Manchmal geht es ganz schnell. Eben dachten alle noch, diese Nummer mit den 32 Zoll großen Reifen sei ein Scherz. Dann wird deutlich, dass an der Sache wohl doch etwas dran ist. Und jetzt sind sie schon da. Auf der Cyclingworld Europe in Düsseldorf staunten die Besucher über die ersten fahrbereiten Serien-Gravelbikes mit den riesigen Laufrädern. So wie das Veldt von der französischen Titan-Marke Chiru Bikes. Wir haben uns das Bike gleich für erste Testfahrten gesichert. Denn wir wollten wissen: Was ist wirklich dran, an dem Hype um die dicken Dinger?
Die Kernfrage dabei lautet: Bringen größere Laufräder einen echten Mehrwert? Oder sind sie vor allem eine Marketingidee? Denn der Verdacht liegt zumindest nahe, dass die Hersteller sich von der neuen Laufradgröße auch neue Kaufanreize versprechen. Woraus man kaum einen Vorwurf machen kann, schließlich leidet die Branche nunmehr seit Jahren unter der in wirtschaftlich angespannten Zeiten zurückhaltenden Investitionsbereitschaft der Kund:innen.
Taugt das Gravelbike mit 32-Zoll-Laufrädern also zum Heilsbringer? Welche Vorteile und Nachteile bringen die großen Räder? Und für wen eignen sie sich überhaupt? Um das herauszufinden, haben wir ein paar Rides mit dem Chiru Veldt : 32 absolviert. Im Fokus standen dabei natürlich in erster Linie die Laufräder, doch erstmal wollen wir in der Bildergalerie das schicke, außergewöhnliche Bike etwas näher vorstellen.
Im Detail: Chiru Veldt : 32
Technik-Grundlagen 32 Zoll vs. 28 Zoll: Durchmesser, Gewicht, Trägheit
In Laufraddebatten wird oft die Zollzahl genannt. Diese bezieht sich allerdings nicht auf die Felge, sondern auf den Außendurchmesser des Reifens. Entsprechend variiert sie mit Luftdruck und Felgeninnenbreite. So erklärt sich auch, warum manchmal von 28 und manchmal von 29 Zoll die Rede ist, obwohl es um die gleiche Felge geht. Den Unterschied macht hier schlicht die Größe des Reifens. Aussagekräftiger für den Vergleich ist daher der ETRTO-Innendurchmesser. ETRTO ist die Abkürzung für European Tyre and Rim Technical Organisation und bezeichnet die Normgrößen an der Stelle, an welcher der Reifen auf der Felge sitzt. Bei 32 Zoll liegt der Wert bei 686 Millimetern. Das sind rund zehn Prozent mehr als bei herkömmlichen Gravel-Reifen 622 Millimetern Innendurchmesser.

Direkter Vergleich: Vorne ein Gravelbike mit 28-Zoll-Laufrad, hinten unser Testbike mit 32 Zoll.
Wo der Durchmesser wächst, steigt das Gewicht. Erwartbar sind je Reifenpaar etwa 150 Gramm Mehrgewicht gegenüber 28 Zoll; bei gröberen Profilen könnte das Delta größer werden. Bei den Laufrädern beträgt der Unterschied zwischen 28 und 32 Zoll etwa 250 Gramm. Diese Masse sitzt weiter von der Achse entfernt – das erhöht das Trägheitsmoment.
Mehr Trägheitsmoment bedeutet: Es braucht mehr Kraft für Beschleunigen und Verzögern – kleinere Kettenblätter und größere Bremsscheiben werden bei 32 Zoll naheliegen. Gleichzeitig steigen die Kreiselkräfte: 32er halten Tempo besser, laufen ruhiger und spurtreuer – insbesondere bei Highspeed. Kompromiss: trägeres Einlenken. Der größte Vorteil bleibt das Überrollverhalten. Der flachere Anrollwinkel lässt Kanten "kleiner" wirken, reduziert Energieverluste und erhöht Komfort und Geschwindigkeit in ruppigem Terrain.
Der erste Fahreindruck
Wir konnten das Titan-Gravelbike Chiru Veldt : 32 mit den neuen Bike Ahead Biturbo 32" Carbon-Laufrädern und passenden Maxxis Aspen Reifen ausprobieren. Als Schaltung ist eine Mischung aus Sram Red und Force XPLR AXS an Bord, kombiniert mit Kurbel, Kassette, Schaltkäfig und Schaltröllchen aus dem Hause Garbaruk. Der Rahmen hat Größe M/L, die beiden Testfahrer lagen mit Körpergrößen von 174 und 178 cm eher am unteren Rand der 32-Zoll-Zielgruppe.

