In einem Instagram-Posting haben die Veranstalter des Ötztaler Radmarathons angekündigt, ab 2027 eine Null-Toleranz-Politik gegenüber der Handynutzung während der Fahrt durchzusetzen. "Wer das Handy während eines Rennens mit über 4000 Teilnehmenden benutzt, riskiert wesentlich die Sicherheit aller", begründete das Organisationskomitee des Ötztaler Radmarathons den Schritt. Aufmerksamkeit und Kontrolle über das Fahrrad würden durch das Hantieren mit dem Handy stark beeinträchtigt.
Das Instagram-Posting sammelte über 8500 Likes, mehr als 350 Kommentare und über 1000 Shares – viel für den Ötzi-Account. Heiß diskutiert wurde vor allem die Ankündigung, Teilnehmende konsequent zu disqualifizieren – auch nachträglich, sofern ein Regelverstoß anhand veröffentlichter Beiträge, Livestream-Aufnahmen, Veranstaltungsfotos oder das persönliche Teilnehmervideo feststellbar sei.

Die Veranstalter des Ötztaler Radmarathons wollen künftig hart durchgreifen, wenn während der Fahrt mit dem Handy hantiert wird.
Die Organisatoren des Ötzis betonen in dem Posting, es gäbe gar keinen Grund, Risiken einzugehen: "Alle Teilnehmer*innen erhalten Fotos und ein persönliches Highlightvideo mit Sequenzen vom Start, aus der Kühtai-Fanzone, vom Anstieg und der Passhöhe am Timmelsjoch, vom Anstieg zur Mautstelle sowie vom Zieleinlauf." Zusätzlich stünden rund 192 000 Eventfotos von Sportograf und insgesamt 15 Stunden Livestream-Berichterstattung zur Verfügung.
Wer trotzdem eigene Aufnahmen machen wolle, müsse dafür auf sichere Alternativen wie ordnungsgemäß befestigte Actioncams oder freihändig nutzbare Kamerasysteme zurückgreifen – oder eben kurz stehen bleiben. Während der Fahrt gehörten die Hände aber an den Lenker.

Nur wenige Augenblicke trennen in diesem Moment noch 4000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom Start des Ötztaler Radmarathons.
Wir haben mit Dominic Kuen, Eventleiter des Ötztaler Radmarathons gesprochen, und auch bei anderen Veranstaltern nachgefragt, ob die Handynutzung während der Fahrt ein Problem ist – und wie dort reagiert wird.
Ötztaler Radmarathon – Dominic Kuen
Auf die Frage, welche Reaktionen es auf die Ankündigung der Null-Toleranz-Politik gegeben habe, sagte Ötzi-Eventleiter Kühn: "Die Reaktionen waren umfangreich und überwiegend positiv. Innerhalb kurzer Zeit gingen knapp 300 Kommentare ein. Der Großteil begrüßt unsere klare Haltung und sieht die Handynutzung während der Fahrt als erhebliches Sicherheitsrisiko, besonders in Gruppen und engen Zuschauerbereichen. Auch Influencer wurden in den Kommentaren thematisiert. Dabei werden eingeladene Personen, regulär gestartete reichweitenstarke Teilnehmende und unabhängig angereiste Content Creator häufig miteinander vermischt." Kuen betonte, dass nicht jede reichweitenstarke Person vor Ort vom Veranstalter eingeladen wurde oder einen der limitierten Medienstartplätze erhielt.

Zwei Köpfe hinter dem Ötztaler Radmarathon: Heike Klotz und Dominic Kuen.
Für die Influencer, die vom Ötztaler Radmarathon eingeladen worden seien, würden dieselben Regeln gelten wie für alle anderen, ohne Sonderrechte, so Kuen. "Die von uns eingeladenen Influencer erhielten bereits im Vorfeld ein klares Briefing. Aufgrund ihrer Reichweite und Vorbildwirkung erwarten wir von ihnen ein besonders verantwortungsbewusstes Verhalten."
Kuen kündigte an, das Sicherheitsbriefing und die Verhaltensregeln für 2027 weiter zu schärfen – auch für Influencer. Verstöße können zur Disqualifikation sowie zum Ausschluss von künftigen Einladungen oder Kooperationen führen."
Kuen sprach aber auch explizit ein Lob aus: "Nach unserem aktuellen Kenntnisstand verhielten sich die von uns eingeladenen Influencer bis auf eine kleine, uns bekannte Ausnahme vorbildlich und hielten sich an die Regeln."

