Sie sind das aktuell größte Thema in der Gravelbike-Szene. Im Wortsinn, denn über die Laufräder im Maxi-Format wird überall gesprochen. Jetzt ist es so weit. Das wohl erste 32-Zoll-Gravelbike in Serie ist zu haben. Die junge Marke Avona aus dem Westerwald bietet ab sofort die 32er-Version ihres Race-Gravelbikes Callis an. Los geht’s mit drei Ausstattungsvarianten ab 5799 Euro, den Rahmensatz gibt es für 3599 Euro.
Kurz & knapp: Avona Callis 32
- Premiere: 32-Zoll-Gravelbike aus Serienfertigung
- Rahmensatz: Carbon
- Reifenfreiheit: 55 mm
- Verfügbar: ab sofort im Fachhandel und Online-Shop
- Gewicht Testrad: 7,9 kg (Gr. M)
- Gewicht Rahmenset: 890 g (lackiert)
- Preis Komplettrad: ab 5799 Euro
- Preis Rahmenset: 3599 Euro
Dabei rollt das Callis 32 mit einem dicken Erfolg im Gepäck in den Markt. Denn pilotiert von Leon Kaiser hat es im September bereits ein Rennen der UCI Gravel World Series in Girona gewonnen. Dabei konnte der deutsche Radsportler laut Avona einen Vorteil von 8 bis 16 Watt bei Tempo 35 nutzen. Denn so viel Leistung soll das 32er-Modell im Vergleich zum 29er-Callis je nach Gelände einsparen. Besonders auf etwas ruppigerem, aber noch nicht zu verblocktem Terrain spielt das Bike demnach seinen Vorteil aus. Avona nennt das "Kategorie 2 Gravel" – nicht zu verwechseln mit Type 2 Fun.
Besondere Herausforderungen
Bei der Weiterentwicklung des bewährten Avona Callis Richtung 32 Zoll galt es, die typischen Herausforderungen größerer Laufräder zu lösen. Denn neben Vorteilen wie besserem Überrollverhalten, hoher Spurtreue, mehr Grip, oder dem Halten der Geschwindigkeit, bringen größere Räder zumindest in der Theorie auch gewisse Nachteile mit sich. Dazu zählen zum Beispiel eine geringere Seitensteifigkeit, die trägere Beschleunigung oder das höhere Gewicht.

Zugegeben: Der Anblick von Gravelbikes mit 32-Zoll-Laufrädern wirkt aktuell noch gewöhnungsbedürftig.
Zumindest die Sache mit dem Gewicht hat Avona eindrucksvoll gelöst. Laut Herstellerangaben wiegen der Rahmen nur 898 und die Gabel 409 Gramm. Das sind in Summe 136 Gramm weniger als beim 29er-Callis. Zwar muss das Mehrgewicht vor allem größerer Laufräder und Reifen einkalkuliert werden, aber dennoch: Unser Testbike Avona Callis 32 Force brachte nur schlanke 7,9 Kilogramm auf die Waage.
Angepasste Geometrie und Boost-Standard
Die vielleicht größte Herausforderung bei der Entwicklung eines 32-Zoll-Gravelbikes dürfte jedoch die Geometrie sein. Schließlich verknappen die größeren Laufräder das Platzangebot im Rahmen erheblich. Entsprechend spannend ist der direkte Vergleich von Callis 32 zum Schwestermodell Callis 29. Dabei ist der Lenkwinkel beim 32er-Modell ein wenig flacher und der Offset der Gabel etwas länger, insgesamt wächst der Nachlauf durch die größeren Laufräder von 68 auf 82 mm, die Kettenstrebe von 420 auf 440 mm und der Radstand insgesamt von 1012 auf 1050 mm. Alles in allem wächst das Rad in der 32-Zoll-Version um etwa 7,5 cm in die Länge. Auch der Sitzwinkel ist beim 32er-Callis mit 72,6° zu 73,5° flacher als beim 29er. Um die Sitzposition und den effektiven Sitzwinkel anzupassen, bietet Avona das Bike mit drei verschiedenen Sattelstützen mit 0, 15 oder 30 mm Offset nach hinten.

