Radprofis, die morgens nicht mehr aufwachen, Fußballer, die auf dem Platz zusammenbrechen – immer wieder erschüttern plötzliche Herztode den Profisport. Auch Hobbysportler sind gefährdet. Dr. med. Denis Biró informiert über Ursachen, Symptome, Therapien und Präventionsmöglichkeiten.
Auf einen Blick
- Symptome: Müdigkeit, Leistungsabfall, Kurzatmigkeit, Herzrasen oder Druck in der Brust – oft unspezifisch und leicht zu übersehen.
- Ursachen: Meist Viren (Erkältung, Grippe, Corona, Coxsackie), seltener Bakterien, Autoimmunreaktionen oder Medikamente; Risiko steigt bei Sport während oder kurz nach Infekten.
- Therapie: Absolute Sportpause, ggf. entzündungshemmende Medikamente, Herzunterstützung bei reduzierter Pumpfunktion; Rückkehr zum Sport erst nach Kontrolle durch Ärzt:innen.
- Vorsorge: Infekte ernst nehmen, nie mit Fieber trainieren, stufenweise Wiedereinstieg nach Krankheit, regelmäßige sportmedizinische Kontrollen.

Dr. Denis Biró ist unser Experte zu diesem Thema. Er ist Oberarzt für Innere Medizin in der Fliderklinik bei Stuttgart, Teamarzt der Rad-Nationalmannschaft und war bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris im Einsatz. Ab Januar 2026 eröffnet er seine eigene internistische, sport- und präventivmedizinische Praxis in der Region Tübingen. Seine Schwerpunkte sind Kardiometabolik, Trainingssteuerung und Return-to-Sport nach Erkrankungen.
Was ist eine Herzmuskelentzündung?
Wie der Name schon sagt, handelt es sich um eine Entzündung des Herzmuskels, der medizinische Begriff lautet Myokarditis. Gefährlich ist eine Herzmuskelentzündung, weil sie zu Herzrhythmusstörungen, nachlassender Pumpkraft des Herzens und im schlimmsten Fall zum Herzstillstand und Tod führen kann. Tatsächlich ist eine Herzmuskelentzündung die häufigste Ursache für plötzliche Herztode, insbesondere bei jungen Sportlern. Die Symptome sind dabei oft unspezifisch und nur schwer zuzuordnen, die Gefahr ist groß, eine Myokarditis zu übersehen und das Risiko durch Fehl- oder Nichtbehandlung zu vergrößern.
Welche Symptome hat eine Herzmuskelentzündung?
Die Symptome einer Myokarditis sind oft unspezifisch und erinnern eher an allgemeine Beschwerden oder Begleit- und Folgeerscheinungen eines Virusinfekts:
- allgemeine Müdigkeit und Abgeschlagenheit
- Leistungseinbußen ohne erkennbaren Grund
- Kurzatmigkeit bis hin zu Atemnot bei Belastung oder sogar im Ruhezustand
- Druckgefühle und Schmerzen in der Brust
- Herzstolpern oder Herzrasen
Wichtig: Die Beschwerden sind oft mild und werden deshalb unterschätzt. Trotzdem sollte man sie ernst nehmen – zumal, wenn sie in zeitlicher Nähe zu einem erst kurz zuvor durchlaufenen Virusinfekt auftreten.
Wodurch bekommt man eine Herzmuskelentzündung?

Die Mehrheit aller Herzmuskelentzündungen verläuft asymptomatisch oder mit nur leichten Beschwerden.
Ursächlich für eine Herzmuskelentzündung sind meist Viren, die ins Herz wandern und dort für eine Entzündung sorgen. Vor allem Infekte der oberen Atemwege – ausgelöst durch Erkältungs-, Grippe-, Corona- oder Coxsackie-Viren. Aber auch Magen-Darm-Infekte können Herzmuskelentzündungen verursachen. Zudem kann eine genetische Veranlagung das Risiko erhöhen: Sind innerhalb der eigenen Familie Fälle von Myokarditis aufgetreten, sollte man folglich besonders sensibel mit der Thematik umgehen. Die häufigste Ursache für eine Myokarditis sind Sporttreiben, intensives Training oder Wettkämpfe, während das Immunsystem mit einem Virusinfekt beschäftigt ist – hier steigt die Wahrscheinlichkeit signifikant, dass die Entzündung im Körper auf das Herz übergreift. Der größte Fehler, den Sportlerinnen und Sportler begehen können, ist ein zu früher und/oder zu intensiver Wiedereinstieg in den Sport nach einem Infekt sowie Training bei "verschleppter Erkältung". Seltener sind Bakterien, Autoimmunreaktionen oder bestimmte Medikamente für eine Herzmuskelentzündung verantwortlich – möglich ist aber auch dies.