Sehnsuchts- und Leidensort Timmelsjoch - der Scharfrichter des Ötztaler Radmarathons.
Es sei keine Option gewesen, so Kuen weiter, die nachträglichen Disqualifikationen schon 2026 auszusprechen – auch wenn das Verbot handbedienter Geräte bereits bestand. "Die nachträgliche Disqualifikation auf Grundlage später veröffentlichter Aufnahmen war jedoch noch nicht mit dieser Klarheit im Reglement verankert und kommuniziert", so Kuen, "eine rückwirkende Verschärfung wäre aus unserer Sicht weder transparent noch fair. Deshalb setzen wir 2027 einen klaren Schwerpunkt und schaffen eine eindeutige Grundlage mit klaren Regeln, Sanktionen und einem nachvollziehbaren Prüfverfahren."
Kuen betonte, man dürfe die Ötzi-Veranstalter nicht falsch verstehen: "Wir schätzen die umfangreiche Kommunikation unserer Teilnehmenden. Sie sollen auch weiterhin ein Handy mitführen, für eigene Fotos im sicheren Stillstand, vor allem aber, um in einem Notfall Hilfe rufen zu können. Bei der gesamten Diskussion geht es in erster Linie um die Sicherheit unserer Teilnehmenden, unseres Dreamteams, bestehend aus Helfern, Volunteers und dem OK Team, unserer Fans und aller weiteren Beteiligten."
Dreiländer Giro – Viktoria Mall & Christoph Moritz
Wie halten es andere Veranstalter? Der Dreiländergiro im österreichischen Nauders führt über die 48 Serpentinen des Stilfser Jochs – ebenfalls ein Hotspot für Fotos und Videos. Viktoria Mall und Christoph Moritz vom Organisationskomitee räumen ein: "Bergauf werden definitiv einige Handys ausgepackt. Während der Abfahrten ist das Gott sei Dank bis jetzt kein Problem. Wir haben ausreichend Streckenpersonal und Exekutive auf der Strecke – ob es daran liegt oder am gesunden Menschenverstand kann man nicht sagen."

Das Organisationskomitee des Dreiländergiros mit Christoph Moritz (3. v. l.) und Viktoria Mall (3. v. r.).
Besondere Regeln zur Handynutzung gelten beim Dreiländergiro bislang nicht. Mall und Moritz betonen aber: "Bei uns gilt die Straßenverkehrsordnung. Diese besagt ganz klar, glasklar, dass das Hantieren mit dem Handy während der Fahrt nicht erlaubt ist." Die Initiative des Ötztaler Radmarathons sei aber gerechtfertigt – Sicherheit gehe immer vor.
Am Ende hätten fast alle Sicherheitsthemen der heutigen Zeit einen gemeinsamen Nenner – die Leute daran zu erinnern, dass ein Radmarathon keine Inszenierung sei, keine Show, keine Performance, auch kein Rennen, sondern einfach ein wunderschönes Erlebnis – der Tag auf den man hin trainiert hat, eine super Leistung, aber keine Tour de France. "Es ist auch kein Posting und kein Reel", so Mall und Moritz vom Dreiländergiro, "es ist ein echtes Erlebnis in der echten Natur. Das vergessen manche Leute. Das ist schade und gefährlich."

Das Stilfser Joch mit seinen 48 Kehren ist das landschaftliche und sportliche Highlight beim Dreiländergiro.
Man ziehe gemeinsam mit anderen Veranstalterinnen und Veranstalter, darunter auch dem Organisationskomitee des Ötztaler Radmarathon, an einem Strang, um immer wieder daran zu erinnern und Radmarathons dadurch auch weiterhin sicher durchführen zu können.
ADAC Brezel Race – Reinald Achilles
Stellvertretend für die Jedermann-/-fraurennen in Deutschland haben wir beim ADAC Brezel Race angefragt, das jährlich in der Region Stuttgart ausgetragen wird. Veranstalter Reinald Achilles betont im Gespräch mit ROADBIKE: "Wir haben mit Handynutzung während des Rennens bislang zum Glück kein nennenswertes Problem. Unser Eindruck ist, dass sich unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer während des Rennens stark auf das sportliche Erlebnis und das Geschehen auf der Strecke konzentrieren. Fotos, Videos und Social-Media-Posts entstehen eher davor oder danach."

