Jan Ullrich-Doku auf Amazon Prime startet

Jan-Ullrich-Doku auf Amazon Prime​
Jan Ullrich: „Doping war für mich einleuchtend“​

Inhalt von
ArtikeldatumVeröffentlicht am 23.11.2023
Als Favorit speichern
"Jan Ullrich – Der Gejagte" Screening In Munich
Foto: Getty Images Europe


Kurz und knapp:

  • Titel: "Jan Ullrich – Der Gejagte"
  • Dauer: vier Folgen à 45 Minuten
  • Wo: Amazon Prime (ab 28. November 2023)

Es ist kalt, nass und grau auf dem 2642 Meter hohen Col du Galibier, auf dem die Amazon-Prime-Dokumentation über Deutschlands bislang einzigen Tour-Sieger beginnt. Hier musste Jan Ullrich 1998 aufgrund eines Hungerasts bei Regen, Nebel und Kälte das Maillot Jaune an den späteren Tour-Sieger Marco Pantani abgeben – das Leader-Trikot der Tour de France trug er danach nie wieder. Der Col du Galibier steht sinnbildlich für Ullrichs Leben: Auf den steilen Aufstieg folgte zunächst eine sportliche, später auch eine persönliche Talfahrt.

Ein Ausnahmetalent auf dem Weg nach oben

Mit Einblicken in seine Kindheit erzählt die Amazon-Prime Dokumentation, wie der damals 9-jährige Jan Ullrich in Rostock zum Radsport kam und auf Anhieb selbst die Altersklassen über sich dominierte. Die Zuschauer erfahren aber auch, dass Ullrich zunächst in schwierigen Verhältnissen aufwuchs, geprägt von den Alkoholeskapaden seines Vaters Werner, die auch in häusliche Gewalt umschlugen. Ullrich berichtet von einer Narbe am Kopf, die er bis heute trage.

Und doch es war auch sein Vater, der ihm das Radfahren beibrachte und so den Weg seines Sohnes "Janni" maßgeblich prägte. "Von ihm habe ich das sportliche Talent geerbt", blickt Jan Ullrich auf seinen Vater zurück, der Eisschnellläufer war, ehe er wegen "Disziplinlosigkeit" aus dem DDR-Kader flog. Als Jan Ullrich fünf Jahre alt war, verließ sein Vater die Familie. Mutter Marianne habe hart geschuftet, um ihre drei Söhne und sich durchzubringen.

"Jan Ullrich – Der Gejagte" Screening In Munich
Getty Images Europe

Durch die Dokumentation hinweg erzählen Weggefährten, Freunde und Familienangehörige, wie Jan Ullrich sich trotz seines Daseins als Spätentwickler durch das Jugendsystem der DDR nach oben kämpfte. Wie er schließlich an der Kinder- und Jugend-Sportschule in Berlin landete – und wie er mit dem Fall der Mauer als damals knapp 16-Jähriger neue Freiheiten für sich entdeckte, ehe ihn sein Weg nach Hamburg und schließlich nach Merdingen nahe Freiburg führte.

Dabei wird immer wieder deutlich, mit wie viel Talent Jan Ullrich gesegnet war. Dem Amateur-Weltmeistertitel 1993 und WM-Bronze im Zeitfahren 1994 folgte ein gut dotierter Vertrag – 180.000 statt der für Neuprofis üblichen 80.000 D-Mark – beim damals größten deutschen Rennstall, dem Team Deutsche Telekom. Dort fuhr er 1996 zunächst an der Seite von Kapitän Bjarne Riis auf Rang zwei der Tour und wurde ein Jahr später als erster und bislang einziger deutscher Sieger der Tour de France selbst vom Jäger zum Gejagten – und das mit Hilfe unerlaubter Substanzen, wie Jan Ullrich in der Dokumentation selbst einräumt.

Gesteht Jan Ullrich Doping?

