Hassobjekt oder Alltagsheld? Wir haben das wohl extremste Familien-E-Bike der Welt getestet

Chike E-Kids im Test
Familienglück auf drei Rädern?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 11.04.2026
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Lastenräder: Gefühlt das Extremste, was die Radwelt zu bieten hat. "Hippe" Großstädter lieben sie, während überzeugte Pkw-Fahrer im Verkehr toben, wenn man sie nur irgendwo parken sieht. Ähnlich polarisieren dürfte hierbei auch das Chike in der "E-Kids"-Variante: Es ist ein Lastenrad mit gleich doppeltem Twist. Denn auf der Vorderachse sitzen zwei über ein Parallelogrammgestänge angelenkte Vorderräder, darauf wiederum eine wetterbeständige Kabine für bis zu zwei Kinder nebeneinander. Das Top-Modell im Test kommt mit Shimano-EP6-Cargo-Motor, 630 Wattstunden Akku, elektrischer Nabenschaltung und kostet stattliche 7999 Euro. Das 1000 Euro günstigere SE-Modell wird vom etwas schwächeren E6100-Cargo-Motor und spürbar kleinerem 430-Wattstunden-Akku angetrieben. Hier haben wir weitere E-Bikes ab fairen 900 Euro in der Test-Zusammenfassung.

Moritz Schwertner, Redakteur BikeX
Moritz Schwertner
BikeX-Redakteur und E-Bike-Experte

Kurz & knapp: Chike E-Kids

  • Familienlastenrad mit Kabine für bis zu zwei Kinder
  • Universal-Rahmen für Personen zwischen 1,60 und 2,00 m
  • 38 kg Leergewicht, 200 kg Zuladung (60 kg Kabine, 100 kg Fahrer, 25 kg Heck)
  • optional zwei Euroboxen mit jeweils 12 kg Zuladung
  • Angetrieben von Shimanos EP6 Cargo ...
  • ... kombiniert mit einem entnehmbaren 630-Wattstunden-Akku
  • Elektrische Di2-Nabenschaltung mit fünf Gängen
  • Preis: 7999 Euro (schwächeres SE-Modell für 6999 Euro)

Chike E-Kids: Der ideale Zweitwagen?

Chike E-Kids im großen Alltagstest!
Moritz Schwertner

Zugegeben: Das Chike ist für ein Fahrrad riesig. 73 cm breit und 1,92 m lang – selbst große Harleys sind schmaler, passt aber trotzdem durch Normtüren und -tore. Doch die Bauart hat Funktion. Wie erwähnt passen zwei kleine Kinder ab einem empfohlenen Alter von sechs Monaten mit zusammen bis zu 60 Kilo in die stabile Kabine. Für die ganz Kleinen gibt es optional eine Adapterplatte für Babysitze. Ein Erwachsener mit eher geringen maximal 100 Kilo, kann bequem hinter einem breiten Lenker Platz nehmen. Angetrieben wird das Chike von Shimanos "altbekanntem" Cargo-Motor aus der EP6-Reihe. Mit 85 Newtonmeter Drehmoment gehört er den reinen technischen Daten nach zur alten Garde, im Alltag spielt das – so viel vorweg – aber eine untergeordnete Rolle. Zwiegespalten sind wir beim Akku: 630 Wattstunden hören sich nach viel an – und sind es in der Ebene auch. Wer das mit 38 Kilo alles, nur nicht leichte Lastenrad jedoch oft und viel bergauf bewegen will, muss entweder einen Zweitakku mitschleppen oder, so wie wir während des Tests, das Ladegerät in der optionalen Eurobox mitnehmen. Davon ab: Welcher Akku zu dir passt, und welche Reichweiten realistisch sind, sagen wir dir hier. Kombiniert wird der Antrieb mit Shimanos Di2-Elektro-Nabenschaltung Inter5E mit namensgebenden fünf Gängen samt eines Carbon-Riemens. Soweit, so gut.

