Der E-Bike-Markt, so ehrlich muss man sein, ist in vielen Segmenten von einer gewissen Gleichförmigkeit geprägt. Ob Tourer, E-MTB oder Lastenrad – die Komponenten stammen oft von denselben etablierten Herstellern. Motor, Fahrwerk, Bremsen: bewährt, aber selten überraschend. Echte Innovationen sind, nicht zuletzt wegen der angespannten Lage in der Radbranche, zur Seltenheit geworden. Und dann betritt ein Hersteller wie Tarran die Bühne. Der chinesische Newcomer sorgte bereits im Vorjahr mit dem T1 Pro, einem Lastenrad gespickt mit Kameras, Blinkern, Heckradar und eigenem Antrieb, für Aufsehen. Nun folgt mit der L1-Serie der nächste Coup: ein Familien-Longtail, das auf dem Papier keine Wünsche offenlässt. Wir konnten das Top-Modell, das L1s Superior, bereits vor dem offiziellen Marktstart exklusiv unter die Lupe nehmen. Übrigens: Hier haben wir weitere E-Bikes ab fairen 900 Euro in der Test-Zusammenfassung.

Als BikeX-Redakteur nehme ich beinahe wöchentlich neue E-Bikes unter die Lupe: Vom stylishen City-Flitzer über Trekking-Räder bis hin zu sportlichen E-MTBs ist die Bandbreite wirklich gewaltig. Neugierig geworden? Alle getesteten Räder findest du hier in der Übersicht!
Bei meinen ausgiebigen Testfahrten prüfe ich nicht nur Zahlen und Daten, sondern vor allen Dingen, ob ein Bike im Alltag wirklich funktioniert: Wie fährt es sich im Feierabendverkehr, mit Einkaufstasche am Gepäckträger oder auf matschigen Waldwegen? Ich höre aufs Motorgeräusch, spüre, was der Rahmen macht – und freue mich natürlich, wenn mich ein Bike einfach grinsend vom Hof rollen lässt.
Mein Tipp? Richtig gute E-Bikes erkennt man daran, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, ob es überhaupt einen Motor hat. Sondern nur, wie viel Spaß es gerade macht.
Viel Spaß beim Lesen!
Kurz & knapp: Tarran L1 Longtail
- ab 34 kg schweres Longtail-Lastenfahrrad
- zwei Modellvarianten (L1m oder L1s)
- eigener Mittelmotor mit 100 Nm, 750 Watt Spitzenleistung
- 693 Wattstunden Akku
- Federgabel mit 80 mm Federweg
- Enviolo Automatik-Nabenschaltung mit Riemenantrieb
- voll ausgestattet mit Licht, Spritzschutz & Co.
- L1s serienmäßig mit Heckradar, elektrischer Sattelstütze, autom. Hauptständer uvm.
- max. 215 kg Zuladung (125 kg Fahrer, 105 kg Gepäck)
Tarran L1s wie gehabt mit eigenem Motor

Tarrans Mittelmotor braucht sich vor der schwäbischen Konkurrenz nicht zu verstecken.
Im L1 kommt der bereits aus dem T1 Pro bekannte Mittelmotor zum Einsatz – und dessen Daten beeindrucken auch 2026 noch: satte 100 Newtonmeter Drehmoment soll er ans Hinterrad durchreichen, maximal 750 Watt Spitzenleistung versprechen die Chinesen. Schon im großen Lastenrad-Bruder überzeugte uns das Aggregat mit seinem flüsterleisen Betrieb und einer bemerkenswert geschmeidigen, aber dennoch kraftvollen Leistungsentfaltung. Und so viel sei an dieser Stelle vorweggenommen: Das bestätigt sich auch im L1 wieder.
Gekoppelt wird der Antrieb jedoch nicht mit dem 708-Wh-Akku des T1 Pro, sondern mit einem neuen Energiespeicher, der 693 Wattstunden fasst. Ein Grund zur Sorge? Keineswegs. Im Alltagsbetrieb dürfte dieser Unterschied in der Reichweite kaum spürbar sein, vor allem, weil das L1 signifikant leichter ist. Die Entscheidung für den etwas kleineren Akku könnte auf eine optimierte Gewichtsverteilung oder eine bessere Integration in den kompakten Rahmen des Longtails zurückzuführen sein. Eine Doppelakku-Option gibt es indes leider nicht. Übrigens: Welcher Akku zu dir passt, sagen wir dir hier.
Verspielte Ausstattung samt Kamera und Radar