Wer sind die Risikogruppen?
Junge Männer sind statistisch am häufigsten von Herzmuskelentzündungen betroffen. Daten aus dem deutschen Register für plötzliche Herztode bei Sportlern zeigen retrospektiv eine Myokarditis bei 24 Prozent aller Betroffenen unter 35 Jahren – ein signifikant höherer Anteil als bei anderen Gruppen. Auch Kleinkinder, Kinder und Jugendliche sind statistisch häufiger betroffen. Leistungs- und Hobbysportlerinnen und -sportler haben insgesamt ein höheres Risiko als weniger Aktive. Das ist nur bedingt widersprüchlich: Zwar stärkt regelmäßiger Sport das Herz-Kreislauf-System und reduziert das Risiko von Herzerkrankungen, zugleich besteht bei sportlich aktiven Menschen ein höheres Risiko, dass sie sich während oder zu früh nach Virusinfektionen körperlich betätigen. Ein großes Problem ist falscher Ehrgeiz: Wer ambitioniert auf ein Saisonziel hintrainiert oder als Berufssportler unter Leistungsdruck steht, will seinem Körper oft nicht die notwendige Zeit zum vollständigen Auskurieren geben. Die Gesundheit sollte jedoch stets an erster Stelle stehen – nicht monetäre oder rein persönliche Motive.
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Kann ich eine Herzmuskelentzündung mit der Pulsuhr erkennen?
Eine Pulsuhr oder eine Smartwatch mit Einkanal-EKG-Funktion können Hinweise geben, dass etwas nicht stimmt. Ein erhöhter Ruhepuls, ein Einbruch von Leistungswerten ohne unmittelbar ersichtlichen Grund oder eine Herzfrequenz, die bei Belastung ungewöhnlich schnell steigt, danach aber nicht wieder sinkt, sind Anzeichen dafür, dass der Körper stärker arbeitet als gewöhnlich oder dass etwas nicht in Ordnung ist. Solche Alarmsignale muss man ernst nehmen – die größte Gefahr bei Herzmuskelentzündungen ist, dass Warnzeichen auf die leichte Schulter genommen werden, nach dem Motto "Wird schon nicht so schlimm sein" oder "Ich will aber Sport treiben". Wichtig: Wenn die Daten einer Pulsuhr oder Smartwatch vermuten lassen, dass etwas nicht stimmt, sollte man unbedingt einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Wearables ersetzen eine professionelle medizinische Diagnostik natürlich nicht.
Wann muss ich zum Arzt?

Gelingt es dem Immunsystem nicht, den Auslöser einer akuten Myokarditis rechtzeitig und gänzlich zu beseitigen, besteht das Risiko, dass die Erkrankung anhält, also chronisch wird.
Bei jeglichen Herzsymptomen im Nachgang eines Infekts sollte man ärztlichen Rat einholen. Dazu zählen Brustschmerzen, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Herzstolpern oder Herzstechen. Auch Atemnot oder Abgeschlagenheit sollten überprüft werden, wenn sie vermehrt oder anhaltend auftreten. Eine Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht während des Sports ist ein medizinischer Notfall und erfordert sofortige professionelle Versorgung. Spätestens hier besteht akuter Handlungsbedarf, denn Herzmuskelentzündungen, bei denen es zu einer Ohnmacht gekommen ist, haben eine schlechtere Prognose.
Wie wird eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert?
Die Basisdiagnostik besteht aus einem EKG und einer Blutuntersuchung. Da bestimmte Enzyme und Proteine bei einer Schädigung des Herzmuskels freigesetzt werden und in die Blutbahn gelangen, kann ihre Konzentration Hinweise auf Herzschäden und deren Ausmaß geben. Wichtige kardiale Marker sind vor allem die Proteine Troponin und proBNP. Besteht ein begründeter Verdacht auf eine Myokarditis, bietet sich zudem eine Ultraschalluntersuchung des Herzens an. Die bestmögliche Untersuchungsmethode ist ein Herz-MRT inklusive Kontrastmittelgabe. In speziellen Fällen ist auch die Entnahme einer Herzmuskelgewebeprobe notwendig. Wichtig ist stets eine sorgfältige Diagnostik, die mehrere Verfahren kombiniert, da selbst Sportkardiologen eine Myokarditis unter Umständen nicht erkennen, wenn sie sich ausschließlich auf ein EKG verlassen. Übrigens: Diese Untersuchungen werden von der Krankenkasse bezahlt.
Wie sieht die Therapie aus?
