Kürzlich wollte ich nach einem langen Homeoffice-Tag noch eine kurze Feierabendrunde drehen. Meine Strecke führte bewusst zu 90 Prozent über Landwirtschaftswege, die für den normalen motorisierten Verkehr gesperrt sind. Meine Gedanken kreisten, die Anspannung des Tages löste sich – Flow. Doch der wurde gestört – von immer mehr Autos, die mir entgegen kamen oder mich überholten. Frust baute sich bei mir auf. Und Wut darüber, dass – so meine Wahrnehmung – so viele Autofahrerinnen und -fahrer eine parallele Streckensperrung auf der Hauptstraße durch Ausweichen auf für sie verbotene Schleichwege umgingen. Das x-te Auto näherte sich von hinten, der Feldweg kaum breiter als das Auto selbst – keine Chance, sicher zu überholen. Doch auch bei kurzen Ausbuchtungen, wich ich jetzt nicht aus oder hielt gar an, um das Auto passieren zu lassen. Bald kam das nächste Auto von vorne, die Beiden mussten rangieren, ich fuhr ungestört weiter.

Auf schmalen Feldwegen wird der Platz schnell knapp, wenn dort ein Auto fährt.
Drei Abzweigungen weiter kam mir das nächste Auto entgegen, machte auch rücksichtsvoll Platz. Doch ich hatte den Kanal voll, hielt an und fragte die junge Fahrerin, was denn heute los sei und mit welcher Erklärung auch sie auf einem für sie verbotenen Feldweg Auto fahre. Sie wolle mit ihrem Hund am Waldrand spazieren, dort sei es so schön, und sie habe ja extra viel Platz gemacht, lautete die Antwort. Da hatte sie zwar Recht, mein Argument, dass es aber auch Verkehrsregeln gäbe, an die man sich halten könne, kommentierte sie nicht. Mittlerweile kam das Auto, das mich vorher nicht hatte überholen können, von hinten ran, ebenfalls mit einer jungen Fahrerin – die offensichtlich auch Redebedarf hatte. Sie verwies auf ihr Schild an der Windschutzscheibe – Landwirtschaft.
Ich gebe zu, ich guckte dumm aus der Wäsche – sie durfte hier fahren, ich hatte sie ausgebremst. Ich versteckte mich hinter dem rechtlich korrekten Verweis, dass sie den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von mindestens zwei Metern außerorts beim Überholen gar nicht hätte einhalten können, insofern Überholen so oder so für sie nicht möglich gewesen sei. Die Landwirtin räumte das ein, betonte aber, man könne doch immer Rücksicht aufeinander nehmen und schauen, dass niemand übergebührlich beeinträchtigt würde. Was die Hundebesitzerin ebenfalls erneut aufgriff. Zwischenzeitlich hatten unseretwegen gleich drei weitere Autos anhalten müssen – mit und ohne Freigabe für Wirtschaftswege. Wir beendeten unsere übrigens stets respektvolle und in angemessenen Ton geführte Diskussion, ohne einen Konsens gefunden zu haben, und fuhren unserer Wege.

Gegenseitige Rücksichtnahme - vor allem aber der Stärkeren gegenüber den Schwächeren im Verkehr - ist stets gefordert.
Ich habe noch lange darüber nachgedacht, wer nun Recht hatte. Im rechtlichen Sinne. Im zwischenmenschlichen Sinne. Und ob ich mich wie ein Korinthenkacker verhalten habe. Eine befriedigende Antwort habe ich bislang nicht gefunden. Immerhin: Während jener Radtour bin ich Autos nur noch dort begegnet, wo sie auch definitiv fahren dürfen.
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