"Das wird eine Once in a Lifetime Experience." Diesen Satz sage ich zu meiner Teamkollegin Anja, als ich im Herbst 2025 die schmerzhaft hohe Teilnahmegebühr für mein erstes mehrtägiges Etappenrennen überwiesen habe. Ein Satz irgendwo zwischen Vorfreude, Respekt und leichten Zweifeln. Ist das wirklich eine gute Idee? Sahara Gravel Stage Race – das klingt nach einem großen Abenteuer: 445 Kilometer über vier Etappen, mehr als 4500 Höhenmeter und rund 90 Prozent Gravel – dazu ein internationales Starterfeld mit einer Mischung aus Weltklasse-Profis und ambitionierten Amateur:innen.

Nichts, was man ständig erlebt: Neben Kamelen durch die Wüste zu graveln ist schon ein besonderer Anblick.
Vor meinem inneren Auge sehe ich staubige Pisten, endlose Weite, Kamele, die träge durch die Landschaft ziehen, und Luft, die vor Hitze flimmert. Und mittendrin Anja und ich. Kennengelernt haben wir uns bei der Female Cycling Force, einer Rad-Community für Frauen. Wir sind schon als Guides gefahren, haben viele Kilometer gemeinsam abgespult, waren bei Events am Start. Aber das hier ist für uns beide die bisher größte Herausforderung. Ich frage mich: Kann ich da mithalten? Schaffe ich es, so viele Tage am Stück Rennen zu fahren?
Im Februar geht der Flug nach Marrakesch. Bis dahin gibt es bereits den ersten unerwarteten Plot Twist: Anja entscheidet sich, die Female Cycling Force zu verlassen und für ein anderes Team, die Radfritzen, zu fahren. Kurz steht die Frage im Raum: Fahre ich trotzdem? Allein statt im Team? Die Lösung ist so einfach wie konsequent: Wir benennen unser Team kurzerhand in Radfritzen × Female Cycling Force um und starten gemeinsam – für beide Teams.

Während des Rennens geht es sehr staubig zu.
Die ersten Stunden in Marrakesch sind eine komplette Reizüberflutung. Schon am Flughafen beginnt es: Der Taxifahrer greift sich meinen Radkoffer, hebt ihn, ohne zu zögern, aufs Dach und fährt los, als wäre das das Normalste der Welt. Ich sitze hinten im Taxi und starre nach oben, während mein Rad auf dem Dach durch den Verkehr schaukelt. Am Hotel angekommen, geht es gleich weiter – ein Mix aus intensiven Gewürzgerüchen, warmem Staub in der Luft, hupenden Autos, die sich durch enge Gassen schieben. Und mittendrin: Katzen, Hunde und sogar Esel, die anscheinend genauso selbstverständlich Teil dieses Verkehrs sind. Stimmen, Rufe, Motorengeräusche – alles gleichzeitig. Alles ist laut, chaotisch, lebendig. Und genau deshalb fühlt es sich richtig an, hier zu sein.
Das ist das Sahara Gravel Stage RaceDas Sahara Gravel Stage Race ist ein viertägiges Gravel-Rennen in Marokko, das in der Stadt und gleichnamigen Provinz Ouarzazate im Süden des Landes ausgetragen wird. 2026 waren 445 Kilometer und 4500 Höhenmeter zu bewältigen bei einem Gravel- und Offroad-Anteil von 90 Prozent. 137 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 31 Nationen waren am Start – mit und ohne Profi-Lizenz. Neben Gastfreundschaft, Kulinarik und Wettkampf macht die Wüsten- und Atlas-Gebirgslandschaft den Reiz aus. Unterkunft, Verpflegung und Gepäcktransport werden organisiert, die Teilnahmegebühr betrug 1600 Euro. Die Nachfrage ist groß, 2026 war das Event binnen weniger Minuten ausverkauft.
Nächster Termin: 2.–5. März 2027
www.epicos.cc
Bikepacking zum Start
Wir könnten es uns einfach machen und mit dem Shuttle zum Start fahren – wie es die meisten tun. Aber vier Tage Etappenrennen reichen uns wohl nicht. Also fahren Anja und ich einfach mit dem Rad zum Startort Ouarzazate – rund 250 Kilometer und 3500 Höhenmeter. Bikepacking zum Etappenrennen. Direkt aus dem Münchner Winter kommend, mit Schnee und Minusgraden. Rein in die warme, trockene Luft, die sich sofort in der Kehle festsetzt. Staubige Straßen, die unter den Reifen knirschen. Mein Körper weiß noch nicht recht, was hier passiert.
Die ersten Kilometer führen uns raus aus der Stadt, vorbei an hupenden Mopeds, kleinen Läden, fliegenden Händlern. Hinein in Dörfer, in denen Kinder stehen bleiben und uns mit großen Augen hinterherschauen. Staub, Sonne, flimmernde Hitze. Dann wird es plötzlich grün, fast weich, fast friedlich – kleine Felder, Palmen, Wasserläufe –, bevor sich die Landschaft wieder komplett verändert und in eine karge, steinige Weite übergeht. Die Farben werden weniger, alles erscheint rauer, reduzierter. Marokko überrascht mich mit jeder Kurve.