Ungewohnte Proportionen: In diesem Setup waren wir mit dem Titan-Gravelbike unterwegs.
Damit wären wir gleich bei einem großen Diskussionsthema: dem Look. Schließlich ändert sich mit den deutlich verschobenen Proportionen von Rahmen und Laufrädern auch die Optik. Zumindest Bikes mit kleinen bis mittleren Rahmengrößen wirken ein wenig wie der fahrradgewordene Monstertruck. Bei großen Rahmen im Bereich XL und mehr hingegen könnten die 32-Zoll-Laufräder im Gegenteil für einen harmonischeren Look sorgen.
Die Erfahrung zeigt aber auch, dass gerader der radsportliche Mensch seinen Geschmack schnell anpassen kann. Manche erinnern sich vielleicht noch an die ersten Mountainbikes mit 29-Zoll-Laufrädern, die Anfang der 2000er-Jahre vorgestellt wurden. Damals gab es ähnliche Diskussionen, bevor sich die Menschen rasch an die neue Optik gewöhnt haben. Ganz im Gegenteil wirkt ein 26-Zoll-MTB heute oft wie ein Kinderrad.

Flott unterwegs: Das 32-Zoll-Gravelbike während unserer ersten Testfahrten.
Ganz neues Gefühl
Die ersten Meter auf dem Riesenrad fühlen sich ungewöhnlich an, alles wirkt ein bisschen größer. Vor allem aber stört ein laut surrendes Geräusch, weil der Vorderreifen an der Lenkertasche schleift. Wenig Wunder, wenn der Reifen im Vergleich zum Gravelbike auf 28-Zoll-Felgen rund vier Zentimeter näher am Lenker sitzt.
Die erste positive Überraschung folgt im Wortsinn auf dem Fuße. Denn dieser streift selbst bei starkem Einschlag des Lenkers nicht am Vorderrad. Der gefürchtete Toe-Overlap, also das Überlappen der Schuhspitze mit dem Reifen, wäre eigentlich ein erwartbarer Effekt bei größeren Rädern an einem weniger großen Rahmen. Doch zumindest an unserem Testbike von Chiru haben wir damit keinerlei Probleme. Die Gründe dafür liegen in der mit 165 Millimetern vergleichsweise kurzen Kurbel sowie dem flachen Lenkwinkel und einer entsprechend weit nach vorne gebogenen Gabel.

Auch dank der mit 165 Millimetern vergleichsweise kurzen Kurbel ist Toe-Overlap am Veldt kein Thema.
Viel Speed und maximale Kontrolle
Diese Rahmen-Geometrie verleiht dem Veldt zwei besondere Charaktereigenschaften. Zum einen ein eher träges Handling. So lassen sich enge Kurven aufgrund des Lenkwinkels und des langen Radstands nicht so scharf nehmen, wie gewohnt. Auf der anderen Seite rollt das 32-Zoll-Gravelbike super stabil geradeaus. Einmal auf Tempo gebracht, rollt das Bike fast wie von selbst. In Kombination mit den breiten Reifen kann man es auf Schotter bergab einfach laufen lassen. Selbst von ruppigeren Abfahrten lässt sich das Bike überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Auch auf einer von Schlaglöchern durchsetzen Asphaltstraße konnte es diesen Vorteil während der Testfahrten ausspielen.
Dafür braucht das Bike mit den großen Laufrädern ein wenig mehr Zeit oder wahlweise Power, um in Schwung zu kommen. Schließlich wächst mit den Dimensionen auch das Gewicht von Laufrad und Reifen und somit der berüchtigten rotierenden Masse, die in Bewegung gebracht werden will. Auf der anderen Seite bringt mehr Breite auch mehr Grip, etwa in den Kurven. Oder in steileren Anstiegen auf losem Untergrund, wenn das Hinterrad selbst im Wiegetritt nicht durchrutscht. Zudem liefern die voluminösen Pneus einen besonders hohen Fahrkomfort.

