Immer mehr Hersteller bringen Laufräder mit Carbonspeichen auf den Markt. Selbst traditionell-konservative Marken wie DT Swiss, deren Wurzeln in der Produktion von Stahlspeichen liegen, sahen sich gezwungen, auf den Zug aufzuspringen. Der naheliegendste Vorteil von Carbonspeichen: Diese ermöglichen noch leichtere Set-Gewichte. Im Gegenzug treiben sie den Preis nach oben. Aber lohnt sich die Investition auch?
Fragestellung des Vergleichstests
Wir wollten wissen: Was passiert, wenn man nahezu identisch aufgebaute Laufräder gegeneinander testet – die einen mit, die anderen ohne Carbonspeichen? Was sagen die nackten Zahlen? Und spürt man einen Unterschied in der Fahrpraxis? Wir haben es ausprobiert – mit Aero-Laufrädern von Aerycs: zum einen die im letzten Jahr vorgestellten Aero WT S mit klassischen Stahlmesserspeichen für 1399 Euro, zum anderen die brandneuen Aero CS mit Carbonspeichen für 1799 Euro.

Die Laufräder der Aero WT S- und Aero CS-Reihen setzen auf identische Carbonfelgen - mit Haken, 23 Millimetern Maulweite und Toray T1000-Fasern. Erhältlich sind die Felgenhöhen 38, 50 und 60 Millimeter.
Bei beiden Laufradsätzen setzt Aerycs auf die identischen Felgen aus Toray T1000-Carbonfasern. Erhältlich sind diese in den Felgenhöhen 38, 50 und 60 Millimeter, die Maulweite beträgt überall 23 Millimeter, und die Felgen kommen klassisch mit Haken (also kein hookless). Hinweis: Auch wenn die niedrigste Ausführung 38 Millimeter hoch ist, trägt diese Ausführung die Zahl 40 im Namen. Und genau diese 40er-Varianten haben wir gegeneinander getestet: die Aerycs Aero WT S 40 gegen die Aerycs Aero CS 40.
Aero WT S – Aufbau und Messwerte im Detail
Bei den Aero WT S setzt Aerycs auf bewährte Komponenten aus der Schweiz: Aufgebaut ist der Satz mit DT Swiss 240-Naben und DT Swiss Aerolite-Messerspeichen. Je 24 dieser Straightpull-Speichen sind an Vorder- und Hinterrad verbaut, beidseitig je 2-fach gekreuzt.
Beim Aufbau der Räder macht Aerycs niemand was vor: Der Aero WT S 40-Testlaufradsatz kam perfekt zentriert aus der Hand von Laufradbauer Robert Letzsch und Team in die Redaktion – kein Seiten- oder Höhenschlag außerhalb der (engen) ROADBIKE-Toleranzen war feststellbar, Vorder- und Hinterrad standen zudem genau mittig.

Aerycs' Aero WT S-Laufradfamilie ist mit DT Swiss 240-Naben und DT Swiss Aerolite Messerspeichen aufgebaut. Kostenpunkt für den Laufradsatz: 1399 Euro.
Auf der Waage verblüfft, was man mit diesen vergleichsweise klassischen Zutaten erreichen kann: Das Vorderrad wiegt 565 Gramm, das Hinterrad 663 Gramm, was ein Set-Gewicht von 1228 Gramm ergibt.
Aero CS – Aufbau und Messwerte im Detail
Bei den Aero CS – aufgebaut wie gesagt mit der identischen Carbonfelge – setzt Aerycs auf Messerspeichen aus Toray T800-Carbonfasern. Jeweils 18 dieser ohne nähere Markennennung als CarbonSpokes bezeichneten Speichen finden sich an Vorder- und Hinterrad – vorne wie hinten 1-fach gekreuzt.

Aerycs' Aero CS-Laufradfamilie kommt mit Naben mit Alu-Körper, aber hohem, sternförmigen Carbonflansch und vorne wie hinten je 18 Carbonspeichen. Kostenpunkt für den Laufradsatz: 1799 Euro.
Optisch auffällig ist der weit hochgezogene Nabenflansch aus Carbon, der pro Seite an vier Stellen spitz zuläuft. Diese sternförmige Struktur ergibt sich durch die Richtungen der Messerspeichen. An seiner stärksten Ausprägung ragen die "Zacken" immerhin vier Zentimeter Richtung Felge – eine gänzlich andere, "lautere" Optik als bei den vergleichsweise flachen DT Swiss 240-Naben der Aero WT S. Übrigens: Der Nabenkörper abseits des Flanschs besteht aus Aluminium, im Inneren findet sich die identische DT Swiss 240-Nabentechnologie wie bei den Aero WT S. Positiv: Auch der Aero CS-Laufradsatz ist vorbildlich aufgebaut, steht mittig und läuft rund ohne Seiten- oder Seitenschlägen außerhalb der Toleranz.