Nach einer für die Deutsche Telekom ernüchternden Tour de France 1995 stand das Sponsoring des Radteams und somit dessen Existenz zur Debatte. Doch mit der Verpflichtung des Tour-Dritten Bjarne Riis kam Schwung in den Rennstall – auch, weil man von nun an mit der Uniklinik Freiburg zusammenarbeitete und die Sportler so fortan auch auf illegalem Wege ihre Leistungen steigerten. In einer bislang von ihm ungekannten Offenheit erzählt Jan Ullrich, wie er 1996 beim Team Telekom vor der Entscheidung gestanden habe, Dopingsubstanzen zu nehmen. Dies sei vor der Tour de France 1996 gewesen, die der damals 22-Jährige sensationell als Zweiter hinter seinem Kapitän Bjarne Riis beendete. Ullrich habe sich bewusst zum Doping entschieden, um seinen sportlichen Aufstieg weiter fortsetzen zu können.

"Ich war jung und naiv. Hätte ich es nicht getan, wäre meine Karriere zu Ende gewesen", erklärt Jan Ullrich in der Prime-Doku. Zwar sei im Team eher "schwammig" über Doping gesprochen worden, dennoch "hat mir das Thema keine Angst gemacht. Es wurde mir gut erklärt und war einleuchtend." Gleichzeitig bleibt Ullrich jedoch vage, wer ihm zum Doping ermutigt habe: "Es war mein vertrautes Umfeld", nennt er weiterhin beharrlich keine Namen.

Auch mit Hilfe der Dopingpraktiken im Team dominierte Ullrich die Tour de France 1997 und gewann als erster und bislang einziger Deutscher die "Grande Boucle". Deutschland lag ihm zu Füßen, der Radsport hierzulande erlebte eine ungekannte Popularität. Doch mit dem Aufschwung stieg zugleich die Erwartungshaltung, die Ullrich noch viele Jahre nach seinem Kariereende zum Verhängnis wurde.

1999 verpasste er die Tour verletzungsbedingt. 2000 und 2001 wurde er hinter Lance Armstrong Zweiter. 2002 verpasste er die Tour aufgrund einer langwierigen Knieverletzung erneut. Damals schrieb Ullrich erstmals negative Schlagzeilen: Nach einem Clubbesuch rammte er unter Alkoholeinfluss mit seinem Auto einen Fahrradständer, kurz darauf wurde ihm die Einnahme von Amphetaminen nachgewiesen. "Ich wollte meinen Herzschmerz betäuben", blickt Ullrich auf die schwere Zeit zurück.

Prime Video/YouTube

Dem Team Telekom passte der Fehltritt des Superstars gar nicht – für die Saison 2003 ging man getrennte Wege. Mit seinem langjährigen Mentor und Sportlichen Leiter Rudy Pevenage hob Ullrich das Team Bianchi aus der Taufe – und arbeitete auch erstmals mit dem spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes zusammen. "Fuentes fragte mich: ‚Willst du bei Rot, Gelb oder Grün über die Ampel gehen?‘", schildert Ullrich das erste Treffen in Madrid. "Da wurde mir klar – es geht um Risikostufen. Ich entschied mich für Grün, das kleinste Risiko."

Ullrich ließ sich fortan regelmäßig Blut abnehmen, das zur späteren Leistungssteigerung wieder zugeführt wurde. "Die Wirkung spürt man deutlich", beschreibt Ullrich in der Doku offen den Vorteil der Methode. Doch selbst mit Fuentes‘ Hilfe gelang es Ullrich nie wieder, die Tour zu gewinnen – auch wenn er 2003 nochmal nah dran kam ehe er zur neuen Saison zu seinem alten Team – nun Team T-Mobile – zurückkehrte.

Nachdem Armstrong Ende 2005 für drei Jahre die große Bühne Radsport verließ, wäre der Weg für Jan Ullrich frei gewesen – ehe die Dopingfahnder ihm und Fuentes auf die Schliche kamen und der Deutsche die Tour de France 2006 nicht bestreiten konnte – im Februar 2007 erklärte Ullrich seinen Rücktritt. Auch auf seine viel zitierte (und kritisierte) Aussage von 2007, er habe als Sportler nie jemanden betrogen, nimmt Ullrich in der Serie Bezug: "Das war falsch. Für mich war das auf meine Gegner getrimmt, aber die Fans gehören natürlich auch dazu."

Spricht er über die Drogen-Probleme nach seiner Laufbahn?