Hitze, Steine, Staub und Kamele: Das Sahara Gravel Stage Race liefert eindrucksvolle Bilder. Und bleibt lange im Gedächtnis.
Am ersten Tag stehen direkt 100 Kilometer und 2000 Höhenmeter über einen Pass auf dem Programm – mit Gepäck und auf Schotter. Die Beine werden schwer, die Luft dünner, der Schweiß trocknet sofort auf der Haut. Dazu kommt ein Detail, das ich selbst fast schon ein bisschen absurd finde: Mein Bike ist neu, wirklich neu, und ich bin es vorher eigentlich nicht gefahren. Vertrauen ins Bikefitting ist alles, was ich habe – das Einfahren passiert hier, mitten in dieser Landschaft.
Wir übernachten in einem winzigen Ort. Flache Lehmhäuser, warme Erdtöne, alles wirkt, als wäre es aus der Landschaft selbst entstanden. Obwohl noch in der Nebensaison und gleichzeitig Ramadan ist, wird extra für uns ein kleines Gasthaus geöffnet. Es gibt warmes Essen, süßen Tee, ein Bett. Die Ruhe, die Freundlichkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der wir aufgenommen werden – das bleibt hängen. Am zweiten Tag geht es weiter, höher hinauf, teilweise bis auf knapp 3000 Meter. Die Luft wird dünner, kühler, klarer. Die Landschaft rauer, weiter, stiller. Kurve für Kurve verändert sich das Bild. Fels, Staub, Plateaus, Weite. Schließlich kommen wir in Ouarzazate an – dem Tor zur Sahara. Und plötzlich ist alles anders. Hotel, Organisation, Startnummernausgabe, andere Fahrer:innen in sauberen Kits, ein letzter Shakeout Ride. Nach den zwei Tagen draußen fühlt sich das unwirklich an. Doch genau das macht dieses Event aus: die maximalen Kontraste. Extreme Umgebung, aber eine Organisation, die sich fast wie ein All-inclusive-Urlaub anfühlt.

Unten die Wüste, Palmen und Hitze, hinten die hohen Berge mit Schnee. Welch ein Kontrast.
Das Rennen wird ohne Gepäck gefahren, meine Tasche wartet jeden Abend bereits in der nächsten Unterkunft. Ich muss mich um nichts kümmern – außer darum, am nächsten Tag wieder am Start zu stehen. Und trotzdem wächst die Nervosität. Beim Sicherheitsbriefing bekomme ich einen Tracker, der jederzeit meine Position anzeigt. Dazu der Hinweis: Bis Hilfe kommt, kann es mehrere Stunden dauern. Spätestens da wird klar, wie abgelegen wir hier unterwegs sind. Ich habe ja schon einen Vorgeschmack bekommen: Flussdurchquerungen, Untergrund, bei dem man sich ein Mountainbike wünscht, Sand, der jeden Schwung nimmt.
Der Start der ersten Etappe liegt außerhalb der Stadt, an einer alten Filmkulisse: Hier wurden Szenen von"Gladiator" gedreht. Hinter mir das schneebedeckte Atlasgebirge, vor mir staubige Pisten, die sich in die Weite ziehen. Die Luft ist kühl, aber die folgende Hitze lässt sich schon erahnen. Die Atmosphäre: episch. Eigentlich wollen Anja und ich die erste Etappe mit 95 Kilometern und knapp 900 Höhenmetern ruhig angehen. Doch kaum bin ich gestartet, zieht mich das Rennen sofort mit. Neben mir fährt Anja, und ich sehe, dass es ihr genauso geht. Die Landschaft ist überwältigend. Dann laufen plötzlich Kamele neben uns! Trotz Rennmodus bleib ich stehen, mache kurz ein Bild. Das Rennen ist schnell, der Boden hart, unruhig, staubig. Die Hitze drückt, die Luft trocknet uns aus. Jeder Schluck Wasser scheint sofort wieder verschwunden. Und trotzdem macht es unglaublich Spaß.