Ausstattung: sinnvoll und gut

Chike E-Kids im großen Alltagstest!
Moritz Schwertner

Statt einer öligen Kette setzt Chike auf einen wartungsarmen Carbon-Riemen. Zusammen mit der elektronischen Shimano-Di2-Nabenschaltung, die auf Wunsch sogar vollautomatisch und zuverlässig durch die fünf Gänge wechselt, ergibt sich ein System, bei dem dreckige Hosenbeine und hoher Verschleiß der Vergangenheit angehören. Für die nötige Sicherheit bei bis zu 200 kg zulässigem Gesamtgewicht sorgen hydraulische Scheibenbremsen von Tektro. Die Anlage ist großzügig dimensioniert, packt bissig zu und lässt sich auch voll beladen prima und ausdauernd dosieren.

Auch im Hinblick auf Ergonomie und Transport zeigt sich die Ausstattung durchdacht. Der Universal-Rahmen lässt sich werkzeuglos und schnell an Fahrer zwischen 1,60 und 2,00 Metern anpassen – perfekt, wenn sich Elternteile im Alltag auf dem Rad abwechseln. Wer neben den Kindern noch den Wocheneinkauf transportieren muss, freut sich über den stabilen Heckgepäckträger (bis 25 Kilo Zuladung) und das clevere System für die optionalen Euroboxen. Enorm wichtig für den sicheren Alltag: Über einen Hebel am Lenker lässt sich die Neigetechnik arretieren (Neigesperre) und eine Feststellbremse einlegen. So steht das Rad beim Ein- und Ausladen der Kinder absolut kippsicher.

Komplettiert wird das Chike von einer vollwertigen Lichtanlage und robusten Schutzblechen für den Allwettereinsatz. Das verbaute Frontlicht von Busch & Müller ist hell und wertig, leuchtet die Straße gut aus, ist konzeptbedingt jedoch recht tief über der Vorderachse verbaut. Gerade wer im Winter oder bei schlechter Sicht viel unterwegs ist und im Stadtverkehr zwischen SUV und Lieferwagen frühzeitig gesehen werden möchte, dem empfehlen wir eine zusätzliche, kleine Positionsleuchte oben auf dem Verdeck.

Im Alltag gefahren: Chike E-Kids

Chike E-Kids im großen Alltagstest!
Moritz Schwertner

Familien kennen das Problem: Einfach mit den Kids losfahren, ist nicht drin. Wechselklamotten, Lieblingsteddy, frische Windeln und nicht zuletzt die Kinder müssen ja irgendwo hin. Zumindest das Verstauen macht einem das Chike leicht: Es ist genügend Platz für buchstäblich alles da. Unsere Wickeltasche verstauen wir griffbereit in der Netztasche hinter der Kabine, meinen Sohn setzen wir zentral in die Mitte der Kabine. Letzteres ist wegen des eher tiefen Sitzplatzes zwar nicht super rückenfreundlich, immerhin haben die Kleinen diebischen Spaß beim Gesicht betatschen, während man sie anschnallt. Das geht, wie man es auch von manchen Kinderwägen kennt, richtig einfach von der Hand, am Ende sitzt der kleine Co-Pilot bombenfest im Sitz. Und logisch: Die bequemen, quietschig-orangenen Bezüge sind entnehm- und maschinenwaschbar.

Schnell die stabilen Reißverschlüsse bemüht, dann fällt erst das Fliegengitter, dann die stabile, durchsichtige Plane. Noch besser vor den Elementen ist der Mini-Mitfahrer nur im Pkw geschützt. Dank der großen Fenster sieht er auch prima nach draußen, dafür ist es im Frühjahr schnell warm wie im Gewächshaus in der Kabine, regelmäßige Kontrolle ist also Pflicht. Was fehlt, sind Sonnensegel. Konzeptbedingt hört der Nachwuchs den Fahrer, sehen kann er ihn leider nicht. Und: Unsere kleinen Testfahrer sah man auch als groß gewachsener Chike-Lenker vom Sitzplatz aus nicht durch das Dachfenster. Wer checken will, was die Kleinen in der Kabine gerade aushecken, muss also anhalten. Insgesamt muss man aber festhalten, dass hier spürbar liebevolle Familienväter am Werk waren – in puncto Kinderfreundlichkeit setzt das E-Kids in unseren Augen Maßstäbe, auch wenn die Sonnensegel ein sinnvolles Feature ab Werk wären.