Über Sattelstützen mit Offset lässt sich die effektive Sitzposition auf dem Callis 32 anpassen.
Wesentliche Änderungen sind zudem das deutlich kürzere Steuerrohr (80 statt 131 mm), das deutliche tiefer abgesenkte Tretlager (112 statt 75 mm) und die durch den Boost-Standard längeren Achsen, beziehungsweise breiteren Naben (148 statt 142 mm hinten und 110 statt 100 mm vorne). Diese sind notwendig, damit der Speichenwinkel der Laufräder nicht zu steil wird, sonst würde die Seitensteifigkeit spürbar leiden. Das bedeutet natürlich auch: 29-Zoll-Laufräder können schon aufgrund der schmaleren Naben nicht in dem 32er-Rahmen genutzt werden.
Größere Laufräder, weniger Platz
Einschränkungen bringt das Callis 32 hinsichtlich der Bikepacking-Optionen. Denn die deutlich größeren Laufräder in Kombination mit einer möglichst identischen Sitzposition und einem in manchen Dimension gar kleineren Rahmen bedeuten auch weniger Platz für Taschen. So bietet das Rahmendreieck weniger Raum, auch der Abstand vom Lenker zum Reifen ist so gering, das sich höchstens sehr kleine Lenkertaschen anbringen ließen. Umso wichtiger wird das ins Unterrohr des Rahmens integrierte Staufach, welches das Callis 32 von seiner kleinen Schwester übernimmt. Hier finden etwa Notfall-Schlauch und Reparatur-Kit Platz.

Hoher Reifen, tiefes Cockpit: Für eine Lenkertasche bleibt hier kaum Platz.
Avona bietet das Callis 32 in den drei Varianten Rival, Force und Red sowie in den drei Rahmengrößen M, L und XL an. Damit will man Körpergrößen von 165 bis 200 cm abdecken. Das Rad ist ab sofort im Fachhandel und im Online-Shop erhältlich.
Die Modelle im Überblick
Avona Callis 32 Rival
- Rahmensatz: Carbon
- Sattelstütze: Faserwerk Wuthocker Aero (Carbon)
- Cockpit: Vorbau + Lenker aus Aluminium
- Sattel: Repente Quasar S
- Schaltung: Sram Rival XPLR AXS 1x13
- Übersetzung: 40T x 10-46
- Felgen: Faserwerk Kornkreis 42 mm (Carbon)
- Naben: DT Swiss 350
- Reifen: Schwalbe G-One RS Pro, 50 mm
- Preis: 5799 Euro
Avona Callis 32 Force
- Rahmensatz: Carbon
- Sattelstütze: Faserwerk Wuthocker Aero (Carbon)
- Cockpit: Faserwerk Luftschneider One-Piece (Carbon)
- Sattel: Repente Quasar
- Schaltung: Sram Force XPLR AXS 1x13
- Übersetzung: 40T x 10-46
- Felgen: Faserwerk Kornkreis 42 mm (Carbon)
- Naben: DT Swiss 240
- Reifen: Schwalbe G-One RS Pro, 50 mm
- Preis: 6599 Euro
Avona Callis 32 Red
- Rahmensatz: Carbon
- Sattelstütze: Faserwerk Wuthocker Aero (Carbon)
- Cockpit: Faserwerk Luftschneider One-Piece (Carbon)
- Sattel: Repente Quasar
- Schaltung: Sram Red XPLR AXS 1x13
- Übersetzung: 40T x 10-46
- Felgen: Faserwerk Kornkreis 42 mm (Carbon)
- Naben: DT Swiss 240
- Reifen: Schwalbe G-One RS Pro, 50 mm
- Preis: 8899 Euro