Reinald Achilles, Pressesprecher beim Veranstalter des ADAC Brezel Race Region Stuttgart Inflame Events
Eine explizite Regelung zur Smartphone-Nutzung während der Fahrt wäre bislang nicht nötig gewesen, zur Zeit würde aber diskutiert, das Thema präventiv ins Reglement aufzunehmen. In anderen Bereichen gäbe es solche Vorgaben bereits: Kopfhörer beziehungsweise das Hören von Musik während des Rennens sind beim ADAC Brezel Race tabu.
Die Haltung der Veranstalter des Ötztaler Radmarathons könne man sehr gut nachvollziehen und unterstütze den Ansatz ausdrücklich, so Achilles: "Geschwindigkeit, enge Fahrerfelder und unterschiedliche Leistungsniveaus führen dazu, dass schon ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit Folgen haben kann. Ob eine Null-Toleranz-Regel inklusive nachträglicher Disqualifikation für jede Veranstaltung der richtige Weg ist, muss jeder Veranstalter anhand seiner Rahmenbedingungen entscheiden. Der Ötztaler setzt aber ein deutliches Signal: Die sichere Beherrschung des Fahrrads hat Vorrang vor dem nächsten Foto oder Social-Media-Clip. Diesen Grundgedanken teilen wir uneingeschränkt."

Beim ADAC Brezel Race wählen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen einer ca. 60 und einer ca. 110 Kilometer langen Rennstrecke durch die Region Stuttgart.
Für Achilles ist das Smartphone Teil eines größeren Themas: Ablenkung und vermeidbares Risikoverhalten. "Dazu gehören Kopfhörer, unaufmerksames Fahren, abrupte Spurwechsel oder riskante Manöver in der Gruppe. Auch beim Zieleinlauf können freihändiger Jubel oder ein Foto zum Risiko für andere werden. Entscheidend ist das Bewusstsein, dass man bei einer solchen Veranstaltung nie nur für sich selbst fährt. Das eigene Verhalten beeinflusst immer auch die Sicherheit der Menschen um einen herum." Man wolle den Radsport aber auch nicht mit immer neuen Vorschriften überfrachten. "Unsere Linie beim ADAC Brezel Race lautet: so wenig Reglementierung wie möglich, aber so viel wie für einen sicheren Ablauf erforderlich."
Man setze auf Eigenverantwortung, Kommunikation und gegenseitige Rücksichtnahme, so Achilles. "Wenn sich allerdings zeigt, dass Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind, muss ein Veranstalter reagieren – und das würden wir auch."
Mecklenburger Seen Runde – Detlef Koepke
Und wie sieht es aus bei Radmarathons in Deutschland? Stellvertretend dafür haben wir mit Detlef Koepke gesprochen, der das bis zu 300 Kilometer lange Breitensportevent MSR300 ausrichtet – durch die Mecklenburger Seenlandschaft nordwestlich von Berlin.

Detlef Koepke, Veranstalter der Mecklenburger-Seen-Runde im Interview mit dem NDR.
"Der Ötztaler ist ein Rennen, allein durch die Abfahrten werden viel höhere Geschwindigkeiten erreicht als bei der MSR", so Koepke. "Bei Rennen halte ich eine explizite Regel in den Teilnahmebedingungen für gut und richtig. Unser Event findet im öffentlichen Straßenverkehr statt – und dort gilt die StVO, welche das Hantieren mit Handy während der Fahrt ohnehin eindeutig und unmissverständlich verbietet."
Gedanken zur Sicherheit mache man sich aber natürlich – eben angepasst an die realen Herausforderungen: "Wir haben mit unserem Safety-Team – Leitstelle, Leiter des Rettungsdienstes, einigen Fahrern der Safety-Cars und unserem Streckenchef – das Thema Musik hören während des Events diskutiert. Die Regelungen der StVO sind nicht ganz eindeutig, Kopfhörer sind nicht grundsätzlich verboten. Wir positionieren uns hier aber klar: Die Nutzung von Kopfhörern innerhalb und außerhalb der Ohren sind bei uns nicht erlaubt."

Weitgehend topfeben geht es bei der Mecklenburger Seen-Runde durch die wunderschöne Landschaft nordwestlich von Berlin.
Dies sei nur eine von vielen verschiedenen Maßnahmen, um größtmögliche Sicherheit für alle Teilnehmenden zu bieten – weitere wären unter anderem Kommunikation im Vorfeld der Veranstaltung, Ausschilderung, Streckenwahl, Gefahrenschilder oder enge Abstimmung mit den Behörden. Klar sei Koepke aber auch: "100%-ige Sicherheit gibt es nicht, das ist uns allen klar. Wir wissen aus vielen Feedbacks von MSR-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern, dass sie gerne bei uns starten, weil untereinander sehr aufeinander achtgegeben, Rücksicht genommen und auch vorausschauend gefahren wird. Wir haben es mit erwachsenen Menschen zu tun, die grundsätzlich vernünftig sind und die man nicht durch Sanktionen maßregeln muss. Am Montag nach dem Erlebnis möchte doch jeder wieder gesund auf dem Arbeitsplatz sein, oder?"





