Der US-Hersteller Aventon ist in Europa noch wenig bekannt, in den USA aber seit 2013 etabliert. Vom Fixie-Spezialisten hat sich die Marke ab 2018 konsequent zum E-Bike-Anbieter entwickelt. Die Konzeption der Bikes findet in Kalifornien statt, Teile der Produktion in China. In Deutschland sind die Bikes ab sofort erhältlich, der Europasitz liegt in München.
Kurz & knapp: Aventon Current
- neues E-All-Mountain in drei Versionen und ab 3.499 Euro
- das Topmodell Current EXP (Test) kommt mit Carbon-Hauptrahmen und Alu-Hinterbau
- eigener Aventon-Motor Ultro-X mit bis zu 850 Watt und 120 Nm Drehmoment im Boost-Modus
- entnehmbarer 800-Wh-Akku
- 150 mm Federweg an der Gabel, 140 mm am Heck
- Full-29er – 29"-Vorder- und Hinterrad
Preislich attraktives E-Fully in drei Versionen

Brett brettert hart: Freeride-Ikone Brett Tippie ist der neue Aventon-Teamfahrer – und hat nichts verlernt.
Aventons Highlight-E-MTB ist das neue E-Fully Current, das wir bereits testen konnten. Das Topmodell Current EXP kostet 5,499 Euro – dafür gibt’s einen edlen, gut verarbeiteten Carbon-Hauptrahmen, Srams Einsteiger-Funkschaltung AXS S1000 Transmission (12-Gang), die Gabel Lyrik Select und das Federbein Super Deluxe Select+, beide von Rock Shox. Auf dem Papier schon mal ein attraktives Bike – in dieser Preisklasse ist eine Funkschaltuing und vor allem der Carbonrahmen nicht die Regel. Die verbauten, etwas faden Aventon-Parts – Alu-Laufräder und -Cockpit – bieten sich für späteres Gewichtstuning an. Gleichwohl ist das Current EXP mit, laut Aventon, 24 Kilo in Größe L zwar kein Leichtgewicht, aber auch nicht sonderlich schwer. Zumal ab Werk auch hier der "fette" 800er-Akku den Motor speist.
Alternativen: Current REC und Current ADV
Neben dem getesteten Current EXP ist das E-Fully auch in zwei weiteren Versionen erhältlich: das Current REC startet bei 3.499 Euro und punktet als voll ausgestattete E-SUV-Variante mit Alurahmen, 140 mm Federweg am Heck und an der Gabel sowie Schutzblechen, Licht und Gepäckträger. Das Current ADV kostet 4.499 Euro, bietet 150 mm Gabelfederweg, Rock Shox Psylo Gold-Gabel, eine mechanische 12-Gang-Sram-Eagle-Schaltung, Alu-Cockpit und -Laufräder sowie den 800-Wh-Akku. Damit wiegt es 25,5 kg (ohne Pedale) und richtet sich an Fahrer:innen, die mehr Federweg und etwas sportlichere Komponenten wünschen.
Alle drei Current-Varianten rollen auf 29"-Rädern, wobei ein 27,5"-Hinterrad verbaut werden kann, das dann eine Geometrieveränderung mit sich bringt.
Marke Eigenbau: Aventons Ultro-X-Motor

Bei hoher Last im Steilen arbeitet der Aventon-Motor leise. Er powert im Boost-Modus mit bis zu 850 Watt und 120 Nm Drehmoment.
Ein echter Hingucker am Testbike Current EXP: der von Aventon gemeinsam mit dem französischen Entwicklungs- und Designbüro Kairn entwickelte Full-Power-Motor Ultro-X. Mit 2,85 Kilo liegt er in etwa auf Augenhöhe mit populären Konkurrenten à la Bosch Performance CX, stellt Ridern großzügige 750 Watt Spitzenleistung bereit; gar 850 Watt sind’s im Boost-Modus. Und auch in punkto Drehmoment geizt das Aggregat, das übrigens von Hersteller Gobao gefertigt wird, nicht: bis zu 110 Nm liege an, im 30 Sekunden währenden Boost-Modus sogar 120 Nm Maximaldrehmoment. Aktiviert wird der Boost-Modus einfach an der kompakt gestalteten Aventon-Remote. Diese weist drei Schalttaster auf – that’s it. Fahrer:innen greifen auf die fünf Modi Eco, Trail. Auto, Turbo und Boost zu.
Außerdem haben die Produktmacher bei Aventon und Kairn dem optisch gut schlanken Ultro-X-Motor eine Nachlauffunktion spendiert, auch als "Overrun" bezeichnet. Die Idee: Stoppt man an einer, für Fahrfluss und Fahrspaß kritische Passagen – Stichwort Geländestufe im steilen Uphill – die Tretbewegung, schiebt der Motor noch eine Weile definiert nach. Cool: Den Motornachlauf justiert man nach persönlicher Vorliebe in der übersichtlichen, leicht handzuhabenden Aventon-App in Stärker und Dauer. Maximal sind 2 Meter Nachlauf möglich – die gesetzlich festgelegte Grenze. Ein Drehmoment von 110 Nm ruft man bereits bei einer Trittfrequenz von moderaten 78 U/min ab. Für weniger sportive Geländegänger ein echter Vorteil: Sie müssen bergauf nicht super ambitioniert fahren/treten, um die volle Motorunterstützung abzurufen. Das unterstreicht die Idee von Aventon, unterschiedlichen Fahrern mit dem neuen Current zum Trailglück zu verhelfen.
Edles Touchscreen-Display, praktische Aventon-App