Die Carbonspeichen im Aero CS bestehen aus Toray T800-Fasern, sind von Hand eingespeicht und vorne wie hinten 1-fach gekreuzt.
Auf der Waage zeigt sich der Vorteil der Carbonspeichen: Das Vorderrad wiegt 526 Gramm, das Hinterrad 657 Gramm. Das Set-Gewicht beträgt somit 1183 Gramm.
Vergleich und Praxistest
Vergleicht man die Set-Gewichte fällt auf: Der Stahlspeichen-Laufradsatz ist gerade mal 42 Gramm schwerer. Lohnt das einen Aufpreis von immerhin 400 Euro, also fast zehn Euro pro gespartem Gramm? Wichtiger Hinweis für athletische Fahrerinnen und Fahrer: Das geringere Set-Gewicht der Aero CS bedeutet keine geringere Stabilität. Aerycs nennt für die leichteren Aero CS mit Carbonspeichen ein maximal zulässiges Systemgewicht aus Fahrer, Rad und Ausrüstung von 120 Kilogramm – bei den Aero WT S mit Stahlspeichen sind es 10 Kilogramm weniger ( ! ), das maximal zulässige Systemgewicht beträgt hier 110 Kilogramm.
Der direkte Praxisvergleich zeigt zudem, das nicht nur das Gewicht entscheidend ist. Wir sind beide Laufradsätze direkt hintereinander auf einer festgelegten Testrunde gefahren, bei identischen äußeren Bedingungen sowie mit identischen Reifenmodellen, Schläuchen und Luftdruck sowie identischem Bremsscheiben-Modell sowie derselben Kassette, die samt DT Swiss-Freilauf einfach umgesteckt wurde. Darüber hinaus sind wir beide Laufradsätze auch bei ausgedehnten Touren gefahren, um Praxiseindrücke zu sammeln.

Dank der in beiden Laufradsätzen eingesetzten DT Swiss 240-Nabentechnologie, kann man den Freilauf einfach samt Kassette umstecken.
Dabei zeigen sich deutlich erfahrbare Unterschiede: Die Aero CS mit Carbonspeichen beschleunigen noch einmal flinker als die Aero WT S mit Stahlspeichen. Das liegt nicht nur an den erwähnten 42 Gramm Gewichtsersparnis – vielmehr an einem Plus an Seitensteifigkeit, das man auch beim Lenken, im Wiegetritt und im Sprint spürt.

Optisch sind die beiden Laufradsätze fast nur aufgrund der verschiedenen Nabenflanschkonstruktionen und die breiteren Carbonspeichen zu unterscheiden.
Kehrseite der Medaille: Die Aero CS fahren sich subjektiv etwas härter – die vielen Vibrationen der Straße werden ungefilterter an den Fahrer weitergegeben als bei den Aero WT S, die sich insgesamt deutlich geschmeidiger anfühlen.
Deutlich spürbar unterscheidet sich aber auch das Handling bei Seitenwind: Während die Aero WT S stoisch die Spur halten, reagieren die Aero CS deutlich sensibler, ja fast schon nervös. Verantwortlich dafür dürften die größere seitlich Stirnfläche aufgrund des hohen, sternförmigen Nabenflanschs sowie die breiten Carbon-Messerspeichen sein.

Dass Seitenwind bei den Aero CS deutlich spürbar ist als mit den Aero WT S ist vermutlich auf die größere seitliche Stirnfläche durch den hohen, sternförmigen Nabenflansch sowie die breiteren Carbon-Messerspeichen zurückzuführen.
Ein weiterer Unterschied ergab sich abseits des Sattels: Beim Ein- und Ausbau der Laufräder fielen die Aero CS einmal zur Seite, eine Carbonspeiche prallte genau auf das Pedal eines zweiten im Keller stehenden Rennrads. Während vergleichbare Unfälle, die immer vorkommen können, mit einem Stahlspeichen-Laufrad wohl nur ein kurzes Schulterzucken nach sich ziehen, hält man bei Carbonspeichen instinktiv die Luft an – und atmet erleichtert aus, wenn – wie in diesem Fall – keine Schäden aufgetreten sind.
Fazit

"Wer einen sehr leichten Rund-um-Sorglos-Laufradsatz sucht, greift eher zu einem Modell wie dem Aerycs Aero WT S mit Stahlspeichen. Gewicht, Komfort und Seitensteifigkeit sind hervorragend, der Spaßfaktor und die Alltagstauglichkeit sind hoch, zudem spart man gegenüber Modellen mit Carbonspeichen bares Geld.
Wer die letzten marginal gains an Leichtgewicht, Seitensteifigkeit und Lenkpräzision herauskitzeln will, gewisse Komforteinbußen nicht scheut und im Alltag und beim Transport Vorsicht walten lassen kann, greift - das passende Kleingeld mal vorausgesetzt - zu einem Carbonspeichen-Modell wie den Aerycs Aero CS.
Klar ist: Bei ROADBIKE werden wir weiterhin Modelle aller Preis- und Leistungsklassen für euch testen."





