Downhill-Queen ganz offen: „Ich bin schüchtern & habe eigentlich Schiss vor Menschen“

Downhill-Queen Vali Höll im Interview
Im Rennen mit sich selbst

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 14.04.2026
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Im Rennen mit sich selbst
Foto: Commencal
Neue Saison, neues Team. Wann hast du gemerkt: So geht es für 2026 nicht weiter?

Als im Juli das Announcement zum Sanierungsverfahren von YT kam, dachte ich sofort: Das klingt nicht gut. Ein paar Tage später haben sich auch schon die ersten Rennteams gemeldet. Ich musste also nicht aktiv suchen – meine Favoriten kamen auf mich zu. Wir haben dann im Grunde nur noch auf die "Freilassung" von YT gewartet.

Wie läuft das dann konkret ab?

Ich habe eine Managerin, Dani von der Sepp Agency. Sie kennt mich seit Jahren und versteht meinen Charakter, das ist mir wichtig. Wir teilen die gleichen Werte, haben oft dasselbe Bauchgefühl bei Leuten und Projekten und verstehen uns da ziemlich blind. 30 Minuten nach dem Posting hat schon jemand bei Dani angerufen. Für uns war klar: Wir warten nicht und hoffen nicht. Ich habe immer einen Plan B, und in der Situation war das auch genau der richtige Move.

Bist du in Zeiten der Bikebranchen-Krise bei den Vertragsdetails besser oder schlechter gestellt?

Ich bin immer noch in einer sehr guten Situation. Klar, meinen Teamvertrag kann man nicht mit den Top-Männern vergleichen. Aber wir pushen unsere Werte in die richtige Richtung und können damit auch das ganze Frauenfeld mitziehen. Für Dani ist es aktuell einfach mehr Arbeit, weil jede Firma jeden Euro dreimal umdreht. Natürlich fehlt mir das Gehalt von YT, da geht es um einen sechsstelligen Betrag. Aber ich habe mich damit abgefunden, dass ich das Geld nicht mehr sehen werde. Ich war lange genug genervt, ich habe mit dem Kapitel abgeschlossen und freue mich darauf, mit Commencal jetzt richtig durchzustarten.

Wie belastend war diese unklare wirtschaftliche Situation im letzten Jahr für dich?

Es war ja "nur" der Teamsponsor, der gestruggelt hat. Alle meine anderen Sponsoren standen in der schweren Zeit hinter mir und haben mich sogar finanziell unterstützt. Zum Beispiel, um den USATrip zu finanzieren, damit ich meinen Line Coach mitnehmen konnte. Klar war das nervenaufreibend, und das hat sich ja noch lange in den Winter gezogen mit Anwalt und allem. Ich bin dankbar, dass Dani mir da viel abnimmt, damit ich mich aufs Rennenfahren konzentrieren kann.

Wählst du das Team nach Bike oder Menschen aus?

Ich wollte schon immer mal ein Commencal fahren, und das Angebot hat auch gepasst. Am Ende habe ich mich aber bewusst für das "kleinere Team" entschieden, weil ich mich endlich wieder wohlfühlen wollte. Du brauchst keinen Truck, um Rennen zu gewinnen. Du musst du selbst sein können und Spaß haben. Und ganz wichtig: Alle im Team müssen für die gleiche Sache brennen – und das ist Racing.

Testest du das Bike davor – und wie schnell fühlst du dich darauf race-ready?

Ich bin fünf Tage nach der WM in Champéry testen gegangen. Testen sollte man auf jeden Fall – aber für mich war ehrlich gesagt sowieso nur eine Option wirklich attraktiv. Der Teamwechsel ist ja im Oktober, das erste Rennen im Mai, also bleibt genug Zeit. Im Winter fahre ich nicht besonders viel, erst ab März mache ich viele Downhill-Laps. Race-ready fühle ich mich nach etwa zwei bis drei Wochen. Dabei geht es weniger ums reine Setup, sondern vor allem ums Selbstvertrauen auf dem Bike.

Wie geht’s dir gerade und wie läuft die Vorbereitung auf die neue Saison?