Dank GPS-Integration im Display/Bordcomputer sieht man die exakte Position des Bikes, nutzt zudem einen Diebstahlschutz.
Aventon hat fürs Current ein beeindruckend cleanes Cockpit umgesetzt, das Fahrer darin unterstützt, sich konsequent aufs Gelände zu konzentrieren. Während man mit der linksseitigen Lenker-Remote die Motorstufen anwählt, informiert das edle, sauber ins Oberrohr integrierte Aventon-Touchscreen-Display zu etlichen Fahrdaten, darunter natürlich Akkustand und Fahrstufe, aber auch trainingstechnisch interessante Werte wie die eingebrachte Watt-Eigenleistung. Praktisch: Zwischen den einzelnen Displayansichten wischt man auch mit Handschuh easy hin und her. Zum Display gehört die Aventon-ACU-Steuereinheit – sozusagen der "Bordcomputer" des Current, der diverse Konnektivitätsfunktionen ermöglicht und mit der Aventon-App verbunden ist. Das in die Display-ACU-Steuereinheit integrierte 4G-/Bluetooth-Modul erlaubt komfortable Motor-Updates Over-the-Air. Zu den Digitalfeatures zählt eine GPS-Tracking-Funktion, mittels der man sein abgestelltes Bike immer "im Blick hat", außerdem einen Diebstahlschutz nutzt. Wer die Motorcharakteristik feinjustierten will, kann das per App.
Testeindruck: hohes "Losleg-Potenzial"

Auf den staubtrockenen Trails von Phoenix (Arizona) inspirierte das Current EXP als quirliger Allrounder zur Tempohatz.

In kurvigen, flacheren Trails ist das Current EXP in seinem Element, fetzt dank kurzem 445-mm-Heck und tiefem Schwerpunkt durch die Kehren. In schnellen, steilen Downhills gefällt die gut ausgeprägte Laufruhe des Current – Ergebnis des hungrigen, sensiblen und harmonisch arbeitenden Luftfahrwerks sowie des 64,6 Grad flachen Lenkwinkels. So macht es viel Spaß, das Bike durch forderndes, gröberes Terrain zu pushen. Allein in verblockten Passagen reichen die Reserven der Lyrik-Gabel nicht ganz an die des Hinterbaus heran, dürfte eine (noch) potentere Gabel à la Rock Shox ZEB die bessere Wahl für krasseres Geläuf sein.
Beim First-Ride des Current EXP während der Produktvorstellung in Phoenix überzeugt die gemäßigt sportive Sitzposition als Resultat aus eher kurzem 475,3-mm-Reach (Gr. L) und moderat steilem 76,6-Grad-Sitzwinkel auf Anhieb. Mit gesundem Druck auf dem Lenker geht es flugs hinein in die technisch anspruchsvolleren, steilen Uphills des Test-Tracks, wobei der Aventon-Motor bereits in den unteren Modi Eco und Trail erstaunlich viel Schub plus ein natürliches Fahrgefühl liefert. Die emsige Kletterei forciert das gripstarke Maxxis-Minion-Reifenduo im gekonnten Zusammenspiel mit dem traktionsstarken Viergelenk-Heck. Ein echtes Highlight in kniffligen Steilanstiegen, in denen man primär mit der Suche nach der Ideallinie beschäftigt ist: Das gutmütige Handling des Current und der Automatik-Motormodus, der zumeist genügend druckvollen Wumms bereitstellt, den man auch noch spielerisch kontrolliert. Verblüffend ist, wie leise der Motor dabei agiert. Mehr Aufmerksamkeit vom Fahrer brauchen dagegen die extra spritzigen Modi Turbo und Boost.
Parts-seitig punktet die 1A-Verzögerung und gute Dosierbarkeit der günstigen Sram-Maven-Base-Bremsen sowie die flinken, präzisen Schaltmanöver der elektronischen Sram-S1000-Schaltung.
Fazit: Starker erster Aufschlag
In Summe begeistert das Current EXP als vielseitiger All-Mountain-Allrounder, dem die Spritzigkeit eines Trailbikes zu eigen ist. Zum fairen Preis kann das Bike Vieles sehr gut, führt zudem einen tollen Motor ins Feld.





