Mit dem Rallon RS präsentiert Orbea ein Bike, das die Grenzen zwischen Bio-Bike, Light-E-MTB und Hightech-Trailmaschine neu definieren will. Als Basis dient das im Vorjahr vorgestellte Rallon, das je nach Aufbau zwischen Enduro und Downhill angesiedelt ist.
Kurz & knapp: Orbea Rallon RS
- TQ HPR40 Light-Motor (40 Nm) mit 290-Wh-Akku
- Enduro-Plattform auf Rallon-Basis (180-/170-mm-Federweg)
- Mullet oder Full-29”-Setup möglich
- RS-Software mit App-Steuerung für Motor & Komponenten
- Fox-Live-Valve-Neo-Dämpfer (LTD-Version)
- Orbea MC10 RS Smart Dropper mit Positionssensor
- Carbonrahmen in vier Größen (S–XL)
- Gewicht 18 kg
- Preis: ab 10999 Euro (Team) bis 14999 Euro (LTD)
Die Idee hinter dem Rallon RS: ein klassisches Enduro mit 180 mm Federweg vorn und 170 mm am Heck, kombiniert mit einem minimalistischen Motor. Herzstück ist der TQ HPR40-Antrieb. Ursprünglich für Rennräder entwickelt, liefert er 40 Nm Drehmoment und 200 Watt Leistung. Kombiniert wird er mit einem 290-Wh-Akku, der je nach Fahrmodus und Fahrertyp eine Reichweite von 1200 bis 1800 Höhenmetern ermöglichen soll. Optional lässt sich ein 160-Wh-Range-Extender integrieren.
Mehr als ein Light-E-Bike
Das Ergebnis ist ein Bike, das optisch kaum als E-Mountainbike zu erkennen ist – und der Light-E-Klasse neuen Auftrieb geben könnte.
Orbea selbst betont, dass das Rallon RS bewusst nicht aus Trends oder Marktdruck heraus entstanden ist. Als genossenschaftlich organisiertes Unternehmen verfüge man über eine Struktur, in der alle Beteiligten ein Mitspracherecht haben. Das Rallon RS sei entwickelt worden, um Fragen zu stellen, Grenzen zu verschieben und alternative Wege im Mountainbiken zu erkunden. Der Passus lässt darauf schließen, dass die beiden zum Launch vorgestellten Rallon-RS-Modelle nur in sehr kleiner Stückzahl verfügbar sind.
Entsprechend positioniert Orbea das Rallon RS als Technologieträger. In der LTD-Version haben die Basken alles verbaut, was derzeit technisch möglich ist: den elektronisch gesteuerten Fox-Live-Valve-Neo-Dämpfer, die elektronische Shimano-XTR-Schaltung sowie die neue Orbea MC10 RS Smart Dropper, die bereits im Herbst mit dem Orbea Rise RS vorgestellt wurde.

Ganz ehrlich: Ich bin hin- und hergerissen. Als Technik-Nerd fasziniert mich das Rallon RS enorm. Das Zusammenspiel der elektronischen Komponenten, die Vernetzung von Motor, Fahrwerk und Variostütze – und vor allem der Gedanke der minimalen Unterstützung – sind technisch beeindruckend und weit gedacht.
Als Mountainbiker bin ich jedoch skeptischer. Ist das wirklich die Zukunft? Wir haben heute bereits Full-Power-E-MTBs um die 20 Kilogramm, mit denen man unglaublich viel Spaß haben kann. Und wer primär fitter werden will, greift ohnehin weiterhin zum Bio-Bike. Klar, das Rallon RS positioniert sich mit sehr geringer Motor-Power dazwischen. Ich hätte mir zusätzliche spannende Features gewünscht, wie etwa eine Fitness-App mit puls- oder wattbasierten Trainingsfunktionen.
Dazu kommt eine weitere, unbequeme Frage: Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für ein Bike, das bis zu 15000 Euro kostet? Die Kauflaune am MTB-Markt ist gedämpft. Viele Marken kämpfen mit Absatzproblemen und vollen Lagern – gleichzeitig haben viele Menschen in Deutschland weniger Geld zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund wirkt ein weiteres High-End-Bike fast schon wie ein Produkt aus einer anderen Realität.
Aber genau das macht das Rallon RS ja auch spannend. Es ist kein Mainstream-Bike, sondern ein mutiges Statement – und vielleicht genau deshalb eines der interessantesten Mountainbikes des Jahres. Dass Orbea wegweisende Bikes bauen kann, haben die Basken bereits bewiesen – als sie mit dem Rise RS das damalige Light-E-Segment aufmischten.
RS-Software: Wenn Bike, Motor und Fahrwerk miteinander sprechen
Mit dem Rise RS führte Orbea bereits die neue RS-Software ein. Über eine App lassen sich Motor, Fahrwerkslogik und Variostütze konfigurieren und steuern.