Liebe Hersteller: Heckradar und Rückfahrkamera sind absolut nachahmunswürdig!
Wie schon angedeutet, strotzt das Tarran L1s nur so vor technischen Leckerbissen. Das Fahrerlebnis beginnt bereits futuristisch: Gestartet wird das Rad per NFC-Schlüsselkarte, die man kurz an eine Schnittstelle hinter dem Sitzrohr hält. Ein freundliches "Biep" signalisiert Systemstart. Der Bootvorgang ist erfreulich schnell abgeschlossen, und das zentrale 5,2-Zoll-TFT-"Retina Display" auf dem Lenker erwacht zum Leben. Es überzeugt mit gestochen scharfer Auflösung, hohem Kontrast und exzellenter Ablesbarkeit selbst bei Sonneneinstrahlung. Zum Schutz vor Diebstahl lässt es sich mit einem Handgriff abnehmen.
Die Software, von Tarran auf den Namen "TarranOS" getauft, präsentiert sich modern, wirkt in ihrer Menüstruktur aber teils etwas verschachtelt. Die Bedienung ist nicht auf Anhieb vollkommen intuitiv, doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase findet man sich zurecht. Die Steuerlogik über das leicht überfrachtete Bedienteil am linken Lenkergriff ist vom T1 Pro bekannt, wurde aber in Details verbessert. Ein großes Lob verdient die neue Tastenbelegung: Die (leider nur hinten verbauten) Blinker haben endlich dedizierte Tasten erhalten und müssen nicht mehr über eine umständliche Doppelbelegung aktiviert werden.
Anstelle von drei Kameras setzt das L1s auf eine einzelne, nach hinten gerichtete Linse. Die Bildqualität ist erneut hervorragend und übertrifft in puncto Auflösung die vieler moderner Pkw-Kameras. Die wahre Stärke liegt jedoch in der Verknüpfung der Systeme: Heckradar und Kamera fusionieren zu einem digitalen Rückspiegel, der nicht nur den Verkehr anzeigt, sondern auch vor sich nähernden Fahrzeugen warnt und als Dashcam fungiert. Dieses Feature ist im Alltag ein unschätzbarer Sicherheitsgewinn und hatte uns bereits im T1 Pro wirklich gut gefallen. Ein weiteres Highlight ist der per Knopfdruck ausfahrende Hauptständer, der das Be- und Entladen – gerade mit Kindern oder schweren Einkäufen – zum Kinderspiel macht. Diese exklusiven Extras sind allerdings dem Top-Modell L1s vorbehalten; das günstigere L1m kann immerhin optional mit dem Heckradar nachgerüstet werden.
Im Alltag gefahren: Tarran L1s

Kinder fühlen sich auf der breiten, gut gepolsterten Sitzbank gleich pudelwohl.
Ohne Beladung: Auf Solofahrt überrascht das Tarran mit einer erstaunlichen Wendigkeit. Das lange Heck ist kaum zu spüren, das Rad fährt sich agil und fast schon "wuselig". Die Traktion am Berg ist auch wegen der tendenziell hecklastigen Gewichtsverteilung tadellos, wozu auch der beherzt zupackende, aber stets leise Motor einen großen Teil beiträgt. Ein Ausbund an Laufruhe ist es in diesem Zustand jedoch nicht; der steile Lenkwinkel und der geringe Nachlauf sind ein klarer Kompromiss zugunsten der Agilität im urbanen Raum.
Mit Beladung: Sobald der Gepäckträger gefordert wird – in unserem Test mit leichten Kindern auf der optionalen Sitzbank – wandelt sich der Charakter des Rades nochmals zum Positiven. Das Tarran liegt nun wie ein Schiffsdampfer auf der Straße: satt, souverän und unerschütterlich stabil. Dieses Gefühl der Sicherheit ist genau das, was man sich beim Transport der eigenen Kinder wünscht. Aber: Mit so viel Gewicht im Heck muss man losfahren können; das Rangieren mit Kind und/oder Einkauf sollte man als Neuling daher unbedingt auf einem großen, leeren Parkplatz ausgiebig üben.
Nur Lob haben wir für die Ausstattung übrig. Tarran verbaute temperaturstabile Tektro-Stopper mit großen 203-mm-Scheiben rundherum. Alleine dafür gibt es von uns Dauernörglern ein Fleißkärtchen. Für die Familiennutzung ist die elektrisch ausfahrende Sattelstütze zudem ein echter Segen. Auch die Enviolo-Automatikschaltung des L1s funktioniert wie gehabt fantastisch, indem sie die Übersetzung stets passend zur Trittfrequenz und Geschwindigkeit wählt und dem Fahrer erlaubt, sich voll auf den Verkehr zu konzentrieren. Licht und Spritzschutz sind auf Top-Niveau, was auch für die absolut nachahmenswerten, wenn auch leider nur rückwärtigen, Blinker gilt. Zwiegespalten sind wir beim elektrischen Hauptständer. Ja, es ist irgendwie nett und auch durchaus praktisch. Aber übereifrige Eltern, die schnell vom Fleck wegkommen wollen, werden sich an der eher behäbigen Ein- und Ausklapp-Geschwindigkeit stören. Steht das Tarran aber einmal aufgebockt, können selbst überzuckerte Kids der Standstabilität quasi nichts anhaben. Kurzum: Hauptständer? Toll! Elektrisch? Müsste er aber nicht sein.
Kommentar: So sieht der Tester das Tarran L1s
👍 Das gefällt
- erfreulich starker, sehr leiser Motor
- vollständig und hochwertig praxisgerecht ausgestattet
- Rückfahrkamera & Radar unbedingt nachahmenswert als Feature
- hervorragende Zuladung
- pfiffiger, elektrischer Hauptständer ...
👎 Das weniger
- ... der aber eher langsam ausfährt
- Hersteller ist kein etablierter Player
💗 Das perfekte Rad für ...
- … junge Familien, die öfter auf ihr Auto für kurze, alltägliche Wege verzichten wollen





