ZF war 2018 mit hohen Erwartungen in den E-Bike-Markt gestartet. Auf der Eurobike präsentierte der Konzern erstmals seine Pläne, mit offenen, modularen Antriebssystemen eine Alternative zu etablierten Playern wie Bosch zu schaffen. Grundlage dafür war die Übernahme von Sachs Micro Mobility, aus der zunächst ein Joint Venture mit BrakeForceOne und Magura hervorging. ZF hielt damals bereits 48 Prozent der Anteile und übernahm das Unternehmen 2020 vollständig.
Auch wir hatten mit großem Interesse die Entwicklung des neuen Centrix-Motorsystems „made in Europe“ verfolgt, der 2024 zeitgleich mit DJI auf der Eurobike präsentiert wurde.
Marktdruck zwingt zu strategischem Rückzug

Klein, zylindrisch, wahlweise mit 75 oder 90 Nm maximalem Drehmoment: Das war der Centrix-Motor von ZF.
Doch der Druck auf den Märkten für Elektromobilität wächst. In einem Finanzbericht vom 23. Januar erklärte ZF, man habe im Zuge einer Umstrukturierung mehrere Projekte im Bereich elektrifizierter Antriebe vorzeitig beendet. Grund sei die langsamere Marktdurchdringung von Elektrofahrzeugen, wodurch Rentabilitätsziele nicht erreichbar gewesen wären.
Auf Nachfrage des Branchenmagazins Bike Europe stellte ZF klar, dass sich diese Aussage zwar primär auf die Automotive-Sparte beziehe, der E-Bike-Markt in Europa jedoch ebenfalls unter Druck stehe. "Wir haben unsere Vertriebsaktivitäten in diesem Bereich vorübergehend eingestellt und prüfen derzeit, wie wir unsere Aktivitäten fortsetzen können", so ein Unternehmenssprecher zu Bike Europe.
Wichtig
Auch wir haben ZF um eine Stellungnahme gebeten und halten euch auf dem Laufenden, sobald es neue Infos gibt.
Raymon beendet Zusammenarbeit

Im Raymon Tarok wurde der ZF Centrix 2024 gelauncht.
Zu den Marken, die bislang ZF-Komponenten einsetzten, zählten unter anderem Raymon, Bergstrom, Storck und Ultima Mobility. Insbesondere Raymon spielte eine zentrale Rolle: Die Marke fungierte 2024 als Launchpartner für das neue ZF-Centrix-System im E-Bike-Modell Tarok.
Doch auch diese Partnerschaft ist inzwischen beendet. Raymon bestätigte gegenüber Bike Europe, dass man die Zusammenarbeit mit ZF nicht fortsetzen werde. Stattdessen setzt das Unternehmen weiterhin auf Bosch und Yamaha. Die Entscheidung sei Teil der strategischen Portfolioentwicklung und basiere auf der langjährigen, bewährten Zusammenarbeit mit diesen Antriebspartnern.
Fehlender Großkunde als Schlüsselfaktor
Branchenkreise sehen im Fehlen eines großen OEM-Kunden einen der Hauptgründe für die Schwierigkeiten von ZF im E-Bike-Segment. Trotz technologischer Kompetenz, hoher Investitionen und Automotive-Erfahrung gelang es dem Konzern nicht, ausreichend Marktanteile zu gewinnen, um das Geschäft langfristig abzusichern.
Kein Einzelfall in der Branche
ZF ist nicht der erste deutsche Automobilzulieferer, der sich aus dem E-Bike-Markt zurückzieht. Bereits zuvor hatte Brose sein E-Bike-Antriebsgeschäft an Yamaha Motor Co. abgegeben. Noch vor wenigen Jahren galt der E-Bike-Markt als Hoffnungsträger für die Automobilindustrie – insbesondere vor dem Hintergrund sinkender Verbrennerverkäufe.
Der Fall ZF zeigt jedoch, wie anspruchsvoll und gesättigt der E-Bike-Markt inzwischen ist. Technologische Exzellenz allein reicht nicht aus, um sich gegen etablierte Systeme durchzusetzen. Für Hersteller und Zulieferer wird es zunehmend entscheidend, nicht nur innovative Technik zu liefern, sondern auch stabile Partnerschaften und ein belastbares Geschäftsmodell aufzubauen.