Der RS-Controller am linken Lenker ist die Schaltzentrale des gesamten Systems. Über ihn steuert der Fahrer nicht nur die Unterstützungsstufen des TQ-Motors, sondern auch die elektronische MC10-RS-Variostütze. Entscheidend ist jedoch die Systemlogik dahinter: Der Controller ist Teil der RS-Software, die Motor, Fahrwerk und Dropper miteinander vernetzt. So lassen sich nicht nur einzelne Funktionen abrufen, sondern auch Fahrsituationen vorausschauend beeinflussen – etwa die Vorbereitung der Dropper auf eine Abfahrt oder die Anpassung des Motors an die Fahrposition.
Motor, Fahrwerk und Variostütze sollen dabei so eng miteinander verknüpft sein, dass jede Komponente in Echtzeit auf gemeinsame Daten reagieren kann. Das System verbindet den Fox-Live-Valve-Neo-Dämpfer, die MC10-RS-Variostütze und den TQ-Motor. Gespeist werden alle Komponenten aus dem 290-Wh-Akku.
Die RS Funktionen auf einen Blick: Motordaten steuern das Fahrwerk
Der Dämpfer erhält Informationen wie Trittfrequenz, eingebrachte Tretleistung, Motorleistung und Geschwindigkeit direkt vom TQ-Motor. Orbeas Algorithmen nutzen diese Daten, um das Fahrwerk vorhersehbar und blitzschnell an die Fahrsituation anzupassen.

Schlüsselrolle der Variostütze: Die Sensorik der MC10-RS-Variostütze misst ihre Position mehrmals pro Sekunde und liefert zentrale Daten für die RS-Systemsteuerung. Gespeist wird sie über den Hauptakku.
Die Position der Variostütze beeinflusst das Fahrwerk
Die MC10-RS-Variostütze misst ihre exakte Position mehrmals pro Sekunde über einen Sensor. Ist die Stütze abgesenkt, bleibt der Dämpfer vollständig offen, um maximale Performance bergab zu ermöglichen.
Ein besonders cleveres Detail: Wird die Variostütze im Smart-Modus zweimal betätigt, bleibt sie beim Absenken auf einer zuvor definierten Höhe stehen – ideal für kurze Gegenanstiege oder technische Uphills.
Der Motor erkennt Gelände und Fahrposition
Der TQ-Motor erkennt, wenn das Bike bergab ausgerichtet ist und die Variostütze abgesenkt wurde. In diesem Fall reduziert er die Unterstützung automatisch, um in technischen Passagen nicht störend einzugreifen.
Gewicht: Überraschend nah am Bio-Bike
Das Topmodell des Rallon RS soll rund 18 Kilogramm wiegen. Der TQ-HPR40-Motor bringt dabei lediglich etwa 1,2 Kilogramm auf die Waage, der Akku rund 1,5 Kilogramm. In Summe soll das Rallon RS damit nur rund 1,8 Kilogramm schwerer als ein vergleichbares Rallon ohne Motor sein.

Geometrie & Setup: Viel Spielraum für Fahrstil und Terrain
Natürlich bietet Orbea das Rallon RS sowohl als Mullet-Setup (29"/27,5") als auch als Full-29er an. Der Carbonrahmen ist in vier Größen erhältlich: S, M, L und XL.
Unter einer kleinen Klappe im Bereich des Motors sitzt ein Flip-Chip, über den sich das Tretlager um 8 Millimeter absenken lässt, gleichzeitig wird der Lenkwinkel um 0,5 Grad flacher. Zusätzlich ermöglicht ein verstellbarer Steuersatz eine Feinjustierung des Lenkwinkels um ±0,75 Grad – so lässt sich das Rallon RS je nach Fahrstil und Terrain stärker auf Laufruhe oder Agilität trimmen.
Zusätzlich erlaubt das Rallon RS den Wechsel zwischen Mullet- und 29”-Setup, ohne dass sich die grundlegende Geometrie verändert. Auch das Orbea-typische Steep-’n’-Deep-Konzept kommt zum Einsatz. Alle Rahmengrößen nehmen lange Variostützen auf, in den Größen L und XL sogar Modelle bis zu 240 Millimeter Hub.
Lenkwinkel: 64,25°
Enduro-lastig, aber auch nicht zu steil
Sitzwinkel: 79,25°
Sehr steil, Klettereffizienz, kann gewöhnungsbedürftig sein
Reach (Rahmenlänge):
- S: 430 mm
- M: 455 mm
- L: 478 mm
- XL: 505 mm
Moderne, progressive Geometrie mit viel Bewegungsfreiheit
Kettenstreben:
- 445 mm (alle Größen)
Stabilität statt Verspieltheit

Die Team-Variante ist mit 10999 Euro zwar günstiger, verzichtet jedoch auf das Live-Valve-Neo-Fahrwerk. Das zeigt, wie weit der volle Funktionsumfang der RS-Technologie noch von einem breiten Massenmarkt entfernt ist.