Mir geht’s extrem gut. Ich komme super mit dem neuen Bike zurecht und darf viele unterschiedliche Sachen machen. Ich war bei den Olympischen Spielen meiner Freundin Mathilde dabei, konnte ihre Goldmedaille feiern und habe schon ein paar Teamcamps absolviert. Ich mag die Ablenkung und die komplett andere Szene im Winter.

Monica Gasbichler/@mediamoni
Das Frauenfeld wird jedes Jahr stärker. Musst du dich an diese Konkurrenzsituation neu anpassen?

Auf jeden Fall. Letztes Jahr hatte ich schon ein paar Runden, die ich im Jahr davor wahrscheinlich easy gewonnen hätte. Alle sind jetzt da, wo ich bin, teilweise sogar darüber. Das motiviert mich, wieder mehr zu investieren und zu pushen. Obwohl der Sieg lange auf sich warten ließ, war letzte Saison trotzdem die konstanteste meines Lebens: viele Quali-Bestzeiten, viele Podien. Früher war es bei mir oft "Sieg oder Crash", deshalb ist diese Konstanz für mich ein großer Schritt.

Dein erster Sieg war dann ausgerechnet die WM. Was hat den Schalter umgelegt?

Ich war den ganzen Sommer nicht wirklich frei, jedes Wochenende hat’s gezwickt, mental oder körperlich. Ich hatte den Sinn vom Racing zeitweise verloren. Erstmals war auch mehr Angst vor einer Verletzung. Dieses "zehn Prozent mehr pushen" hat sich im Kopf nicht mehr logisch angefühlt, wenn das Risiko so hoch ist. Dazu hatte ich ständig Migräne-Anfälle oder war krank. Vor der WM wusste ich dann: Es kommt ein neues Kapitel mit Commencal. Das hat etwas gelöst, plötzlich hat es wieder funktioniert, ich konnte wieder gewinnen.

Das Qualifikationsformat hat sich im Downhill verändert. Was ist heute anders?

Früher waren die Top 5 der Overall-Wertung aus dem Vorjahr "protected" und damit automatisch im Finale. Wenn du in der Quali gestürzt bist, war das fast egal. Das gibt’s jetzt nicht mehr: Jeder muss sich neu qualifizieren. Du kannst Weltmeisterin sein und im Overall führen, wenn du stürzt oder einfach nicht schnell genug bist, fährst du am Sonntag nicht. Ich finde das mega cool und fair.

Man merkt, dass sich das Feld dadurch stärker durchmischt – steigt dadurch auch der Druck?

Man lernt, damit umzugehen, teilt sich die Energie besser ein. Du kannst nicht von Donnerstag, ab Trackwalk, bis Sonntag dauerhaft in dieser Zone sein. Dieses "Crazy-Environment" im Kopf ist nicht gesund. Mir gefällt diese Phase auch nicht: Du bist mega nervös, dir ist schlecht. Deshalb bin ich froh, dass ich mich nur für ein paar Stunden am Wochenende wirklich so fühle, nicht die ganze Zeit.

Wie kommst du vor dem Race-Run in deine "Zone"?

Sobald ich aufs Warm-up-Bike steige: Warm-up abspulen, Musik rein. Dann versuche ich mich mental in meinen "Happy Place" zu bringen und mich zu hypen. Es gibt Tage, an denen ich mich nicht automatisch risikofreudig fühle. Dann muss ich mein Gehirn austricksen, um trotzdem abzuliefern. Das wird mit jedem Jahr schwieriger. Man wird älter, und die Konsequenzen werden einem bewusst.

Monica Gasbichler/@mediamoni
In deiner YouTube-Serie "It is what it is" (IIWII) bist du sehr offen. Fühlst du dich in der Pflicht, dich rechtfertigen zu müssen, wenn es sportlich gerade nicht so läuft?

Ja, sehr. Oft heißt es sofort: "Warum gewinnst du nicht?", ohne zu wissen, was privat oder gesundheitlich abgeht. Ich finde aber nicht, dass man alles direkt öffentlich besprechen muss, nur um sich zu rechtfertigen. Wir sind keine Maschinen und können nicht immer funktionieren. Ich selbst war lange extrem hart zu mir und hatte sehr hohe Erwartungen an mich – erst seit ein, zwei Jahren gehe ich deutlich achtsamer mit mir um.