Er habe "Whiskey gesoffen wie Wasser – und dazu Kokain genommen", blickt Jan Ullrich auf das Jahr 2018 zurück, das wohl dunkelste Kapitel seiner Vita. "Ich habe zu der Zeit drei Stunden geschlafen, wollte nicht raus und habe nur Scheiße gebaut." Er habe sich nach seinem Tour-Ausschluss 2006 fallen gelassen gefühlt, von der Öffentlichkeit, von seinen Freunden. "Ich hatte nach meiner Karriere alle vier bis fünf Jahre einen Tiefpunkt", spielt Jan Ullrich in der Amazon-Prime-Doku auf Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss oder seinen Nachbarschaftsstreit mit Schauspieler Til Schweiger auf Mallorca 2018 an. Damals verließ ihn seine Ex-Frau Sara, sie zog mit den gemeinsamen Kindern zurück nach Deutschland. Ullrich griff zu harten Drogen wie Kokain, wurde Berichten zufolge in einem Frankfurter Hotel gegenüber einer Escort-Dame sogar handgreiflich – ehe das Verfahren gegen eine Entschädigung Ullrichs eingestellt wurde.

"Ich brauchte Hilfe, denn allein habe ich es nicht geschafft, da rauszukommen", urteilt er heute über sich selbst. Die Hilfe bekomme er: Gemeinsam mit seinem Ex-Teamkollegen und langjährigen Freund Mike Baldinger habe er daher beschlossen, wichtige Orte seiner Laufbahn zu besuchen – u.a. seine Heimatstadt Rostock, die Skistation Andorra-Arcalis, wo er 1997 das Gelbe Trikot übernahm. Oder auch Straßburg, wo er 2006 einen Tag vor dem Tour-Auftakt von seinem Team T-Mobile aufgrund der Verwicklungen in den Fuentes-Skandal suspendiert und heimgeschickt wurde. Hier schwenkt Ullrichs Stimmung in der Doku merklich um – entgegen seiner sonst auffällig gelösten Art wirkt er verschlossener, als er ins Hotel au Boeuf zurückkehrt, in dem sein Rennstall 2006 residierte, ehe die "Doping-Bombe" platzte.

Jan Ullrichs persönlicher "Jakobsweg" durch seine eigene Geschichte bildet den Erzählstrang der Prime-Doku. Die Zuschauer werden mitgenommen auf eine Reise durch die Zeit. So steht Ullrich etwa am Fuß von Andorra-Arcalis im kleinen Örtchen El Serrat, in dessen Haarnadelkurven er 1997 alle seine Kontrahenten mit einer Tempoverschärfung stehenließ und im Alter von 23 Jahren ins Gelbe Trikot stürmte. Mit einem Szenen-Mix aus Gegenwart und Vergangenheit sorgen die Macher der Serie für Gänsehaut unter eingefleischten Radsportfans – und berichten, wie Ullrich das Gelbe Trikot bis nach Paris brachte, trotz einer amüsant erzählten "großen Notdurft" bei voller Fahrt auf der Etappe nach Alpe d’Huez.

Gesteht "Ulle" wirklich alles?

"Ich habe in der Serie alles auf den Tisch gepackt, ohne andere mit reinzuziehen", erklärte Ullrich bei einer Medienrunde in der Münchener Innenstadt den versammelten Journalisten. "Ich bereue es, nicht früher gestanden zu haben. Dazu hatte ich nicht die Eier, so hart muss man es sagen." Man merkt Ullrich an, wie schwer ihm sein Geständnis, fast 17 Jahre nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn, fällt. Denn Fakt ist: So offen und ehrlich hatte sich Ullrich bislang nicht zu seiner Doping-Vergangenheit bekannt, auch wenn viele seiner Aussagen wenig überraschen können – schließlich war vieles bereits belegt und von anderen Akteuren gebeichtet worden. Dennoch hören Zuschauerinnen und Zuschauer der Amazon-Prime-Serie bislang unbekannte Details aus dem Munde Ullrichs selbst.

Und dennoch bleiben einige Fragen weiterhin offen: Wer machte ihm das Doping im Jahr 1996 schmackhaft? Welche verschiedenen Praktiken und Medikamente wurden über die Jahre genutzt? Wurden alle seine Erfolge, also auch der Tour-, Vuelta-, oder Olympiasieg ausschließlich unter Zuhilfenahme verbotener Methoden und Substanzen erzielt? Hier bleibt Jan Ullrich leider einige Antworten weiterhin schuldig.