Dürfen nach 2035 noch Autos mit Verbrenner-Motor zugelassen werden? Diese Frage treibt seit Jahren die Automobil-Industrie und die große Politik von Berlin bis Brüssel um und Freunde röhrender Achtzylinder auf die Barrikaden. Die Angst vor einem Bedeutungs- bis Totalverlust der deutschen Schicksalsindustrie und den damit verbundenen Hunderttausenden Arbeitsplätzen hat schon vielen Menschen schlaflose Nächte bereitet. Kurz vor Weihnachten dann endlich, endlich die erlösende Nachricht: Die EU-Kommission will das totale Verbrenner-Aus zurücknehmen! Auch nach 2035 sollen noch Autos neu auf die Straße gebracht werden dürfen, die fröhlich Benzin und Diesel in die Luft pusten. Das ist vermutlich die beste Entscheidung der vergangenen Jahrzehnte – sage ich als Rennradfahrer. Überrascht?
Tankstellen-Infrastruktur
Die Elektromobilität mag in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht haben, aber ein entscheidender Nachteil hat leider nicht die öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, die der Größe des Problems angemessen wäre: An Ladesäulen kann man nicht mal eben schnell ein Radfahrer-Menü aus Cola und Snickers kaufen. Oder eine überteuerte Tüte Haribo mit einem Magnum-Mandel als Vorspeise. Oder akuten Koffeinmangel mit einer nur entfernt an das gewohnte und geliebte Heißgetränk erinnernden Plörre aus Automaten zweifelhafter Herkunft und unklarem Reinigungsstatus bekämpfen. Für solcherlei kulinarische wie energetische Höhepunkte sind und bleiben wir auf die Infrastruktur unserer fossil befeuerten Verkehrskollegen angewiesen. Wäre der komplette Straßenverkehr elektrifiziert, stünde den armen, schon jetzt immer seltener werdenden Tankstellen das gleiche Schicksal bevor wie zuvor schon Telefonzellen, Schlecker-Filialen und Videorecorder. Die Straßen wären sonntags folglich geradezu gesäumt von halb verhungerten und verdursteten Rennradfahrern, die sich nur noch mit allerletzter Kraft und von Kurbelumdrehung zu Kurbelumdrehung nach Hause schleppen, wo endlich neue Energie in Form von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken wartet, um diese armen, gebeutelten Kreaturen wieder in echte Menschen zu verwandeln. Diese Bilder des Elends kann doch niemand ernsthaft wollen.

Bei Radfahrern stets beliebt: Tankstellen. Der Ort, an dem eine schnelle Energieversorgung für das pedalierende Volk garantiert gewährleistet ist.
Was ist mit uns Rennradfahrern?
Es wird höchste Zeit, die Unterwegs-Versorgung für uns Rennradfahrer auf neue Füße zu stellen. Denn – so zumindest meine Überzeugung – auch ohne Verbrenner-Verbot sieht die Zukunft der Tankstelle nicht wirklich rosig aus. Neue Nachschubquellen an flüssiger und fester Nahrung sind also mehr als dringend geboten.
An dieser Stelle ein kurzer Einschub zum Verständnis, warum Tankstellen so großartige Einrichtungen für Radfahrer im Allgemeinen und Rennradfahrer im Speziellen sind. Wichtigster Punkt: Die sehr großzügig bemessenen Öffnungszeiten von früh am Morgen bis spät am Abend und das sieben Tage die Woche – egal, wann man mit dem Renner unterwegs ist und auf dem Trockenen läuft – Tankstellen sind eigentlich fast immer auf. Punkt zwei: Das mehr als große Sortiment an energie- sprich zuckerhaltigen Lebensmitteln aller Aggregatzustände von flüssig bis fest. Punkt 3: Die kurzen Wege. Von der Eingangstür zur Getränketheke und dem Kassenbereich mit Süßwaren sind es selten mehr als zehn Meter, entsprechend kurz ist die Zeit, in der man seinen Renner aus den Augen lassen muss. Ganz abgesehen von der üblichen Videoüberwachung der Zapfsäulen, die natürlich normalerweise Sprit-Diebstahl verhindern soll, vermutlich aber auch Gelegenheits-Fahrraddiebe abhalten dürfte. Kurzum: Gäbe es keine Tankstellen, müssten sie für uns Rennradfahrer mit unserem hohen Energieverbrauch eigentlich erfunden werden.

Der Begriff "Tankstellen-Leben" hat für viele Radfahrer schon Kultstatus. Manchmal wird gemunkelt, Tankstellen (zumindest deren teure Shops) wurden ursprünglich sogar für Radfahrer erfunden.
Aber zurück zum Thema: Ich wäre ja für eine EU-Vorgabe, dass Ladesäulen gleich direkt mit Süßigkeiten- und Getränkeautomaten ausgestattet sein müssen. Bei den ganzen Vorschriften und Normen kommt es doch auf eine mehr oder weniger nicht an. Das wäre mal eine fahrradfreundliche Politik. Von mir aus können die Automaten auch von Exxon, Shell oder BP betrieben werden – die müssen ja auch von irgendwas leben, und so können sie zumindest einen Teil ihrer Expertise in die Zukunft hinüberretten.

Tankstellen sind für uns Rennradfahrer oftmals die letzte Rettung. Klar, das Straßencafé ist gemütlicher für die Pause, aber wenn es drum geht, sich einfach noch schnell man den letzten Zuckerkick für die letzten Kilometer zu holen oder die Wasserversorgung an heißen Sommertagen mit erhöhtem Verbrauch zu sichern, sind Tankstellen einfach unübertroffen. Und das beste: Man muss sie ja (noch) meistens nicht suchen gehen, sondern sie tauchen früher oder später von ganz von alleine an der Strecke auf. Außer natürlich, wenn man schon auf Reserve läuft und wirklich dringend frischen Wasser braucht...