Wie sehr wird diese Erwartungshaltung durch die sozialen Medien verstärkt?

Sehr stark. Social Media ist oft nervig, aber es gehört inzwischen zum Job und ist Teil von Verträgen. Gefährlich finde ich, dass Leute glauben, sie würden dich wirklich kennen, nur weil sie dir folgen oder "IIWII" schauen. Vor der Kamera kann ich gut reden, aber im Bikepark mache ich kaum Smalltalk. Nicht aus Arroganz, sondern weil ich schüchtern bin und Schiss vor Menschen habe.

Der World Cup wird immer elitärer. Geht die Entwicklung aus deiner Sicht in die richtige Richtung?

Ich finde es immer lustig, dass alle Downhill mit der Formel 1 vergleichen. Davon sind wir weit weg. Es fehlt an Struktur, vor allem finanziell. Die BikeIndustrie struggelt. Warner Bros. versucht zwar in den Mainstream zu kommen, aber Downhill bleibt ein Nischensport. Gleichzeitig wird es komplizierter, den World Cup überhaupt live zu schauen. Selbst ich blicke bei Eurosport, Discovery Plus und Co. manchmal nicht durch. Außerdem habe ich nicht das Gefühl, dass allein durch Warner Bros. automatisch neue Partner aufspringen.

Dieses Jahr findet der erste Weltcup in Asien, in Südkorea, statt. Was hältst du davon?

Ich finde es cool. Es heißt schließlich World Cup und nicht European Cup. Klar, das ist vielleicht auch ein bisschen eigennützig, aber ich freue mich, nach Südkorea zu kommen, und will ein paar Tage dranhängen und mir die Hauptstadt anschauen. Ich finde, es braucht auch mehr Rennen in Amerika. Auch in Südamerika gibt’s krasse Fans, der Bike-Markt boomt, vielleicht sollte man da mal hin ...

Ist das am Ende wieder eine Budgetfrage?

Richtig, die Teams haben wenig Cash, und unter Warner Bros. müssen sie mehr als das Doppelte an Budget aufbringen, um überhaupt ein Elite-Team zu sein. Bislang ist jedoch kein echter Mehrwert erkennbar. Das Risiko besteht darin, dass man die Zukunft des Downhills gefährdet. Alles wird elitärer, aber wir haben keine B-Liga. Für alle, die sich nicht für den Weltcup qualifizieren, muss es trotzdem einen Platz geben, sonst stirbt das irgendwann aus. Nicht jeder wird geboren und kann sofort Weltcup fahren. Man braucht ein paar Jahre, um in dieses Niveau hineinzuwachsen.

Commencal
Lass uns etwas über Technik sprechen. Was war für dich die größte Innovation der letzten Jahre?

Es entwickelt sich alles so schnell, da kommt man kaum hinterher. Früher waren es Tire-Inserts, jetzt ist es O-Chain. Die elektronische Schaltung ist für mich nicht mehr wegzudenken, auch wenn man immer an die Akkus denken muss. Die Bikes sind jetzt teilweise so leicht geworden, dass man wieder Gewicht draufpackt. Ich bin letzte Saison mit 500 Gramm mehr im Rahmen gefahren, auf schnellen Strecken rollt das einfach besser, etwa auf dem Motoway in Leogang. Auf technischen Tracks hat weniger Gewicht dagegen wieder Vorteile.Mit dem neuen Team kommt auch wieder viel Testing.

Was testet ihr genau?

Wir testen alles: Goggle-Lenses, Reifen, Griffe, Handschuhe, Kneepads. Im Rennen ist natürlich alles schon auf einem sehr hohen Level, da geht’s dann um Feintuning und kleine Anpassungen.Und dann gibt es für jeden Track ein neues Setup?Mehr oder weniger. Du hast ein "Base-Setting", von dem aus du arbeitest. Bei mir ist es meistens nur der Rebound, Compression ändere ich eher selten. Letzte Saison haben wir aber schon ein bisschen mehr ausprobiert.