Die breiten Reifen bringen nicht nur mehr Komfort, sondern sind auch spürbar griffiger.
Erstes Fazit
Wir können sagen: Die ersten Touren auf dem 32er-Gravelbike haben richtig Spaß gemacht. Vorteile wie der satte Geradeauslauf, der hohe Fahrkomfort oder der enorme Grip stellen Nachteile wie das etwas trägere Handling oder das höhere Gewicht klar in den Schatten. Richtig gut könnten sich solche Modelle etwa auf langen Schotterfahrten machen, wo etwaige Nachteile in engen Kurven nicht ins Gewicht fallen. Etwa als Reiserad, bei Bikepacking-Trips oder auch bei Rennen wie dem Unbound in den USA, mit schier endlos geradeaus laufenden Schotterwegen. Und das übrigens eben nicht nur für besonders groß gewachsene Menschen, sondern durchaus auch Radsportler:innen ab etwa 175 Zentimetern.
Man darf gespannt sein, wie sich das Thema 32 Zoll in den kommenden Monaten und Jahren entwickelt. Auf jeden Fall bringt die neue Laufradgröße auch eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich. So müssen nicht nur Rahmen und Geometrien komplett neu gedacht werden, auch das Zubehör ist betroffen. Dabei geht es nicht nur um die Frage nach passenden Gepäckträgern oder Schutzblechen. Auch die schieren Dimensionen der Monster-Gravelbikes wollen bedacht werden. Etwa beim Transport in der Bahn, im oder am Auto oder auch im Flugzeug. Schließlich könnten gängige Fahrradträger fürs Auto und Fahrradkoffer für den Flieger an ihre Grenzen stoßen. Auch in Wohnung, Keller oder Garage nimmt das Rad etwas mehr Platz ein.

Wo es geradeaus geht, fühlt sich das 32-Zoll-Bike besonders wohl. Gerne auch in ruppigerem Gelände.
Verfügbarkeit
Eine ganz wesentliche Frage lautet natürlich: Wann kann ich so ein Bike bekommen? Und was wird der Spaß kosten? Die konkrete Antwort mit Bezug auf das Chiru Veldt 32: Der Titan-Rahmen kann bereits bestellt werden und soll ab Juli erhältlich sein. Der Preis für das Set aus Rahmen, Gabel und Steuersatz startet bei 3910 Euro. Die Biturbo 32 Laufräder von Bike Ahead sind bereits erhältlich, sie kosten im Set 3599 Euro. Der ebenfalls bereits verfügbare Maxxis Aspen Reifen in 32 Zoll liegt bei 74,90 Euro pro Stück.

"Nicht! Euer! Ernst!" Grob vereinfacht dargestellt war das meine Reaktion, als ich im vergangenen Jahr mit dem DirtySixer Gravel zum ersten Mal ein echtes 32-Zoll-Gravelbike gesehen haben. Nach interessanten Gesprächen war bald klar: Für groß gewachsene Menschen kann das sehr sinnvoll sein. Aber doch nicht für mich mit meinen (fast) 180 cm! Zumal mir das Verhältnis der großen Laufräder zu einem kleinen bis mittelgroßen Rahmen optisch einfach nicht gefällt. Oder muss ich vielleicht sagen: noch nicht?
Trotzdem war ich natürlich aus rein beruflicher Neugier sehr gespannt, wie sich so ein Bike denn nun wirklich fährt. Und dann ist es eben wie so oft im Leben: Man weiß nicht, dass man etwas braucht, bis man es zum ersten Mal ausprobiert hat. Wobei: Brauche ich wirklich ein Gravelbike mit 32 Zoll Laufrädern? Wahrscheinlich nicht. Aber hätte ich Lust auf ein paar weitere Touren? Definitiv.
Pro
rollt besser über Hindernisse
hält den Speed konstanter
bietet mehr Traktion
erhöht den Komfort
läuft ruhiger
Contra
weniger agil
träger in der Beschleunigung
höheres Gesamtgewicht
bislang kaum kompatibles Zubehör