Die Antwort dürfte Sportlerinnen und Sportlern nicht gefallen: Bei einer vermuteten oder diagnostizierten Herzmuskelentzündung gilt absolute Sportpause – kein Training, keine Wettkämpfe. Zusätzlich werden in den meisten Fällen entzündungshemmende Medikamente verschrieben, zum Beispiel Ibuprofen. Ist die Pumpfunktion des Herzens eingeschränkt, können Medikamente zur Herzunterstützung notwendig sein. Bei einer begleitenden Herzbeutelentzündung sind Schmerzmittel angezeigt. In seltenen Fällen kommen stärkere entzündungshemmende Medikamente wie Cortison zum Einsatz. Entscheidend ist jedoch immer: Der Körper braucht konsequent Ruhe, damit die Entzündung vollständig ausheilen kann. Andernfalls drohen schwerwiegende und langfristige Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen oder eine Herzschwäche.
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Wie lange dauert eine Herzmuskelentzündung?
Die akuten Symptome können relativ schnell abklingen, die vollständige Heilung dauert jedoch oft Monate. Die empfohlene Sportpause beträgt in der Regel drei bis sechs Monate – unabhängig von Alter, Geschlecht oder begleitender Therapie. Bevor wieder trainiert werden darf, sollte das Herz gründlich untersucht werden, etwa mittels EKG, Belastungs-EKG, 24-Stunden-EKG, Blutuntersuchung, Herzultraschall und gegebenenfalls Herz-MRT. Bei sehr milden Verläufen und unauffälligen Kontrollbefunden kann die Sportpause individuell verkürzt werden, dies entscheidet jedoch ausschließlich der behandelnde Arzt. Im Zweifel gilt bei einer Herzmuskelentzündung: vollständige und auch längere Sportpause, bis eine klare medizinische Freigabe vorliegt.

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Kann ich nach einer Herzmuskelentzündung wieder Sport treiben?
Das ist die gute Nachricht: Ja, viele Sportlerinnen und Sportler erreichen wieder ihr altes Leistungsniveau. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass alle Kontrolluntersuchungen unauffällig sind und die Belastung stufenweise gesteigert wird. Idealerweise wird der Wiedereinstieg in den Sport mit kardiologischen Untersuchungen begleitet. Da nach einer Herzmuskelentzündung Narben im Herzmuskelgewebe zurückbleiben, gilt langfristig erhöhte Aufmerksamkeit. Regelmäßige sportmedizinische Kontrolluntersuchungen sind zu empfehlen. Es gilt, je nach Sportart und Intensität, eine Risikoabwägung zu treffen und unter Umständen auf andere Sportarten auszuweichen.
Wie verhindere ich eine Herzmuskelentzündung?
Eine goldene Regel lautet: Nie trainieren mit Fieber, Gliederschmerzen oder auffälliger Schwäche! Wichtig ist zudem, erst nach mindestens drei symptomfreien Tagen wieder zu starten – bei signifikant reduzierter Intensität und nur behutsamer Steigerung in der Folge. Training oder Wettkampfteilnahmen sind tabu, wenn man gerade Antibiotika nimmt, ebenso sollte man sich keinesfalls durch die Einnahme von Schmerzmitteln "fit" machen. Die beste Prävention ist natürlich, (Erkältungs-)Krankheiten von vornherein zu vermeiden – zum Beispiel so:
- täglich sieben bis neun Stunden Schlaf
- gesunde Ernährung mit vielen Vitaminen, ausreichend Kohlehydraten und Proteinen plus viel Flüssigkeit
- Verzicht auf Alkohol und Tabak
- die Reduktion von Stressfaktoren bzw. gezielte Regeneration in Stressphasen
- Hygiene im Alltag
- häufiges Lüften
- regelmäßiges Händewaschen
- zügiges Duschen nach dem Sport statt Auskühlen in nassen Klamotten.
- auch Impfungen – vor allem zum Grippeschutz, aber auch gegen Corona – reduzieren kardiovaskuläre Komplikationen und schützen indirekt das Herz
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Was kann ich als Sportler zusätzlich tun?
Regelmäßige sportmedizinische Kontroll- und Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll, besonders bei hohen Trainingsumfängen. Hobbysportlerinnen und -sportler belasten sich und ihr Immunsystem häufig sogar besonders stark, da der Spagat zwischen Familie, Beruf und Sport groß ist: begrenzte Zeitfenster, in die viel hineingepackt wird, wenig Regeneration, größeres Infektionsrisiko durch Schul- oder Kindergartenkinder, die Viren, Keime und Co. mit nach Hause bringen. Die Empfehlung von Dr. Denis Biró lautet: alle ein bis zwei Jahre ein umfangreicher sportmedizinischer Check mit EKG, Belastungs-EKG und Herz-Ultraschalluntersuchung. Bei Kaderathletinnen und -athleten ist dies Standard, macht aber auch bei ambitionierten Hobbysportlerinnen und -sportlern Sinn. Die Kosten übernimmt meist die Krankenkasse.