Das Avona Callis 32 im ersten Praxistest.
Das neue Avona Callis 32 im ersten Test
Die spannendste Frage lautet natürlich: Wie fährt sich das Riesenrad von Avona denn nun? Wir geben die Antwort, denn wir konnten das Callis 32 in der Ausstattung mit Sram Force XPLR und Carbon-Laufrädern der Schwestermarke Faserwerk bereits ausgiebig testen. Die Testfahrer im Größenbereich von etwa 170 bis 185 Zentimetern kamen mit dem Rahmen in Größe M gut zurecht. Ein Fahrer klagte über Toe-Overlap, allerdings bei Schuhgröße 48.
Im Fahreinsatz fühlt sich das Gravelbike auf den ersten Metern zunächst ungewohnt an. Das Cockpit liegt recht tief, der Mensch sitzt etwas gestreckter im Sattel und bei langsamen Lenkmanövern wirkt das Bike etwas kippelig.

Für bis zu 55 Millimeter breite Reifen gibt Avona das Callis 32 offiziell frei.
Spätestens auf der ersten Schotterpassage kommt dann das Aha-Gefühl. Denn zum einen giert das Bike mit seinem geringen Gewicht und starkem Vortrieb nach Tempo. Spürbare Nachteile zu herkömmlichen Gravelbikes lassen sich hier kaum erkennen. Auch im Anstieg gerät es nicht ins Hintertreffen. Vor allem aber spielt das Callis 32 bei höherem Tempo seine größten Vorteile aus. Etwa indem es die einmal erreichte Geschwindigkeit in der Ebene mühelos hält. Oder durch seine auch auf rauerem Terrain hohe Spurtreue. Diese wirkt sich, kombiniert mit dem starken Überrollverhalten, auch in schnellen Abfahrten positiv aus. Wie auf Schienen rast das Bike bergab – und der Konkurrenz davon.
Viel Licht und etwas Schatten
Auf der anderen Seite der Medaille bringt die hohe Spurtreue aber auch ein spürbares Untersteuern mit sich, das Handling wirkt weniger agil. So sind etwa in schnellen Kurven kleine Lenkkorrekturen nötig, damit das Bike nicht einfach geradeaus fährt. Das trägere Handling bringt theoretisch auch Nachteile in technischeren Abschnitten. Praktisch werden sie durch die großen Laufräder allerdings ausgeglichen. Denn die 32er-Räder rollen über Steine und Wurzeln einfach hinweg. Schon optisch etwas unterdimensioniert wirken die 160-mm-Bremsscheiben vorne und hinten. In der Praxis hatten wir aber keinen Grund an der starken Bremsperformance des Bikes zu meckern.

Die 32-Zoll-Carbon-Felgen rollen mit den 50 mm breiten Reifen über kleinere Hindernisse locker hinweg.
Gekonnt spielt das Callis 32 im Test auch seine Vorteile im Fahrkomfort aus. Kleinere und größere Steinchen und Unebenheiten werden schon von den voluminöseren Reifen einfach geschluckt. Dabei kam am Testrad "nur" die 50-Millimeter-Version des serienmäßig montierten Schwalbe G-One RS Pro zum Einsatz. Rahmen und Gabel bieten aber auch Platz für 55 Millimeter breite Pneus. Auch das ebenfalls von Faserwerk stammende Carbon-Cockpit liegt gut in der Hand und erlaubt speziell in der schmalen am Testrad verbauten 38-Zentimeter-Version eine aerodynamische Sitzposition. Auf Wunsch gibt es das Cockpit aber auch in 40 oder 42 Zentimetern Breite.
Die sehr auf schnelle Rennen getrimmten Reifen selbst überzeugen mit viel Speed und wenig Rollwiederstand. Manche Testfahrer hätten sich aber etwas mehr Grip gewünscht. Speziell wer es auch mal etwas gröber mag, wäre mit profilierteren Reifen wie etwa dem G-One RX besser bedient.