Das Fahren an sich ist, offen gestanden, simpel. Einmal den Shimano-Antrieb hochgefahren, die Neigesperre deaktiviert und die Bremse gelöst, schon fährt man gemütlich in Richtung Kita, Spielplatz oder Supermarkt. Unerfahrenen fällt direkt auf, dass das Chike nicht primär via Gewichtsverlagerung gelenkt wird, sondern über echte Lenkimpulse durch den Lenker. Das ist – besonders für ängstliche Naturen – zunächst etwas ungewohnt, zumal man dem Konzept viel Vertrauen schenken muss. Aber: Egal, wer hier in der Nachbarschaft das Chike kurz gefahren ist, kam erstaunt ob der erstaunlichen Kurvenstabilität wieder zurück. Insgesamt ist das in unseren Augen auch der Hauptvorteil des Chikes. Draufsetzen, sich darauf einstellen und einfach Meter machen. Eine klassische Federgabel vermisst man im Alltag kaum. Die kleinen, ballonartigen Vorderräder übernehmen die Dämpfung nahezu unauffällig und sorgen dafür, dass die Passagiere auch auf holprigen Wegen nicht unangenehm durchgeschüttelt werden.

Aus der Kategorie "völlig ausreichend" ist hingegen der Shimano-Antrieb. Der EP6 Cargo ist nach heutigen Maßstäben sicher ein betagtes Aggregat, aber beileibe kein schlechtes. Klar: Boschs Alternativen sind leiser und stärker, die Akkus noch größer. Aber selbst auf einer 500-Höhenmeter-Tour mit über 50 Kilometern haben wir uns nur selten mehr Zunder aus dem Maschinenraum gewünscht. Zur Wahrheit gehört dabei aber auch, dass das Chike sich nicht als "Tourer" versteht, sondern eher als Kurzstreckengefährt für alltägliche Erledigungen. Und dieses (ohnehin weite!) Feld meistert es ohne Fehl und Tadel. Touren geht, erfordert aber Planung und stabile Waden.

Wenig zu kritteln haben wir an der weiteren Ausstattung: Die Di2-Nabenschaltung funktioniert fantastisch, die Tektro-Bremse hat das stattliche Gewicht selbst bei Vollbremsungen aus kometenhaften Notbremsungen aus 50 km/h sicher im Griff. Das Frontlicht dürfte jedoch gerne heller ausfallen, zudem fehlt uns ein GPS-Diebstahlschutz – hier hatte Tarran letztes Jahr gezeigt, was technisch mittlerweile geht.

👍 Das gefällt

  • tolles Konzept, liebevoll auf- und ausgebaut
  • tolle Fahrperformance, erst recht in Kurven
  • stabile, durchdachte und kindgerechte Kabine
  • zwei Sitzplätze vorn, alternativ auch gut als Stauraum nutzbar
  • im Alltag völlig ausreichender Motor
  • hervorragende, auch automatisch schaltende Nabenschaltung
  • sehr gute, temperaturstabile Bremsen

👎 Das weniger

  • alles, nur nicht günstig
  • braucht konzeptbedingt viel Platz
  • Akku könnte größer sein
  • Sonnensegel ab Werk für die Kabine fehlen
  • mit Rahmenschloss eher rudimentärer Diebstahlschutz, kein GPS

💗 Das perfekte Rad für ...

  • Junge Familien mit viel Platz, die ihren Zweitwagen durch eine ökologisch wertvollere Alternative ersetzen wollen

Fazit