichtigung, die längste und höchste Röhrenrutsche der Alpen sowie eine Top-Gastronomie, die auf kulinarische Regionalität und Originalität setzt.

Die meisten der zahlreichen ausgewiesenen Mountainbiketouren des Saalachtals verlaufen auf einfachen Forstwegen.