Abklatschen mit der Dorfjugend: Viel Publikum steht nicht an der Strecke, die wenigen sind dafür begeistert.
Wir kommen im vorderen Mittelfeld ins Ziel. Die Profis sind längst da. Aber genau das ist das Besondere: Alle fahren hier ihr eigenes Rennen. Kein Time Cut, kein Druck. Nur die Strecke – und die eigene Entscheidung, wie man sie angeht. Im Ziel warten Verpflegung, mein Gepäck, die Unterkunft. Die Abende fühlen sich an wie Klassenfahrt – müde Gesichter, Gelächter, Geschichten vom Tag. Und unglaublich leckeres Essen! Die zweite Etappe führt tief ins Atlasgebirge. 104 Kilometer, 1550 Höhenmeter. Ich sitze über sechs Stunden im Sattel, kämpfe mich bergauf, rolle vorsichtig wieder hinunter. Die Abfahrten fordern mich wohl am meisten. Gleichzeitig ist es die Etappe, die mich landschaftlich am meisten überrascht, weil sich hinter jeder Kurve ein neues Bild auftut: unterschiedlichste Farben von Sand und Gestein, ständig wechselnde Formen – ich komme aus dem Staunen kaum heraus, auch wenn mein Körper längst am Limit ist. Die Dynamik zwischen Anja und mir funktioniert erstaunlich gut, wir pushen uns gegenseitig, ohne viel darüber nachzudenken.

Raus aus der Komfortzone, hinein in die Wüste.
Sternenhimmel über der WüsteDie dritte Etappe ist mit 94 Kilometern und rund 460 Höhenmetern deutlich flacher, dadurch auch schneller, bis mich ein Abschnitt durch ein trockenes Flussbett wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Lose Steine, tiefer Sand, grober Kies – Passagen, die sich eher nach Mountainbiken als nach Gravelride anfühlen. Das Ziel liegt an diesem Tag in einem Wüstencamp, umgeben von nichts als Sand. Wir schlafen in einem Nomadenzelt, alles ist einfach gehalten, aber gleichzeitig unglaublich stimmungsvoll und traditionell. Der Moment, der mir am meisten in Erinnerung bleibt, ist, wie alle Fahrerinnen und Fahrer gemeinsam zum Essen in einem großen Zelt vor ihren dampfenden Tajines sitzen – alle erschöpft, aber glücklich. Über uns ein Sternenhimmel, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Mittlerweile bin ich richtig in der Wettkampfroutine angekommen: Rennen fahren, ausruhen, essen, schlafen – und wieder von vorn.

In den Zelten kommen Klassenfahrtengefühle auf, die Abende in der Wüste sind beeindruckend.
Die letzte Etappe bringt Wind, Sand und müde Beine. Das prägendste Erlebnis kommt allerdings ganz am Ende: ein Abschnitt von rund 15 bis 20 Kilometern durch offene Wüste, ohne klar erkennbaren Weg. Ich folgte nur noch den Punkten auf dem GPS-Display. Anja neben mir ist der einzige Orientierungspunkt. Ich merke plötzlich, wie tief in der Wüste ich wirklich bin. Emotionen überwältigen mich. Beklemmung, Faszination, Dankbarkeit. Ich fühle mich lebendig. Und todmüde. Kurz darauf: nur noch Sand. Das Ziel liegt mitten in einer Düne.
Der letzte Abschnitt ist tief, weich, kaum fahrbar. Trotzdem trägt uns die Stimmung ins Ziel. Am Abend folgt die Siegerehrung oben auf einer Sanddüne, mit Blick in die endlose Weite der Wüste. Die Sonne steht tief, das Licht wird weich, der Sand leuchtet in warmen Goldtönen. Um uns herum stehen Fahrerinnen und Fahrer, erschöpft, staubig, glücklich. Anja und ich werden als erstes Female Pair ausgezeichnet – als einziges Team in dieser Kategorie. Genau hier entsteht der Wunsch, dass sich das ändert! Es sind viele Frauen am Start, aber der Männeranteil ist deutlich höher. Und genau solche Events zeigen, dass es nicht darum geht, wie schnell man ist, sondern dass man sich traut, überhaupt an der Startlinie zu stehen.

Sonne im Gesicht, das Atlasgebirge im Rücken: ROADBIKE-Autorin Leonie Schulte in Marokko – stilecht auf einem Focus Atlas.
Rückblickend ist das Ganze genau das, was ich vermutet hatte – und doch so viel mehr. Eine Once in a Lifetime Experience, die sich zu 100 Prozent lohnt. Nicht nur, weil das Rennen perfekt organisiert ist, sondern weil es sich aller Anstrengung zum Trotz wie Urlaub anfühlt – wenn auch ein sehr spezieller. Ich lerne, dass ich vier Tage am Stück fahren kann, dass ich mehr kann, als ich gedacht hätte, und dass solche Erfahrungen intensiver werden, wenn man sie teilt. Und während ich so zurückdenke, den Sand unter den Füßen spüre, vor meinem geistigen Auge wieder die unendliche Weite der Wüste sehe, denke ich: Vielleicht muss diese einmalige Erfahrung ja gar nicht einmalig bleiben.