Haben sich deine persönlichen Vorlieben geändert?

Komplett. Vor fünf Jahren hatte ich noch keine Ahnung von Suspension, erst in den letzten zwei Jahren habe ich mich intensiver damit beschäftigt. Früher ging es mir vor allem darum, ohne Sturz ins Ziel zu kommen. Heute habe ich eine andere Leichtigkeit. Trotz hohem Speed, kann mich viel mehr aufs Bike konzentrieren, bekomme Feedback und kann das auch einordnen. Mich interessiert die Kinematik nicht im Detail, ich will einfach Spaß haben. Aber die Realität ist: Auf dem Level musst du jeden kleinsten Vorteil für dich nutzen.

Die Strecken werden immer schneller und extremer. Wohin geht die Entwicklung bei Bikes und Equipment, und was muss sich dringend verbessern?

Für uns Fahrer wird Sicherheit immer wichtiger: bessere Protektoren, bessere Helme und weiterentwickelte Standards. Am Ende sind wir auch ein Produkt von Warner Bros. Sie wollen, dass Downhill möglichst spektakulär aussieht. Aber dann schlagen wir eben auch schneller und härter ein, prallen gegen Bäume. Deshalb wäre es wichtig, dass bei Protektoren und Schutztechnik mehr passiert. Motocross-Helme sind aktuell sicherer als Mountainbike-Helme. Und das Airbag-Thema finde ich spannend: Aus dem alpinen Skifahren kennt man Systeme, die auslösen, wenn du dich in einem ungewöhnlichen Winkel bewegst oder kopfüber bist, weil oft der erste Einschlag den größten Schaden macht. So eine Technologie wäre für uns extrem wichtig.

Eigentlich müsste ja nicht nur die Ausrüstung sicherer werden, sondern auch die Strecken – oder?

Ja, aber dann wirkt es im Fernsehen weniger spektakulär und lässt sich womöglich schlechter vermarkten. Für uns Fahrer sind tatsächlich die langsameren, technischeren Strecken cooler, weil wir uns dort besser voneinander abheben können.

Apropos spektakulär: Du warst letztes Jahr bei der Hardline in Tasmanien und bist das Training mitgefahren. Steht ein Full Run jetzt auf der Bucketliste?

Nein, Hardline ist nichts für mich. Ich wurde jahrelang gefragt und hatte immer Ausreden, nicht hinzufliegen, letztes Jahr leider nicht. Es war krass zu sehen, was die Mädels dort liefern. Für mich war das Training viel zu kurz: Du arbeitest Feature für Feature ab, schaust es an, machst es einmal und dann geht’s direkt weiter. Das hat mich total überfordert, weil ich so große Sachen nicht gewohnt bin. Allein die ersten Features oben haben mich komplett fertig gemacht. Ich kann das nicht nur einmal springen. Bei mir gilt eher: Einmal ist kein Mal, ich muss es mindestens zweimal machen, damit es sitzt. Und wenn du dich nicht langsam rantasten kannst, ist es schwierig. Das Crash-Risiko ist brutal. Ich will das niemandem "madig" machen, aber ich bin nicht bereit, für so einen Nervenkitzel dieses hohe Verletzungsrisiko einzugehen.

Wir haben ja auch schon gesehen, welche Konzequenzen das für eine Rennsaison haben kann …

Auf der anderen Seite finde ich es mega cool, weil es eine neue Nische öffnet. Es gibt Freeriderinnen, die eher Rampage-mäßig unterwegs sind, Slopestyle-Girls und jetzt eben diese Hard-DownhillRacerinnen. Das bringt Diversität rein, und die braucht der Sport auch. Und von all denen sind wir klassischen Downhill-Racer am Ende wahrscheinlich sogar die "Langweiligsten". Das ist wie beim Skifahren: Alpin versus Freeride oder Freeski – in jeder Disziplin gibt es die Cool Kids, und dann gibt es uns, die klassischen Rennfahrer.